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01.02.2007
 

Internet-TV

Mehr Videos auf zdf.de

Von Till Frommann

Das ZDF will bis Jahresende über 50 Prozent seines Fernsehprogramms zum kostenlosen Abruf im Internet bereitzustellen. Gegenliebe bekommt es dafür nicht von allen Seiten.

Wer hätte das gedacht: Auch beim ZDF geht man mit der Zeit. Das Internet ist eine ganz, ganz große Sache, haben sie erkannt, und die Zielgruppe - die konsumwilligen Jugendlichen! - zappen sich immer weniger oft durch die starren Dauerberieselungen wie ARD, ZDF, RTL und Pro Sieben. Stattdessen stellen sie sich über Youtube und Konsorten ihr eigenes "Was interessiert mich gerade persönlich?" anstelle eines "Was läuft denn gerade in der Glotze? Ach schon wieder nichts" zusammen.

Promis, Infos, Unterhaltung: Die Mediathek des ZDF
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Promis, Infos, Unterhaltung: Die Mediathek des ZDF

Dem Zweiten Deutschen Fernsehen kann man gerade in diesem Falle jedoch keinen Vorwurf machen, dass sie hinterherhinken würden und die ewig Zweiten, die immer Gestrigen seien: Mit ihrer "Mediathek" bieten sie seit 2001 ein breites Angebot an Serien, Nachrichtenbeiträgen und Talkshows auch im Internet zum Abruf an. Vollständige "heute"-Sendungen, das Magazin "WISO", teilweise auch Johannes B. Kerner in gesamter Länge.

Ende Juni vergangenen Jahres wurde die "Mediathek" mit dem "Deutschen Multimedia Award" in der Kategorie "Interaktives TV" ausgezeichnet. Der Preis wird seit zehn Jahren vergeben, Veranstalter sind der Deutsche Multimedia Kongress, die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg, der Bundesverband Digitale Wirtschaft und der Kommunikationsverband. Kein klitzekleiner Preis ohne Bedeutung also.

Am Montag kündigte der Mainzer Sender an, ungefähr die Hälfte seines Programms bis Ende des Jahres auch online auf Abruf anzubieten. Bislang sind es nach Senderangaben zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent. Im Moment gebe es laut ZDF etwa 4,5 Millionen Videoabrufe pro Monat. "Das Top-Angebot", sagte Robert Amlung, Leiter der Hauptredaktion Neue Medien des ZDF gegenüber SPIEGEL ONLINE, "ist die Telenovela 'Wege zum Glück' mit über einer Millionen Abrufen im Monat." Ein "stinknormaler Computer" reiche im Übrigen für das Internet-Fernsehen völlig aus. Für volle Fernsehqualität werde DSL 2000 benötigt.

Keine Abrufrechte würden bislang jedoch für Spielfilme, einige Sportereignisse und Sendungen aus dem fiktionalen Bereich vorliegen. "Wir versuchen im Moment, uns zu einigen, damit wir mehr Fiktionales online verfügbar machen können", sagte Amlung.

Kein billiges Unterfangen, dieses Fernsehen auf Abruf. Die Crux daran: Je beliebter es wird, desto höher werden auch die Kosten dafür. Die Videos zu übertragen - das Streaming - geht mächtig ins Geld. Die Öffentlich-Rechtlichen forderten bereits vergangenes Jahr, die gesetzlich vorgegebene Obergrenze für ihre Internetausgaben abzuschaffen. Im Rundfunk-Staatsvertrag sind diese auf 0,75 Prozent des Senderhaushaltes beschränkt.

"Es kann doch nicht im Sinne der Allgemeinheit sein, wenn gerade die Öffentlich-Rechtlichen - das mediale gesellschaftliche Bindeglied der Bürger - in der Nutzung von Zukunftstechnologien beschränkt werden", sagte Fritz Raff, seit Januar ARD-Vorsitzender und Intendant des Saarländischen Rundfunks, Ende April vergangenen Jahres auf einer medienpolitischen Fachtagung in Düsseldorf.

Kritik am Aufbau eines Online-Olymps

Bedenken hat jedoch zum Beispiel der Verband Privater Rundfunk und Telekommunikation (VPRT), der Interessenbund der privaten Sender. VPRT-Präsident Jürgen Doetz hält das Vorgehen des ZDF gegenüber SPIEGEL ONLINE für "vermessen, angesichts der Tatsache, dass derzeit weder klar ist, was genau künftig zu ihrem Auftrag gehören soll und wie das Anmeldeverfahren für neue öffentlich-rechtliche Medienangebote aussehen" werde. "Es zeigt vor allem einmal mehr, dass die Anstalten Fakten schaffen, bevor die Politik den entsprechenden Rahmen überhaupt gestalten kann."

