Von Helmut Merschmann
Der Online-Buchhändler reagierte damals erst auf Androhung einer einstweiligen Verfügung seitens des Rockbuch Verlages. Da stellte man plötzlich fest, dass "die von Ihnen gemeldeten Rezensionen nicht den Anforderungen unserer Rezensionsrichtlinien entsprachen", wie Amazon dem Rockbuch Verlag mitteilte. Verlagschef Haeseler wurde empfohlen, Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten – ein Verfahren, dass bis heute ergebnislos geblieben ist.
Theoretisch könnte man Rezensenten zwar über die von ihnen genutzte IP-Adresse identifizieren, aber es gibt einfache Gegenmaßnahmen: Übeltäter können zum Beispiel von einem Internetcafé aus surfen oder ein Anonymisiertool nutzen, das die IP-Adresse verschleiert. Aus diesem Grund führte Amazon im Frühjahr 2006, nach amerikanischem Vorbild, das Realnamen-Prinzip ein. Hierbei werden die angegeben Namen mit den Zahlungsdaten abgeglichen. Als sonderlich hilfreich hat sich das Verfahren nicht erwiesen, da Realnamen lediglich eine Option, aber keine Bedingung darstellen.
Organisierte Manipulation?
Das weiß auch Tomas Wehren zu beklagen, Verlagsleiter von Galileo Press. "Uns ist aufgefallen, dass verdächtige negative Rezensionen nie unter einem Realnamen auftauchen", berichtet Wehren. Mehrfach wurde sein Verlag, der sich auf Computer- und Designbücher konzentriert, Opfer vom Rezensionsmissbrauch bei Amazon. "Regelrechte Kampagnen" seien erstmals im Frühjahr 2002 aufgetreten, danach immer wieder "im Rhythmus der Neuerscheinungen". Aktuell muss sich der Verlagschef seit Februar dieses Jahres gegen den "organisierten Missbrauch" wehren. Für Wehren handelt es sich hierbei um eine Form von "Guerilla Marketing".
Unter dem Deckmantel der Anonymität seien Titel aus dem Verlagssortiment gezielt schlecht gemacht und negativ bewertet worden. Diese Rezensionen wiederum wurden größtenteils als "hilfreich" eingestuft – ebenfalls von anonymen Kräften. Weiteres Indiz: Untypischerweise seien die Rezensionen von Usern verfasst worden, die nur einmalig unter einem Decknamen aufgetreten sind, aber nicht vergessen haben, eine Wunschliste zu hinterlassen, auf der sich Titel konkurrierender Verlage finden. Wehren geht davon aus, dass einige Rezensenten eine Vielzahl von Accounts benutzen und "regelrechte Tarnung" betreiben.
"Bei massiven schlechten Rezensionen entsteht ein nachweisbarer wirtschaftlicher Schaden", hat Tomas Wehren am eigenen Leib erfahren, "denn die Verkäufe gehen nicht nur bei Amazon zurück, sondern insgesamt." Kunden wollen sich bei Amazon oftmals nur orientieren. Lesen sie nur schlechte Kritiken, dann sorgen sie – vor allem bei Fachbüchern - für multiplikatorische Effekte in einschlägigen Blogs und Foren. Niemand will ein derart niedergemachtes Buch mehr kaufen.
Im Umgang mit Rezensionen ist deshalb die Frage "Cui bono?" – wer schreibt da zu welchem Zweck? - höchstes Gebot. Unbestritten werden die meisten Kundenrezensionen bei Amazon korrekten Ursprungs sein. Um allerdings ihrer Verantwortung als mächtige Rezensionsplattform gerecht zu werden, wäre es sinnvoll, wenn Amazon und andere Online-Buchhändler das Realnamen-Prinzip konsequent einführen würden. Denn wenn sichergestellt ist, dass die Person, die da schreibt, auch das meint, was sie schreibt, müssen sich Verlage auch negative Beurteilungen gefallen lassen.
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Kann man nicht so generell sagen. Man muss die Rezensionen lesen. Mit etwas Übung kann man die Spreu vom Weizen trennen. mehr...
Da ist viel gefakt. Bei Amazon verfasst doch jeder Autor als erstes eine 5-Sterne Lobeshymne, die dann noch unter anderem Account, durch Verlag oder Freunde vervielfacht wird - manchmal gekontert durch misgünstige Konkurrenten, [...] mehr...
Ais Autor bin ich selbst betroffen - allerdings im negativen Sinne. Nicht, dass ich behaupten will, ich hätte ein 5-Sterne-Fachbuch geschrieben - aber gar so schlecht ist es sicher nicht. Seit etlichen Wochen bekomme ich bei [...] mehr...
Wenn ich all das so lese, bin ich ja direkt froh, dass ich trotz meiner jungen Jahre doch so altmodisch bin. Kennt eigentlich noch jemand diese komischen Dinger in der Stadt/Einkaufspassage, in denen so ganz viele Dinger mit [...] mehr...
Wer Leserrezensionen nicht traut, kann sich einfach bei einem Bücherforum anmelden und sich da näher über ein Buch austauschen. Das ist in vielerlei Hinsicht die beste Lösung ;-) mehr...
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