Das Wort Bürgerjournalismus ist eine der großen Angst- und Hoffnungsvokabeln im Zusammenhang mit dem globalen Siegeszug des Breitbandnetzes. Mit ihren Handy- und Digitalkameras haben Passanten und Einheimische es schon häufiger geschafft, Ereignisse vor Ort schneller und vielseitiger zu dokumentieren als die Profi-Fotografen der großen Nachrichtenagenturen. Die sogenannten Bürgerjournalisten können zwar vielleicht keine ganz so schönen Bilder schießen, haben aber einen unbezahlbaren Vorteil: Sie sind immer schon vor Ort.
Die Bombenanschläge von London, Hurrikan "Katrina" und der Tsunami in Südostasien waren Ereignisse, die weltweite Aufmerksamkeit erlangten – und immer kamen die ersten Bilder von den Orten des Geschehens von Mobiltelefonen. Nun gibt die Agentur Reuters das Hase-und-Igel-Spiel mit den Telefon-Fotografen der Gegenwart auf – und holt sie ins Boot. "You Witness" heißt das System, das Reuters und Yahoo zusammen betreiben werden, um Hobbyfotografen die Möglichkeit zu geben, ihre Nachrichtenbilder loszuwerden. Web-Kompetenz soll sich wohl mit journalistischer vermählen, um die Konkurrenz auszustechen.
Die Fotos werden beurteilt, ausgewählte vertreibt Reuters dann an andere Medien. Auch Videos sollen in den neuen Dienst aufgenommen werden. Wie das Ganze vergütet werden soll – denn auch ein Amateurfotograf oder –kameramann freut sich über ein Honorar – scheint aber noch nicht festzustehen: Reuters selbst meldet, man arbeite noch an "einer an einer Möglichkeit, die Amateurfotografen zu bezahlen, wenn ihre Bilder von Medien kommerziell genutzt werden".
Die Sorge der Profis, die Sorgen der Verkäufer
"Unsere Nutzer liefern bereits oft einen qualifizierten Amateurjournalismus", erklärte Scott Moore, für den neuen Service verantwortlicher Manager bei Yahoo, das Projekt. Chris Ahearn von Reuters Media betonte, dass seine Agentur bereits jetzt für ausgewählte Bilder von Amateuren bezahle und dies auch beibehalten wolle. Ein berühmtes Bild der abstürzenden Concorde etwa stammt von einem Amateurfotografen.
Andere Medien setzen schon länger auf die aktuelle Berichterstattung mit Hilfe der Handy-Legionen – durchaus nicht ohne dafür heftige Kritik einzustecken. Bild schickt "Leserreporter" auf Prominenten-Hatz, der "Stern" sucht über "Augenzeuge.de" nach nachrichtlichen Bildern, man übernimmt ausgewählte Fotos aus der Online-Community "View" ins gleichnamige Print-Heft. Die Zeitschrift "Max" übernimmt Bilder aus der Foto-Community Flickr. Profi-Fotografen sind über diese Entwicklung nicht erfreut - sie befürchten langfristig die Entwertung ihrer eigenen Ausbildung und Leistung.
Lokale Medien nutzen die Möglichkeit, ihre Leser nicht nur als Ohren sondern auch als Augen zu nutzen ohnehin schon seit längerem. Bislang hielten sich die internationalen Konzerne dabei jedoch eher zurück. Qualitätsprobleme, die Angst vor Fälschungen und nicht zuletzt die Sorge vor einer geldgierigen Handy-Meute, die sich um jeden Unfallort versammeln könnte, galten bislang als gewichtige Argumente gegen den fotografischen "Bürgerjournalismus".
cis/rtr
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