Community-Millionendeal
Holtzbrinck schnappt sich StudiVZ
Von Christian Stöcker
Jetzt hat das Community-Fieber Deutschland erreicht: Das größte deutsche Online-Studentennetzwerk StudiVZ hat den Besitzer gewechselt. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ging das Community-Angebot für bis zu 100 Millionen Euro an die Holtzbrinck-Gruppe - trotz der Kritik, die StudiVZ in den vergangenen Monaten abbekommen hatte.
Hamburg - Mindestens ein weiterer Bieter war in dem Verkaufsverfahren unterlegen, am Ende erhielt Holtzbrinck den Zuschlag: StudiVZ, die Studenten-Community mit mehr als einer Million Mitglieder, ging nach Informationen aus Branchenkreisen für rund 100 Millionen Euro an die Verlagsgruppe, der unter anderem auch das "Handelsblatt" und "Die Zeit" gehören. Offiziell wollte Holtzbrinck den Kaufpreis nicht bestätigen. StudiVZ-Sprecher Tilo Bonow sagte zu SPIEGEL ONLINE jedoch, der Preis habe "deutlich unter 100 Millionen Euro" gelegen. Der Holtzbrinck-Verlag war vorher bereits als Minderheitseigner bei StudiVZ engagiert.
Der gestern vollzogene Verkauf ist der erste große Abschluss im Geschäft mit dem sogenannten Web 2.0 in Europa - und das trotz aller Kritik, der sich StudiVZ im letzten halben Jahr ausgesetzt sah.
Für die jungen Firmengründer ist der Verkauf das Geschäft ihres Lebens - für die Venture-Capital-Firmen, die ins Studentennetzwerk investiert hatten, hat sich die Einlage gelohnt. Neben den Samwer-Brüdern, die ebenfalls mit dem Verkauf eines Web-Unternehmens ihre ersten Millionen machten, gehört auch Holtzbrinck Ventures zu den Kapitalgebern von StudiVZ. Ein Teil des Erlöses fließt also gewissermaßen ins eigene Unternehmen zurück. Die Samwers sind auch die Gründer des Klingeltonanbieters Jamba, den sie vor zwei Jahren für 273 Millionen Euro verkauft haben. Zuvor hatten sie eine Auktionsplattform namens Alando gegründet und kurze Zeit später an das US-Unternehmen eBay verkauft.
In den USA hat man sich an die großen Zahlen im Geschäft mit dem neuen Community-Netz inzwischen fast gewöhnt: Die 580 Millionen Dollar, die Rupert Murdochs News Corp. für das Community-Angebot MySpace bezahlte, waren der Anfang. Den bisherigen Rekord im Geschäft mit den Netz-Communities hält der Verkauf der Videoplattform YouTube. 1,35 Milliarden Dollar in Aktien bezahlte Google für das Webangebot, in dem vor allem Teenager mit selbstgedrehten und geklauten Filmschnipseln Häppchen-Fernsehen für die Netzgemeinschaft produzieren.
Plagiatsvorwürfe und der große Bruder aus den USA
StudiVZ ist in Struktur und Funktionalität an ein anderes großes US-Vorbild angelehnt: das Studentennetzwerk Facebook. Böse Zungen warfen dem deutschen Angebot sogar vor, selbst Design und Layout von Facebook abgekupfert zu haben. Über einen möglichen Verkauf des deutschen Pendants an den großen Bruder aus den USA war in den vergangenen Monaten immer wieder gemunkelt worden, es fanden Gespräche zwischen den Facebook-Betreibern und StudiVZ statt. Nun aber bleibt StudiVZ ein deutsches Unternehmen.
Verdient werden soll nun wohl in erster Linie mit Werbung - die in einem solchen Angebot besonders zielgerichtet geschaltet werden kann, weil die Nutzer in ihren Selbstbeschreibungen viel über sich preisgeben, von Hobbys bis hin zu musikalischen Vorlieben. Für Vermarkter sind solche Netzwerke ein echter Glücksfall. Das zeigt auch die Bewertung am Kapitalmarkt: Das Business-Netzwerk OpenBC/Xing, das vor einigen Wochen
an die Börse ging, hat mit seinen Aktien zum Emissionszeitpunkt bei einem Preis von 30 Euro pro Aktie etwa 75 Millionen Euro erlöst. Heute liegt der Kurs etwa einen Euro über dem Startpreis, die Marktkapitalisierung bei über 160 Millionen Euro. Xing verdient bislang aber nicht an Werbung, sondern an kostenpflichtigen Premiumdiensten.
