SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihre neue Internet-Anwendung Yahoo oneSearch, die auf den Markt kommt, schon auf Ihrem Handy. Wann haben Sie sie zuletzt genutzt?
Börries: Als ich gestern losgeflogen bin. Da habe ich einfach "Las Vegas" eingegeben, und schon bekam ich angezeigt, dass das Wetter hier sonnig und warm ist – und wo gerade Staus meinen Weg zum Hotel blockieren. Und kaum tippe ich den Namen eines Restaurants ein, schon habe ich die Telefonnummer, um einen Tisch zu reservieren.
SPIEGEL ONLINE: Das kann die Mobilversion der Software Ihres Hauptkonkurrenten Google doch auch.
Börries: Das stimmt nicht. Wir sind allen anderen Jahre voraus, weil wir nicht einfach eine Internetsuchmaschine aufs Handyformat einschrumpfen, wie das die Industrie seit vielen Jahren macht – und wie es ja offensichtlich nicht funktioniert hat. Wir haben stattdessen zwei Jahre lang die Bedürfnisse der Nutzer erforscht und dann auf dieser Basis von Grund auf eine spezielle Handy-Suchmaschine entwickelt …
SPIEGEL ONLINE: ... die sich wie genau von allen anderen unterscheidet?
Börries: Wenn jemand am Handy das Suchwort "Las Vegas" eingibt, kann ich ihm nicht einfach eine Liste mit zwei Millionen Links aufs Display schaufeln wie am PC. Ich muss vielmehr verstehen, was gemeint sein kann – zum Beispiel, dass es wahrscheinlich nicht um den Film "Leaving Las Vegas" geht. Außerdem weiß oneSearch, wo Sie sich gerade befinden; deshalb erhalten Sie besonders relevante und ortsnahe Ergebnisse, zum Beispiel ein Hotel in der Nähe. Die Ergebnisse stellen wir handygerecht dar: Zu jedem Suchbegriff gibt es Newstexte, Fotos, wenn vorhanden auch Links zu Unternehmen oder beispielsweise zu Kinos oder Theaterkassen.
SPIEGEL ONLINE: Das ganze soll für die Nutzer kostenlos sein und sich über Werbung finanzieren. Die allerdings ist gerade am Handy ziemlich nervig.
Börries: Wir werden sicher testen, ob einige Kunden bereit sind, dafür zu zahlen, dass sie keine Werbung bekommen – so wie wir das bei unserer Premium-Mail auch anbieten.
SPIEGEL ONLINE: Einer zumindest dürfte sich freuen über Ihr Angebot – nämlich die Mobilfunkbetreiber. Denn wer oneSearch nutzen will, muss sich für die teuren Datentarife entscheiden.
Börries: Klar, die Situation derzeit ist ja auch bizarr. Da wurde über eine Billion Dollar in modernste Netzwerktechnik und breite Datenpipelines wie UMTS investiert. Und was machen die Mobilfunkkunden? Sie telefonieren zu 98 Prozent weiter wie gehabt. Aber das hat einen Grund: Bislang fehlten sinnvolle UMTS-Angebote fürs Handy. Das wollen wir ändern.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nicht Angst, dass viele Kunden durch die überzogengen UMTS-Preise abgeschreckt werden?
Börries: Das ist genau das Problem. Aber 2007 wird ein Wendepunkt sein. Der Trend geht eindeutig hin zu Internet-Flatrates für Handys.
SPIEGEL ONLINE: Das größte Problem ist aber auch damit nicht gelöst – die fummelige Texteingabe am Handy. Ein Touchscreen wie beim neuen iPhone von Apple oder Spracherkennung wären da weitaus praktischer.
Börries: Viele junge Nutzer tippen am Handy fast so schnell, wie sie sprechen. Aber abgesehen davon: Spracherkennung ist klasse – wenn sie funktioniert. Glauben Sie mir, ich habe schon vor 20 Jahren mit Spracherkennung experimentiert. Daher weiß ich: Bis diese Technik wirklich funktioniert, dauert es noch zwei Jahre.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Entwicklungsteam besteht aus 100 Leuten. Ein Drittel davon sitzt in Hamburg. Warum? Was ist denn dort der Standortvorteil?
Börries: Naja, das ist ja meine Kernmannschaft, mit denen arbeite ich teilweise seit 15 Jahren zusammen. Softwareentwicklung muss ja nicht in den USA stattfinden, wir haben auch Entwicklungscenter in Schweden, Indien oder Singapur.
SPIEGEL ONLINE: Wie steht Deutschland da im internationalen Vergleich?
Börries: Abgesehen von SAP gibt es wenige Glanzlichter. Ich habe ja damals selber versucht, einen kleinen Beitrag zu leisten mit der Firma Star Division. Aber derzeit sehe ich wenig am Horizont aus Deutschland.
SPIEGEL ONLINE: Sie wollen die Handys ans Internet anbinden – beleben Sie damit wieder den alten Traum vom schlanken Netzwerkcomputer, wie er früher einmal als Idee entworfen wurde, um die Vormachtstellung der Microsoft-PCs zu brechen?
Börries: Nein, ich sehe das ganz pragmatisch. Die aktuelle Handygeneration hat fast so viel Rechenpower wie ein PC vor fünf Jahren. Und wenn ich das Handy verliere oder wechsle, macht das nichts, weil ich alle Adressen und Einstellungen zum Beispiel auf Yahoo Go for Mobile gesichert habe und jederzeit auf mein neues Gerät laden kann. Auch Microsoft hat das mittlerweile begriffen. Das neue Betriebssystem Vista ist komplett aufs Netz ausgerichtet – auch wenn es zwei Jahre zu spät kommt.
SPIEGEL ONLINE: In den achtziger Jahren wurden Sie als "der deutsche Bill Gates" gefeiert, der es wagt, Microsoft herauszufordern. War das ein Missverständnis?
Börries: Mir ging es nie darum, ein Robin Hood zu sein. Ich wollte einfach ein sehr gutes Produkt machen – und Microsoft war zufällig im selben Markt.
Die Fragen stellten Hilmar Schmundt und Marcel Rosenbach
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