Mittwoch, 10. Februar 2010

Netzwelt



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05.03.2007
 

Digitale Steckbriefe

Mörderjagd mit MySpace und YouTube

Polizisten in den USA und Kanada entdecken das Web 2.0 als Fahndungsplattform. Auf MySpace hat ein Serien-Bankräuber jetzt eine eigene Profilseite - auf YouTube wird mit Überwachungsvideos nach Mördern und Dieben gefahndet.

US-Polizisten haben kein einfaches Verhältnis zur Videoplattform YouTube. Überall laufen Menschen mit videofähigen Handys herum, immer mehr zeichnen Polizeibrutalität auf – und anschließend landen die Filme im Netz. In einem besonders drastischen Fall führte das sogar zu einer Untersuchung durch die Bundespolizei FBI: In dem Video, das an irgendeiner Straße in L.A. aufgenommen wurde, kniet ein Beamter in blauer Uniform auf der Kehle eines Verhafteten. Der stöhnt immer wieder: "Ich kann nicht atmen!" Ein Kollege des Polizisten beantwortet das Flehen mit ein paar kräftigen Faustschlägen in das Gesicht des zu Boden gedrückten Mannes.

Polizist Johnson, YouTube-Video: "Traditionelle Polizeiarbeit"
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AP

Polizist Johnson, YouTube-Video: "Traditionelle Polizeiarbeit"

Hunderttausende sahen dieses Video bei YouTube - eine enorm große Öffentlichkeit, in der andere Polizisten inzwischen allerdings auch Chancen sehen. Sie wollen junge Netznutzer mit Hilfe ihrer Lieblingsplattformen zu Helfern bei der Verbrechensbekämpfung machen.

Schon vor Monaten stellte der kanadische Polizist Jorge Lasso einen 72 Sekunden langen Clip mit Bildern einer Überwachungskamera ins Netz. Er suchte Zeugen für einen Mord nach einem HipHop-Konzert. Mehr als 35.000 Menschen sahen sich die Abfolge von Standbildern aus dem Eingangsbereich des Clubs an, in dem das Konzert stattfand. Inzwischen ist der Mörder gefasst – nach zwei Wochen Internetpräsenz war der Täter verhaftet.

"Zusätzliche Medienaufmerksamkeit"

Der Mann stellte sich zwar selbst. Doch ist Lasso überzeugt, dass das auch dem Fahndungsdruck durch das YouTube-Video zu verdanken war. "Wir haben wenig Zweifel daran, dass die zusätzliche Medienaufmerksamkeit dank YouTube dazu beigetragen hat, dass sich der Mann gestellt hat", sagte er im kanadischen Fernsehen.

Lasso weiß, wie die Mechanismen des Mitmach-Netzes funktionieren. Er hat nicht nur das Video online gestellt - er hat danach in HipHop-Foren auch Werbung für den Film gemacht, um mehr Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Nach dem Fahndungserfolg entfernte Lasso das Video wieder von der Plattform. Allerdings ist eine Kopie davon bis heute auf YouTube zu finden. Das ist die Kehrseite der neuen Öffentlichkeit: Die Persönlichkeitsrechte (von Tätern, Unschuldigen oder gar den Opfern) könnten durch die weltweite Verbreitung solcher Clips verletzt werden.

Am Ende hilft nur "traditionelle Polizeiarbeit"?

Ähnlich wie Lasso ging Brian Johnson vor, ein Polizist im US-Staat Massachusetts. Weil er zwei Männer auf einem Überwachungsvideo nicht identifizieren konnte, die angeblich mit gestohlenen Kreditkarten bezahlt hatten, stellte er den Clip online. Dann verschickte er E-Mails, um auf den Film hinzuweisen. Auch in diesem Fall wurden die Täter schließlich gefasst - allerdings dank "traditioneller Polizeiarbeit", nicht durch das Video, sagt Johnson.

Auch die Polizei in Florida nutzt YouTube in einem ungelösten Mordfall. "Das ist eine zusätzliche Methode, die wir nutzen können, um unsere Botschaft landesweit unters Volk zu bringen", sagt Seargent Michael Bentolila. Er tritt in dem Video selbst auf und weist auf Besonderheiten wie den Gang des Verdächtigen und ein Muttermal hin - YouTube als Schwarzes Brett für bewegte Steckbriefe.

"Bürger auf die Patrouille"

Inzwischen ist sogar die Homepage-Community MySpace zur Fahndungsplattform geworden. Polizist Jarrard Copeland aus dem US-Staat Arkansas hat in dem Angebot eine Profilseite gebastelt – nicht für sich selbst oder die Polizei, sondern für einen dringend gesuchten Serien-Bankräuber.

Bankräuber-Profil bei MySpace: "Ich bin so cool!"
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Bankräuber-Profil bei MySpace: "Ich bin so cool!"

Der Bildhintergrund ist mit Dollarnoten gepflastert, und wenn man das Profil des Gangsters öffnet, ertönt ein Song: "Citizens on Patrol". Das Titellied des vierten "Police Acadamy"-Films. Das Profilbild zeigt einen Mann um die 60 mit Sonnenbrille, Baseballkappe und einer Regenjacke mit der Aufschrift "FBI".

Das Bild stammt von der Überwachungskamera einer Bank – einer von inzwischen vier Bankfilialen in Arkansas, die der Mann seit dem 8. Januar überfallen hat. Die Selbstbeschreibung des Profils mit der Überschrift "Do You Know Me???" ("Kennst du mich?") enthält Sätze wie "Ich benutze immer eine Kleinkaliberpistole", "Ich habe sehr auffällige Narben an Hals und Unterkiefer" und "Ich lebe wahrscheinlich in Arkansas, Oklahoma oder Missouri, könnte aber auch anderswo wohnen".

Am Ende der höflichen Vorstellung werden die Besucher der Seite aufgefordert, sich bei der Polizei zu melden, falls sie Informationen über den Mann haben. "Die Bilder sind gut genug. Man sieht genügend von seinem Gesicht, so dass jemand, der ihn kennt, ihn auf jeden Fall identifizieren könnte. Und dann wird derjenige hoffentlich die Polizei anrufen", sagt Sergeant Copeland.

Die Fotosammlung mit Schnappschüssen verschiedener Überwachungskameras hat er mit launigen Kommentaren versehen: "Hier raube ich die Bank in Fort Smith aus... Ich bin so cool!" Sein Ziel sei es nicht, den Täter zu ärgern, sondern einen Fahndungserfolg zu erzielen, sagt Copeland. Aber "wenn ihn das genügend aufregt, bringt es ihn vielleicht dazu, einen Fehler zu machen, so dass wir ihn schnappen können".

Bislang ist der Serienbankräuber noch flüchtig – sein Profil aber hat bei MySpace schon an die 700 Freunde angesammelt. MySpace-Nutzer überschlagen sich mit Lob, finden das Täterprofil "so cool", wünschen viel Glück bei der Bankräuberhatz. Andere sind so begeistert, dass sie schon eigene Fahndungsaufrufe weiterreichen, ob sie aus Arkansas kommen oder nicht. TFH Church Mouse zum Beispiel schreibt: "Ich lasse alle, die ich in New York kenne, nach dem Mann suchen. Er kann sich nirgends verstecken."

cis/AP

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