Von Konrad Lischka
Irgendwann im Lauf der vorigen Woche wird die Seite dann mit Inhalt gefüllt: "Als Panorama-Redakteur Sandy Smith seinen Lieblings-Reporter mit einer Sendung über die Scientology-Kirche beauftragte, machte er einen großen Fehler." Als Beleg sieht man ein Video mit der Scientology-Version der Ereignisse. Man kann kostenlos DVDs mit dem brüllenden Sweeney bestellen. Verwiesen wird auf eine Sonderausgabe der Scientology-Zeitschrift "Freedom", die auf 24 Seiten vermeintliche Fehler der BBC dokumentiert, Journalisten und Vertreter der anglikanischen Kirche zu Wort kommen lässt.
Schritt 3: Für Aufmerksamkeit sorgen
Am 10. Mai stellt dann John Wood, ein 47-jähriges Scientology-Mitglied aus London, wie er selbst im Netz schreibt, die Scientology-Schnittfassung des Sweeney-Wutausbruchs bei YouTube ein. Schon bald kommen passende Kommentare: "Was für ein Spinner", schreibt eine Lisa Karlsson. "Wenn die BBC das mit unseren Gebühren macht, will ich mein Geld zurück!", schreibt ein Frances Stevens. "So ein Mann sollte nicht für die BBC arbeiten", urteilt ein Nutzer namens Vuluner.
Merkwürdig daran: Alle drei haben sich wie viele andere der ersten Kommentatoren auch ausgerechnet am 10. Mai bei YouTube angemeldet, um dann nach kurzer Zeit das Scientology-Video zu kommentieren und ihm so mehr Aufmerksamkeit auf YouTube zu sichern.
Zusätzliche Aufmerksamkeit in den Massenmedien bekommt das Video am 13. Mai, einen Tag vor Ausstrahlung der Dokumentation Sweeneys: Schauspieler John Travolta fordert in einem nicht offenen, aber von Presseagenturen in Auszügen übermittelten Brief von der BBC: "Dieser Mann sollte kein Forum für seine Vorurteile, seine Scheinheiligkeit und seinen Hass bekommen." Am Montag, dem Tag der Ausstrahlung, steht das morgens in den großen britischen Zeitungen. Rechtzeitig, damit alle Zuschauer das YouTube-Video vor der am Abend laufenden BBC-Dokumentation sehen.
Die Folgen
So wurde John Sweeneys Wutausbruch binnen vier Tagen zu einem der meistkommentierten Videos auf YouTube – worüber nach Travoltas Brief alle britischen Medien berichteten. Die Wirkung der Bilder dokumentieren die Zuschauer-Kommentare auf YouTube: Viele Nutzer übernehmen für Scientology positive Lesarten. Auszüge: "Der Typ hat viele Vorurteile, vielleicht ist er ein Rassist", "Dieser Mann ist verrückt."
Die Vorgeschichte gerät dabei in Vergessenheit: Sweeney beschreibt auf den BBC-Seiten, wie seine Nachbarn und Verwandten anonyme Anrufe erhalten, wie sein Kamerateam schon am ersten Tag in Los Angeles auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel von zwei Autos verfolgt wird, wie jeden Morgen im Frühstückraum des Hotels derselbe Mann am Nebentisch sitzt und ihre Gespräche belauscht, wie insgesamt 13 Männer immer wieder an den Orten auftauchen, an denen Sweeneys Team dreht. Sweeney hat das Gefühl, das Scientology dahinter steckt - beweisen kann er das aber nicht.
Scientology-Kritiker Heldal-Lund berichtet SPIEGEL ONLINE Ähnliches: Bei seinem Vermieter habe ein Mann angerufen, der sich als Polizist ausgab und nach ihm fragte. Bei seinem Arbeitgeber seien immer wieder anonyme Beschuldigungen eingegangen, Unbekannte hätten seine Ex-Freundinnen angerufen und nach ihm gefragt. Heldal-Lund sagt: "Ich kann Sweeneys Ausbruch verstehen. Absolut nachvollziehbar angesichts des Psychoterrors."
Die meisten YouTube-Zuschauer teilen diese Meinung nicht. Sie sehen ein brüllenden, unsympathischen Mann und schreiben Kommentare wie "Sieg Heil, Herr Sweeney".
Nachtrag: Offensichtlich hat Scientologe John Wood, der die Scientology-Version des Sweeney-Ausraster bei Youtube einstellte, die Kommentarfunktion so eingestellt, dass er Kommentare vor Veröffentlichung zulassen muss. Das erklärt womöglich das für Sweeney so negative Zuschauer-Echo beim Scientology-Beitrag.
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