SPIEGEL ONLINE: Dann los - haben Sie je einen Formbrief bekommen, dessen Schrift Sie begeistert hat?
Reichel: Wenn Sie Formulare meinen, nein. Am wenigsten mag ich die von Behörden und Ämtern, die sehen immer besonders schlimm aus. Aber vielleicht habe ich da auch Vorurteile.
SPIEGEL ONLINE: Welche Schriften mögen Sie, wann ist eine Schrift schön?
Reichel: Ach, Schönheit… darüber kann man schlecht reden, das empfindet sowieso jeder anders. Vielleicht muß eine gute Schrift ein erkennbares Stilelement haben, eine Art Gesamtausstrahlung. Es gibt sicher schöne Schriften, die aber gerade wegen ihrer Schönheit nur sehr begrenzt einsetzbar sind. Wenn man eine universell verwendbare Schrift will, muß sie klar und zurückhaltend sein -- sie darf nicht selber sprechen.
SPIEGEL ONLINE: So wie bei der Helvetica, die jetzt zum 50. Geburtstag groß gefeiert wird? Film, Ausstellung, Bücher – hat sie das verdient?
Reichel: Zweimal ja. Hat sie verdient. Na klar. Sie schlug ja vor 50 Jahren quasi ein wie eine Bombe. Vermutlich nicht, weil sie schön war, sondern weil sie etwas lieferte, was es bis dahin nicht gab, und was heute immer noch erwartet wird. Vielleicht sowas wie Ruhe, Gelassenheit, Ordnung, Sicherheit. Kein Wunder, dass die meisten Verbotsschilder auf der ganzen Welt in der Helvetica gesetzt sind.
Das Interview führte Konrad Lischka
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