Denn für einige kritische Blogger ist Adicals freimütiges Bekenntnis zum Kommerz das Ende der Unschuld – und Grund zum Aufstand. Doch Lobo, der Mann mit dem weithin sichtbaren roten Irokesenhaarschnitt, gibt sich im Gespräch selbstbewusst. Mal sagt er: "Ich halte Gegenwind aus, ich habe damit kein Problem." Und mal sagt er: "Reibung ist in Ordnung." Viele seien dafür, viele dagegen. Unterm Strich versuchten gerade mal zehn Blogger, "einen übergroßen Wirbel" um Adical zu machen.
Heftige Kritik aus der Blogosphäre
Wenn er nach Erklärungen für die Kritik aus einem Teil der Blogwelt sucht, driftet Lobo schnell ins Philosophische ab: "Das ist das Problem jeder Subkultur, wenn sie in einem Bereich der Gesellschaft ankommt, der mit Kommerzialisierung und Professionalisierung zu tun hat. Das ist wie bei Punkmusik und Skateboardfahren." Die Rebellion gegen Adical ist nach seiner Ansicht eine Art Wachstumsschmerz der Blogosphäre: "Eine Subkultur auf dem Weg zur Kultur bäumt sich auf."
Dabei ist Werbung in Blogs eigentlich nichts Neues. Viele Blogger verdienen sich zum Beispiel mit dem Partnerprogramm des Buchversenders Amazon schon längst kleinere Beträge dazu. Oder mit den - vermeintlich zum Inhalt der Seite passenden - Textanzeigen des AdSense-Programms von Google.
Doch Lobo, Haeusler und Kreitschmann versprechen den Bloggern höhere Einnahmen. "Google und Amazon schütten nicht genug Geld aus", sagt Lobo. Wenn Spreeblick, eines der wichtigsten deutschen Blogs, über Google-Anzeigen gerade mal 600 Euro im Monat verdiene, könne diese Form der Werbung "nicht das Richtige für eine Refinanzierung sein".
Adical verschweigt exakte Zahlen vorerst
Wie viel die beteiligten Blogs genau verdienen, mögen allerdings weder Lobo noch seine Partner sagen. Zum Adical-Verbund in Deutschland gehören bisher rund 30 der einflussreichsten Blogs des Landes - neben "Riesenmaschine" und "Spreeblick", den Blogs der Initiatoren, zum Beispiel auch "Wirres.net", "Netzpolitik.org" und das private Blog des "Bildbloggers" Stefan Niggemeier. Neue Seiten nimmt Adical vorerst nicht auf.
Alles in allem kommen die Blogs seines Werbeverbundes auf zwei bis drei Millionen Seitenaufrufe im Monat, rechnet Lobo vor. Zum Vergleich: Populäre Web-Angebote holen diese Zahl innerhalb einer gut besuchten Stunde.
Trotzdem ist das Werben in Blogs für Vermarkter durchaus attraktiv. Denn dort informiert sich eine besonders gut gebildete, meinungsfreudige Zielgruppe. Wenn es Unternehmen schaffen, bei diesen potentiellen Multiplikatoren anzukommen, hat sich das Investment in die Blog-Werbung mehr als gelohnt.
Blogverbund stärkt Unabhängigkeit
Theoretisch bietet der Blogverbund auch Vorteile für Blogger und Leser. Erstere bekommen eine zusätzliche Erlösquelle - und reduzieren ihre Abhängigkeit von der Industrie, denn die Werbepartner schließen ihre Verträge mit Adical ab, nicht mit jedem Blogger separat. Dadurch ist es schwieriger, wirtschaftlichen Druck auf einzelne Schreiber auszuüben, indem man ihnen mit dem Entzug des Werbevertrages droht.
Die Leser wiederum können auf mehr Transparenz hoffen. Denn Blogger, die klar erkennbar Werbung auf ihrer Seite schalten, sollten es - theoretisch - nicht mehr nötig haben, in ihrem Angebot Schleichwerbung zu betreiben und für wohlwollende Postings die Hand aufzuhalten, wie in der Vergangenheit durchaus geschehen.
Adicals erster zahlender Kunde war übrigens der Netzwerkausrüster Cisco. Dies trieb den Gegnern der Blog-Werbung gleich noch mehr Zornesröte ins Gesicht. Technik von Cisco sei die tragende Säule der Internetüberwachung in China, argumentierten sie mit Verweis auf ein Statement der Organisation "Reporter ohne Grenzen". Cisco sei der denkbar schlechteste Blog-Werbepartner.
Etwas weniger Aufregung dürfte der zweite Werbekunde erregen, die "Deutsche Behindertenhilfe - Aktion Mensch e.V.". Sie möchte mit ihrer Aktion "Die Gesellschafter" über die Gesellschaft der Zukunft diskutieren. Eine ziemlich zielgruppenorientierte Werbung. Denn Blogger diskutieren ja für gewöhnlich gern.
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