WEB 2.0: MITMACH-PLATTFORMEN UND SOZIALE NETZWERKE
Facebook, Myspace und Co - die bekanntesten sozialen Netzwerke und Mitmach-Plattformen im Überblick.
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach
eigenen Angaben hat Facebook derzeit 175 Millionen aktiver Mitglieder weltweit.
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Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Das Netzwerk hat laut Betreiber knapp 5,8 Millionen Nutzer.
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Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Ende 2008 hatte Xing 6,5 Millionen Mitglieder, etwa eine halbe Millionen Nutzer haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme.
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Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess, später finanzierten StudiVZ vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007
übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net
nach eigenen Angaben mehr als zwölf Millionen Nutzer.
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MySpace.com ist die populärste unter den Community-Plattformen, mit über hundert Millionen registrierten Nutzern. Wie auch
Facebook.com,
Xanga.com oder
Friendster.com bietet MySpace den Nutzern die Möglichkeit, Profilseiten anzulegen und mit Bildern und Videos zu dekorieren, Musik und Text auf die Seite zu stellen und ihre persönliche Profilseite mit der von Freunden und Bekannten zu verknüpfen. MySpace ist sehr beliebt bei Nachwuchsmusikern und verhalf auch den britischen Arctic Monkeys zu ungeahntem Erfolg. In die Kritik geriet das Angebot, weil es von Pädophilen benutzt wurde, um Kontakt zu Minderjährigen aufzunehmen.
StudiVZ ist eine deutsche Studenten-Community, die Facebook ähnelt.
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Flickr.com ist eine Foto-Community. Nutzer können Bilder einstellen, mit Schlagworten ("Tags") versehen und Pools für bestimmte Themen einrichten. Im Zusammenhang mit Ereignissen wie den Terroranschlägen in der Londoner U-Bahn oder dem Hurrikan "Katrina" wurde Flickr auch zu einem Paradebeispiel für den sogenannten citizen journalism: Schnell entstanden Bildersammlungen von Privatleuten, die das Geschehen dokumentierten. Als deutsches Flickr-Pendant versucht sich zum Beispiel
Photocase.
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YouTube.com lässt Nutzer Videos online stellen. Wie bei
Flickr und ähnlichen Angeboten können andere Eingestelltes kommentieren und bewerten. Mit einem speziellen Werkzeug kann man YouTube-Videos auch auf seiner eigenen Webseite einbinden. Vergleichbare Dienste gibt es inzwischen zuhauf, Beispiele sind
Metacafe.com,
Vimeo.com und
ClipShack.com. Auch
Googles Videodienst funktioniert nach dem gleichen Prinzip.
Putfile.com ist ein genereller Upload-Service für Videos, Audio- und Bilddateien. Weiter gehen Angebote wie
Eyespot.com und
Jumpcut.com - dort können die Nutzer eingestellte Videos auch bearbeiten, zusammenschneiden und nachvertonen. Deutschsprachige Varianten von Youtube sind etwa
MyVideo und
FMarket. Eine Kombination aus Flickr und YouTube bietet
Sevenload.
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Eine Art Online-Bookmark-Sammlung mit Community-Eigenschaften. Bei
Del.icio.us kann jeder angemeldete Nutzer Web-Adressen speichern, sie mit Schlagworten ("Tags") versehen und so anderen Benutzern zugänglich machen. Verwandte Sites lassen sich so gruppieren, User mit ähnlichen Interessen können einander auf Interessantes hinweisen. Für Firefox-Benutzer gibt es sogar ein Browser-Plugin, das den Zugriff auf die Online-Linksammlung in die Navigationsleiste integriert.
Mr Wong ist eine deutsche del.icio.us-Variante.
Ursprünglich auf Technologie-Nachrichten spezialisiert war
digg.com. Die Selbstbeschreibung des Angebotes spricht von "nicht-hierarchischer redaktioneller Kontrolle": Indem Nutzer eingestellte Nachrichten bewerten, entscheiden sie mit über die Platzierung einer bei digg.com verlinkten Meldung auf der Seite. Eine deutsche Variante von Digg heißt
Yigg.
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Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten eigenen Angaben inzwischen etwa 3,4 Millionen Nutzer.