Ähnlich sieht es der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW), welcher "die Interessenvertretung aller am digitalen Wertschöpfungsprozess beteiligten Unternehmen" ist, so die Eigenbeschreibung. Gerd Fuchs, Referent für Medienpolitik des BVDW sagte gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass sie "Bedenken gegen das Vorhaben des ZDF" hätten, "bis Ende des Jahres etwa fünfzig Prozent seines TV-Angebotes online verfügbar zu machen", da dies "zu einem klaren Wettbewerbsvorteil des ZDF gegenüber nicht gebührenfinanzierten Marktteilnehmern" führe, was "sehr bedenklich" sei.

"In diesem Jahr sprengen wir die 0,75 Prozent nicht und bleiben in der Selbstverpflichtung", erklärte jedoch der ZDF-"Mediathek"-Verantwortliche Amlung.

Ähnliche Vorwürfen bekommt auch die BBC in Großbritannien zu hören: Der öffentlich-rechtliche Fernsehsender hat eine der größten Onlineredaktionen der Welt und plant, Videoangebote für das Ausland kostenpflichtig anzubieten. Der Staatsminister für Medien und Tourismus, James Purnell, hatte mit einem Ende der Gebührenfinanzierung gedroht, wenn die BBC nicht damit aufhöre, sich als medialer "Imperialist" aufzuführen.

Günstig sind Videos auf Abruf in der Tat nicht. Eine Möglichkeit, die Kosten von solchen Streams zu reduzieren: mit Hilfe der Peer-to-peer-Technologie den Datentransfer, der bei der Videoübertragung anfällt, auf alle Nutzer aufzuteilen. Von jedem Computer, der sich das Video aufruft, wird es gleichzeitig weiter an andere Nutzer gesendet - der Inhalt liegt also nicht mehr auf einem einzigen Rechner, sondern wird über ein dezentrales Netzwerk verteilt. So überträgt zum Beispiel bereits die "Deutsche Welle" ihr Fernsehprogramm "DW-TV" in einer Variante als Livestream.

Beim ZDF ist man skeptisch: "Ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob Peer-to-Peer überhaupt Kosten spart", sagt Amlung. Er verweist dabei auf die Debatte in den USA um die sogenannte "Net Neutrality": Provider fordern dort, dass sich die Kostenverursacher des Peer-to-Peer-Datenverkehrs – wie in diesem Fall also Fernsehsender – an den Kosten beteiligen sollen. "Da sind noch viele Baustellen offen", sagt Amlung, die Möglichkeit von Peer-to-Peer werde jedoch "intensiv verfolgt".

Am Montag kündigte das ZDF - um die Onlineambitionen zu untersteichen? - außerdem an, ihre neue Krimiserie "KDD – Kriminaldauerdienst" einen Tag vor Ausstrahlung im Fernsehen in der "Mediathek" in voller Länge anzubieten. Nicht nur beim gedruckten Wort, bei Zeitungen zum Beispiel, scheint immer mehr die Devise "Online first" zu gelten - also die fertig recherchierten und ausformulierten Artikel sofort im Internet zu veröffentlichen und nicht erst darauf zu warten, dass die Druckmaschinen eine Zeitungsausgabe (mit vermeintlich veralteten Artikeln) stöhnend und ächzend auswerfen.

Ähnlich verfahren auch einige Privatsender: Das jüngst in Deutschland gestartete Spartenprogramm "Comedy Central" zeigt die aktuelle Ausgabe der beliebten US-Satiresendung "The Daily Show" in voller Länge im Internet - erst später in diesem Jahr will man die politischen Spitzen von Jon Stewart auch über den Fernsehbildschirm flackern lassen. AOL bot bis Ende September Zeichentrickfilme für ein reiferes Publikum als Deutschlandpremiere an.

Dass das ZDF bis Jahresende etwa fünfzig Prozent ihres Programms online stellen will, hat einen Vorteil, der für einige durchaus einen Nachteil bedeuten könnte: Nichts versendet sich, alles bleibt archiviert, und Peinlichkeiten auch für längere Zeit abrufbar. Verfluchtes, neumodisches Internet aber auch.

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