London - Das Bild hängt in einem virtuellen Polizeibüro. Es ist das letzte Foto von James Bulger. Zu sehen sind der Zweijährige und seine beiden Mörder, Jon Venables und Robert Thompson, in einem Einkaufszentrum in Merseyside, England. Im Februar 1993 wurde Bulger von den damals Zehnjährigen mit einer Eisenstange brutal zu Tode geprügelt. Geschossen hat das Bild eine Überwachungskamera.
Nun dient das Foto als Hintergrundkulisse für das Computerspiel "Law and Order: Double or Nothing", benannt nach der gleichnamigen Polizei-Serie auf dem britischen TV-Sender "Channel 5". Ein Pixel-Polizeikommisar fordert den Spieler auf, eine Entführung aufzuklären. Während er den Auftrag erteilt, zeigt der virtuelle Beamte auf das Bulger-Bild. Es hängt hinter ihm an der computergenerierten Wand und sieht dem Bild, das die Überwachungskamera seinerzeit geschossen hat, verdächtig ähnlich.
Bulgers Mutter Denise Fergus, 37, rief gestern zum Boykott gegen das "abscheuliche" Spiel auf: Sie forderte Händler auf, das geschmacklose Game aus den Regalen nehmen. "Alle Spiele sollten verschrottet werden, Gamer sollten das Spiel in die Läden zurückbringen und sich ihr Geld zurück erstatten lassen", sagte die Mutter dem Onlineportal "This Is London".
"Zu wissen, dass mein toter Sohn in einem Spiel als Hinweis für ein Rätsel fungiert, macht mich sehr wütend", sagte Fergus. "Die Spielemacher haben James behandelt, als sei er Allgemeingut, als sei er eine Akt fiktionaler Charakter." Das Spiel entmenschliche ihren Sohn; damit solle sofort Schluss sein.
Legacy Interactive stoppt den Verkauf
Nach Ansicht der Mutter ist der Fall "Law & Order" zudem so etwas wie ein Präzedenzfall: Man könne nicht riskieren, solche Grenzüberschreitungen zu ignorieren. Die Spielehersteller könnten sonst dem Irrglauben verfallen, man habe ihnen ihr Verhalten genehmigt. Es sei schlimm genug, dass es Bücher und Theaterstücke über den Tod ihres Sohns gebe; ihn in einem Computerspiel zu verwenden, sei "unter aller Würde".
Spielehersteller Legacy Interactive hat zu dem Fauxpas inzwischen eine dünne Entschuldigung abgegeben. Ihnen sei "zu Ohren gekommen", dass sich "eventuell" ein Bild im Spiel befindet, das "Ärgernis" errege. Man habe daher angeordnet, den Verkauf von "Law and Order: Double or Nothing" zu stoppen, bis der Fall vollständig aufgeklärt ist. Wie das Bild es überhaupt bis ins Spiel geschafft hat, erklärte das Unternehmen indes nicht.
Ex-Kriminalhauptkommissar Albert Kirby bezeichnete die Verwendung des emotional aufgeladenen Bildes als "pietätslos". Kirby leitete 1993 die Ermittlungen im Fall Bulger. Er erlaubte seinerzeit der Presse, das Bild zu publizieren, um die Mörder schneller aufzuspüren.
ssu
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