Montag, 23. November 2009

Netzwelt



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20.02.2007
 

Google Bombs

Liebesgrüße aus Tallinn

Von Sebastian Wieschowski

Google wähnt sich sicher: Vier Jahre nach den ersten "Google-Bombs" scheint der Suchmaschinen-Betreiber ein Mittel gegen böswillige Verlinkung gefunden zu haben. Der Blick auf kleine, aber feine Google-Bombs aus Estland aber beweist: Googles Gegenmittel wirkt nur bei großen Sprachen.

Jüri Ratas kennt das schon: Seine politischen Gegner missbrauchen seinen Namen gelegentlich für Wortspiele. Schließlich ermöglicht der Nachname des Tallinner Bürgermeisters, der übersetzt soviel wie "Rad" bedeutet, unzählige Begriffskreationen.

Tallinns Bürgermeister Jüri Ratas: Beliebt als Zielscheibe für Google-Bomb-Scherze
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Stadt Tallinn/Google/SPIEGEL ONLINE [M]

Tallinns Bürgermeister Jüri Ratas: Beliebt als Zielscheibe für Google-Bomb-Scherze

"Abiratas" zum Beispiel, das Reserverad. Humorattacke auf Estnisch: Wer bei Google ein Reserverad sucht, bekommt an erster Stelle keinen Hinweis auf Autoteile, sondern einen Link zur Homepage der estnischen Hauptstadt Tallinn, wo Ratas regiert. Wer nach "Empörung" im Netz sucht, findet das Parteiprogramm der estnischen Zentrumspartei ("Keskerakond").

Die Esten gelten in Europa als zurückhaltend – und das wohl völlig zu Recht. "Normaal" ist der gängige Ausdruck höchsten Entzückens und über die Lebhaftigkeit eines Esten erzählen sie sich gegenseitig Witze: "Ist er tot? Nein, Este!".

Mit leichter Verspätung entdeckten die Esten auch das Spiel mit der Verfälschung von Google-Ergebnislisten. Seit erst rund einem Jahr haben estnische Blogger darin ein Hobby gefunden, das deutschen Internetnutzern allenfalls noch ein müdes Schmunzeln abringt: das Zünden so genannter "Google-Bomben". So nennt man das, wenn Internet-Freaks konspirativ die Webseiten ungeliebter Personen mit diffamierenden Schlagworten verknüpfen - George W. Bush, Angela Merkel und nun eben Jüri Ratas bekamen die Effekte schon zu spüren.

Subversiver Protest

Über Monate hinweg setzten estnische Scherzkekse in Blogs, Foren und Chats Internet-Verweise auf die Homepage von Ratas Zentrumspartei sowie der Tallinner Stadtverwaltung - und kombinierten diese mit verbalen Zärtlichkeiten wie eben "Reserverad" oder auch "masendav", was nicht mehr und nicht weniger als "empörend" bedeutet.

Mehrere hundert Internetsurfer sind in ganz Estland an der Aktion beteiligt, wie Mati Räli vermutet. Der 24-jährige Student der Telekommunikationswissenschaft ist in seinem Freundeskreis als friedlicher und stiller Mensch bekannt, doch seit Monaten beteiligt er sich rege am Bau der "Google-Bomben" gegen die Regierenden. Ein Erklärungsversuch für das stille Hobby: "Die Volksunion ist bei jungen Internetnutzern besonders unbeliebt, weil sie als populistisch gilt und ihre Wähler vor allem auf dem Land, bei Rentnern oder Russen rekrutiert."

Im kleinen, aber technisch hoch entwickelten Staat Estland - die Baltenrepublik verfügt über die höchste Dichte an Internetzugängen in Europa – ist es in kurzer Zeit möglich, Internetseiten bei Google mit bestimmten Suchwörtern nach oben zu treiben. "Unser Land beherbergt eine sehr lebhafte Blogger-Community", erklärt Räli. "Die schicken ein paar Mails hin und her, und in ein paar Tagen entsteht eine neue Idee für einen Google-Link."

Diese Form der Suchmaschinen-Manipulation sorgte in der Szene schon im Dezember 2003 für größeres Aufsehen, als die Webseite des US-Präsidenten George W. Bush bei Google unter dem Suchbegriff "miserable failure" auftauche. Bis vor einigen Wochen hielt sich diese "Google-Bombe", dann gingen die Suchmaschinen-Betreiber dazwischen.

Wirkt es? Ja, aber nicht überall

Google-Webmaster Matt Cutts verkündete am 25. Januar, dass der Suchmaschinen-Riese ein Rezept gefunden habe, um die Auswirkungen von Bombing-Aktionen auf ein Minimum zu reduzieren. Auch andere "Google-Bomben", die in der Vergangenheit in ganz Europa eingeschlagen waren, wurden inzwischen vom Suchmaschinen-Räumdienst entschärft. Noch bis vor wenigen Tagen führte die Suche nach "Waschlappen" auf die Webseite des schweizerischen Bundesrates Christoph Blocher, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel rangierte unter dem Suchbegriff "Kohlkopf" auf Platz 1. Das ist vorbei: Google ist es inzwischen gelungen, diese virtuellen Tretminen zu entschärfen.

Die estnischen Google-Bomben halten sich hingegen hartnäckig in der weltweit größten Suchmaschine. Der Grund liegt nahe: mangelnde Sprengkraft, im Vergleich zu den Bomben in Englisch, Deutsch oder Französisch puffen sie bloß - und fallen aus dem Raster der weltweiten Wahrnehmung.

Nicht so in Estland. In der Tallinner Zentrale der Zentrumspartei gibt man sich trotzdem gleichgültig: "Diese Wortspiele haben uns nicht berührt", teilt Generalsekretärin Kadri Must auf Anfrage mit. "Die Wörter werden in Google meistens von Leuten gesucht, die selbst die Links gesetzt haben", vermutet Must. Die Link-Manipulation befriedige lediglich die Lust derer, die in das despektierliche Spiel involviert sind.

Und auch der estnische Bomben-Bauer und Blogger Mati Räli gibt zu: "Die Aktion ist ein Ausdruck des reservierten estnischen Humors. Wir gehen nicht mit harten Waffen auf die Straße, sondern mit sanften Worten", erzählt Räli und erinnert an die estnische Unabhängigkeitsbewegung, die zwischen 1987 und 1992 mit zahlreichen politischen Kundgebungen und Sängerfesten ihren Höhepunkt erreichte.

Obwohl estnische Politiker über den Blogger-Untergrund der Baltenrepublik nur müde lächeln - Mati Räli und seine Internetfreunde zündeln weiter. Aktuellstes Beispiel: Nachdem Bürgermeister Jüri Ratas auf einer Wahlkampfveranstaltung Pfefferkuchenteig an seine Parteifreunde verteilt hatte, verlinkten sie tückisch die Tallinner Homepage mit dem Wort "tainas" (deutsch: Teig). Der Erfolg geht um die Welt: Ob in Kleinkleckersdorf oder Kentucky, wer immer auf die Idee kommt, nach einem estnischen Rezept für Pfefferkuchen zu suchen, landet jetzt direkt auf der Homepage der estnischen Hauptstadt.

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