Von Frank Patalong
Doch Richter Hogans erneuter Vorstoß hatte noch mehr Konsequenzen, wie am Dienstag die "New York Times" berichtete. Offenbar wächst der Druck aus dem US-Justizministerium, Whosarat den Strom abzudrehen. Die Frage ist nur nach wie vor, ob dies überhaupt möglich ist. Da Webseiten wie Whosarat so unangreifbar scheinen, bietet sich nur eine Alternative an: Gerichtsakten zu geheimen Verschlusssachen zu machen.
Das aber stößt auf breite Kritik. Auch Richter John R. Tunheim, Vorsitzender der Judicial Conference, ist kein Freund der Geheimniskrämerei: Vorstellbar sei allenfalls, Details zu kooperativen Verhalten von Zeugen mit dem Gericht und Informationen über Identitäten von den allgemeinen Gerichtsakten zu trennen und zu "versiegeln", so Tunheim. Selbst das aber würde Gesetzesänderungen erfordern. US-Strafverteidiger hören das mit Missvergnügen: Für sie ist der freie Zugang zu möglichst vielen Informationen zu einem Fall oftmals Fall-entscheidend.
"Who's a rat?" als Waffe
Für gangbarer hält es Tunheim deshalb, das Problem "Fall für Fall" von den Gerichten regeln zu lassen. Ob das realistisch ist, ist fraglich. Tatsächlich erntete Whosarat in den letzten Jahren so einige Erwähnungen vor Gericht - den Verfahren war das kaum dienlich. Wie Kriminelle Whosarat zur Stützung ihrer Verfahren nutzen, dokumentierte Ende April das Verfahren gegen Steven Northington, einen Drogenboss aus Philadelphia, der die Erschießung eines Konkurrenten befohlen haben soll. In einer Abfolge von Prozessen, in denen es auch um Zeugeneinschüchterung und mehrere Morde ging, beharkten sich mehrere Dealer und Killer gegeneinander wegen Deals und Kooperationen mit der Justiz.
Eine davon führte zur Überführung des Killers Kaboni Savage, der - vom FBI gefilmt - zur Einschüchterung eines Zeugen angeregt hatte, dessen fünfjährigen Sohn "den Kopf weg[zu]blasen", einem anderen Kind mit einem Baseballschläger den Kopf einzuschlagen und "Barbecue-Soße auf die Überreste" einer durch Brandstiftung ums Leben gekommenen sechsköpfigen Familie zu schütten. Im Prozess gegen seinen Ex-Arbeitgeber Northington kam Savage diesem zu Hilfe, indem er wahrscheinlich seine Schwester Details über einen aussagewilligen Ex-Mitarbeiter bei Whosarat veröffentlichen ließ. Der Zeuge verstummte.
In einem anderen Fall führte so etwas zu "Verräter"-Graffitis am Haus eines identifizierten Zeugen und zur Verteilung von "Steckbriefen" im Stadtviertel.
Whosarat selbst distanziert sich von solchen Vorgängen. Die Seite rufe nicht zu Gewalt oder illegale Aktionen gegen Informanten oder Polizeibeamte auf oder heiße so etwas gut, heißt es in einem "Disclaimer" auf Whosarat. Für Frank O. Bowman ist das eine substanzlose Schutzbehauptung. Der ehemalige Staatsanwalt und Rechtslehrer an der Universität Missouri hat eine klare Meinung über das anrüchige Angebot. Bowman in der "New York Times": "Whosarat ist verabscheuungswürdig und äußerst gefährlich. Menschen werden deshalb sterben."
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