Von Konrad Lischka
Vor gut 7000 Politikern, Diplomaten, Journalisten und einigen Fernsehkameras sagte US-Präsident Bush Anfang des Monats an die britische Königin gewandt diesen denkwürdigen Satz: "Sie haben mit unserer Nation die Zweihundertjahrfeier im Jahr 17… 1976 gefeiert." Ein peinlicher Beinahe-Versprecher, das Publikum lacht, der Präsident auch, die Queen nicht. Wer Aufnahmen dieser Szene bei Google sucht, findet lediglich vier Videoschnipsel.
Etwas wenig für den Marktführer unter den Suchmaschinen. Wer bei der Video-Suchmaschine Blinkx nach dem Versprecher sucht, findet mehr als 20 Mitschnitte verschiedener Fernsehsender. Darunter auch den einmaligen Mitschnitt des US-Senders ABC, der von der Seite zeigt, wie der Präsident der Königin zuzwinkert und sie lakonisch flüstert: "Wrong year" – falsches Jahr. Wer mit Google sucht, findet diesen Höhepunkt nicht.
Börsengang bringt Blinkx 50 Millionen Dollar
Das ist symptomatisch: Google hat eine Sehschwäche, wenn es um Videos im Internet geht. Gewiss: Mit YouTube und Google Video gehören dem Internetkonzern die zwei umfangreichsten Video-Portale im Netz. Aber zwei Portale sind keine Suchmaschine – das zeigt sich beim Vergleich mit Konkurrenten wie Blinkx. Diese Spezialsuchmaschine erfasst Bildermaterial von mehr als 130 Partnern, darunter große Fernsehsender, deren Stoff man bei Google vergeblich sucht. Blinkx hat jetzt die stolze Zahl von 12 Millionen im Sucheindex erfasster Stunden Bildmaterial verkündet. Vorige Woche hat das Unternehmen beim Börsengang im Londoner Start-up-Segment Alternative Investment Market (AIM) etwa 50 Million Dollar eingenommen.
Kein Wunder: Videosuche und kontext-sensitive Werbung in Web-Videos sind derzeit heiße Themen. Ein gutes Dutzend Unternehmen tummelt sich auf dem Markt. Denn hier hat Google noch keine dominierende Suchtechnologie etabliert. Laut einer Umfrage des US-Umfrageinstituts Ipsos vom vorigen September finden nur 37 Prozent der US-Internetnutzer Webvideos über Suchmaschinen. 61 Prozent schauen, was Freunde empfehlen, 69 Prozent stöbern einfach so bei Videoportalen und machen Zufallsfunde. Gleichzeitig wächst der Video-Werbemarkt: 63 Prozent jährliches Umsatzwachstum sagt das US-Fachmagazin Emarketer bis 2010 voraus. Wer als erster eine Variante von Googles Adwords-System (Passende Werbung zum Text-Inhalt von Internetseiten und Suchanfragen) für Bewegtbilder anbietet, könnte den Markt aufrollen.
Google: Kein Kommentar zur Videosuche
Das weiß auch Google. "Video ist der nächste Schritt in der Entwicklung des Internets", sagte Google-Geschäftsführer Eric Schmidt im vorigen Herbst nach dem YouTube-Kauf. Den Schritt hat Google bis heute nicht gemacht. Arbeitet der Konzern an einer neuen Video-Suchttechnik? Google-Sprecherin Lena Wagner zu SPIEGEL ONLINE: "Wir geben Dinge erst bekannt, wenn sie für den User nutzbar sind." Arbeitet Google an einem Werbesystem für Bewegbilder? Google-Sprecherin Wagner: "Ich kann Ihnen leider keine Auskunft zu Ihren Fragen geben."
Diese Lücke wollen Firmen wie Blinkx füllen. Das britisch-amerikanische Unternehmen zeichnet sich dabei nicht nur durch die Vielfalt an Quellen aus. Interessant ist auch der Suchalgorithmus. Lange Zeit erfassten Suchmaschinen beim Indizieren von Bilder, Tönen und Videos nur den Text im Dateinamen und dem Umfeld der Datei auf der jeweiligen Webseite. Nun sind solche Metainformationen abhängig davon, wie zuverlässig die Menschen sind, die sie eingegeben haben. Wer bei Google Video zum Beispiel den YouTube-Star lonelygirl15 sucht, bekommt auch alte und junge Männer zu sehen, die über YouTubes Bewertungssystem schimpfen.
Der Grund: Sie haben ihren Videos Titel wie "lonelygirl15 naked" gegeben. Vier der zehn ersten Treffer bei Googles Videosuche sind solcher Spam. Die anderen sechs Ergebnisse sind bei YouTube gespeicherte Original-Clips der lonelygirl15-Macher. Bei Blinkx hingegen beschäftigen sich neun von zehn Clips mit lonelygirl15. Interview mit den Machern, Interview mit der Schauspielerin – die Originalclips tauchen hingegen verstreut auf den folgenden Ergebnisseiten auf.
Blinkx erkennt Sprache
Ob Blinkx die Relevanz dieser Clips nun wegen eines überlegenen Suchverfahrens treffender einschätzt als Google Video, kann man nur vermuten. Allerdings bezieht das Unternehmen laut eigenen Angaben tatsächlich mehr Informationen als die Metadaten bei der Indizierung ein: "Unser System analysiert nicht nur die Metadaten im Umfeld eines Videos, sondern das Video selbst", sagt Blinkx-Sprecherin Julia Blystone zu SPIEGEL ONLINE. Blinkx erfasst laut Blystone Bildmerkmale, auf Englisch gesprochene Inhalte, eingeblendete Untertitel und von Fernsehsendern oft in einzelnen Frames im Video hinterlegte Informationen zum Inhalt.
Die Spracherkennung soll in den kommenden Monaten auch auf die deutsche und andere europäische Sprachen erweitert werden. Blinkx gibt die Erkennungsgenauigkeit mit 70 bis 98 Prozent an – je nach Qualität des analysierten Materials. Blinkx-Sprecherin Blystone: "Wir könnten mit dieser Technik Nutzer zu bestimmten Worten im Video springen lassen. Aber unsere Medienpartner ziehen es vor, dass die Videos komplett abgespielt werden."
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