Von Sebastian Wieschowski
In Horst Schramms Berlin dauert ein Spaziergang von der Heerstraße über den Potsdamer Platz bis zur Straße "Unter den Linden" maximal zehn Minuten. Schramm ist Bürgermeister von Seedorf in Schleswig-Holstein, einem Dorf mit 500 Einwohnern - und einem Ortsteil namens Berlin. Über das Internet hat sich Schramm bisher kaum Gedanken gemacht. Auf dem norddeutschen Land, wo der einzige Gemischtwarenladen weit und breit ausgerechnet "KaDeWe" getauft wurde, hat man andere Sorgen. Das hat sich nun geändert.
Der Grund: Die Groß-Berliner Internet-Initiative "dotBerlin" hat es sich zum Ziel gesetzt, eine lokale Top Level Domain für die deutsche Hauptstadt zu erschaffen. Berliner in aller Welt, die ihre Heimatverbundenheit auch in der virtuellen Welt feiern wollen oder einfach keine passende de-Domain mehr finden, sollen schon bald unter der Endung .berlin ein neues Zuhause im Word Wide Web finden. Denn es wird eng im Internet. Knapp 11 Millionen deutsche Domains sind inzwischen registriert, über 65 Millionen Domains lauten auf die Endung "com".
Auf ihrem beschwerlichen Weg zur Berlin-Top-Level-Domain müssen die Haupstädter um dotBerlin-Geschäftsführer Dirk Krischenowski noch einige Hindernisse überwinden - darunter auch die kleine Gemeinde in Schleswig-Holstein. Denn das große Berlin wurde urkundlich erstmals 1237 erwähnt, Klein-Berlin aber schon 1215. Dorf-Bürgermeister Horst Schramm argumentiert, seine Gemeinde sei 22 Jahre älter als die deutsche Haupstadt und müsse daher an möglichen Gewinnen aus der Domain-Geburt beteiligt werden.
Keine Domainendung für Berlin?
Es kann gut sein, dass diese Argumente und der Streit zwischen Groß- und Winzig-Berlin die Internet-Verwaltung ICANN so verunsichern, dass sie gar keine Berlin-Domainendung beschließt, fürchten die dotBerlin-Gründer.
Denn die ICANN ist sehr, sehr vorsichtig. Die Diskussionen um eine Erweiterung des Adressraumes laufen seit fast zwei Jahren. Bereits im Dezember 2005 animierte die ICANN ihre Mitglieder, Vorschläge zur Einrichtung neuer Domains einzureichen. Von März 2006 bis Februar 2007 wurden im bearbeitenden Gremium Prinzipien und Richtlinien zur Einführung neuer Top Level Domains konkretisiert. Bei allen fünf ICANN-Treffen waren die Mitstreiter von dotBERLIN dabei. Insbesondere sprachen sich alle Beteiligten für sogenannte Community-Top Level Domains wie .berlin aus.
Die Internetverwaltung zögert
Die Organisation - oft als "weltweite Internet-Regierung" bezeichnet - ist ein umfangreiches Gebilde aus einer Vielzahl von Kommittees und Gremien, in denen alle möglichen Interessengruppen vertreten sind. "Von vielen Seiten bei ICANN haben wir Zuspruch für unser Projekt erhalten", sagt dotBerlin-Sprecher Johannes Lenz-Hawliczek.
Vorläufiger Höhepunkt der langwierigen Diskussionen um Domains wie .berlin ist ein "vorläufiger Bericht" vom 15. Februar, der bis Mai dem ICANN-Board vorgelegt wird. In den kommenden Monaten, vor dem Start der nächsten Bewerbungsrunde für Top Level Domains, werden nun von verschiedenen Gremien die Ausführungsbestimmungen zur Einführung ausgearbeitet.
Ohne Klein-Berlin geht gar nichts
Bis dahin haben die Hauptstädter um Dirk Krischenowski und seine Mitstreiter Zeit, sich mit den norddeutschen Kommunalpolitikern um Horst Schramm zu einigen. Was den Groß-Berlinern ihr Reichstag ist, heißt im kleinen Berlin "Schramms Gasthof". Die Kneipe im Berliner Vorort Kembs ist Schauplatz für kommunalpolitische Auseinandersetzungen im Gemeinderat. Hier wird über Flächennutzungspläne, Busverbindungen oder Hebesätze gestritten - und über das große Geld diskutiert.
Bei der letzten Gemeinderatssitzung Mitte März lehnten die Kommunalpolitiker ein erstes Angebot von dotBerlin, vier kostenlose Berlin-Domains sowie die Neugestaltung der ortseigenen Internetpräsenz, auf der auch Berliner Landurlaub zwischen Kühen und Traktoren gebucht werden kann, dankend ab.
"Wir müssen über Geld reden"
Die Partner aus der Provinz wollen mehr. "Wir müssen über Geld reden - um Millionenbeträge geht es dabei aber ganz sicher nicht", versichert Dorfbürgermeister Horst Schramm. Verscherzen will er es sich nicht mit den Internet-Unternehmern aus dem fernen Berlin. Schließlich unterhalten die Hauptstadt und das Dorf seit Jahrzehnten "diplomatische Beziehungen" auf "allerhöchster Ebene" - mit gegenseitigen Besuchen von früheren Regierenden Bürgermeistern wie Willy Brandt oder Eberhard Diepgen im Dorf und regelmäßigen Stippvisiten der Klein-Berliner in der Hauptstadt.
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