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Technorati.com ist die Mutter aller Blog-Suchmaschinen. Sie katalogisiert Weblogs, Blogeinträge können wiederum mit Tags versehen und so zusammengefasst oder effektiver durchsucht werden. Technorati beurteilt Blogs auch nach Bedeutsamkeit und Glaubwürdigkeit - Suchergebnisse können entweder danach oder nach dem Erscheinungsdatum sortiert werden. Durch die Hitliste der häufigsten Suchbegriffe ist Technorati auch zu einer Art Seismograph für die heiß debattierten Themen der Blogosphäre geworden. Eine Blog-Suche bietet auch Google an (
Google Blog Search) - mit weniger aufwendiger Funktionalität, aber teilweise anderen Ergebnissen.
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Mashups sind Multimedia-Collagen wie Video-Zusammenschnitte - oder aber Internetseiten, die durch das vermischen, verknüpfen oder neu konfigurieren vorhandener Inhalte entstehen. Häufig werden beispielsweise
Ortsinformationen aus Google Maps mit anderen Inhalten, etwa Lexikon- oder Branchenbucheinträgen verknüpft. Auch
Flickr und
del.icio.us sind beliebte MashUp-Zutaten. Viele Web-Unternehmen stellen Hobbyentwicklern für solche Projekte sogar ihre
"application programming interfaces" (APIs) zur Verfügung.
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Blogs oder Weblogs sind oft von Privatleuten geführte Internet-Publikationen. Sie basieren auf einer Software, die es erlaubt, Texte mit wenig Aufwand online zu stellen und Leser Artikel kommentieren zu lassen. Weblogs sind teilweise schlicht private Aufzeichnungen für den Freundeskreis, zum Teil aber durchaus ambitionierte Publikationsprojekte, die von den Betreibern als alternative journalistische oder literarische Form verstanden werden. Besonders themenspezifische Blogs können durch eingeblendete Werbung durchaus lukrativ sein. Es gibt auch organisierte Blogger-Verbände, die Zulieferer-Verträge mit Zeitungen und Nachrichtenagenturen haben.
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StudiVZ war in den vergangenen Monaten
durchaus umstritten. Es gab Berichte über Sicherheitslücken und Serverprobleme, teilweise war das Netzwerk für seine Nutzer über längere Zeiträume nicht erreichbar.
Vor allem deutsche Blogger schossen sich auf das Unternehmen ein. Sie entdeckten innerhalb der Community Diskussionsgruppen mit seltsamen Themen - von Nazi-Verdächtigem bis hin zu einer
Stalker-Gruppe mit über 700 männlichen Mitglieden, die sich zur Aufgabe gemacht hatten, innerhalb des Angebotes Fotos von attraktiven Frauen zu finden und diese dann gemeinschaftlich zu "gruscheln". Der StudiVZ-interne Begriff steht für einen flirt-artigen elektronischen Kontaktversuch.
Wie geht es mit den Gründern weiter?
Für Unmut sorgte auch, dass sich die Gründer in einer frühen Phase zu Konkurrenzangeboten wie StudyLounge und Unister passende Domainnamen im benachbarten Ausland gesichert hatten - das gilt im Netz als äußerst schlechter Stil.
In die Kritik gerieten auch die Gründer des Unternehmens. Einer von ihnen, der 26-jährige Ehssan Dariani, filmte in der U-Bahn und auch auf Toiletten bei Partys junge Frauen und stellte die mehr oder minder freiwilligen Interviews anschließend ins Netz. Er verärgerte Nutzer und Geldgeber mit allzu selbstbewussten Interviews und einer Geburtstagseinladung, die im Stil des nationalsozialistischen Kampfblattes "Völkischer Beobachter" aufgemacht war. Anschließend rechtfertigte er sich in einem online publizierten Essay, in dem er den Deutschen einen problematischen Umgang mit der eigenen Geschichte vorwarf. Ein weiterer Gründer sorgte für Negativschlagzeilen, weil er um Aufnahme in die genannte Stalker-Gruppe im eigenen Angebot bat.
Welche Rolle die Unternehmensgründer weiterhin spielen werden, ist bislang unklar. Nach den peinlichen PR-Pannen und einer öffentlichen Entschuldigung im Unternehmens-Weblog war es vor allem um Ehssan Dariani deutlich stiller geworden - man kann wohl davon ausgehen, dass die Kapitalgeber ihren Einfluss geltend gemacht hatten.
Nachtrag: Laut der nun veröffentlichten offiziellen Mitteilung zum Verkauf von StudiVZ bleiben die Gründer des Netzwerkes "weiter im Management". Konstantin Urban, Geschäftsführer von Holtzbrinck Networks, sagte demnach, die Community verdanke ihren Erfolg den Gründern und allen Mitarbeitern. "Wir freuen uns deshalb, dass das bewährte Team an Bord bleibt", so Urban.