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09.07.2007
 

Web-Event "Live Earth"

Ruckel 'n' Roll

Von Frank Patalong

MSN jubelt über Millionenzahlen beim bisher größten Live-Web-Event, der Übertragung der "Live-Earth"-Konzerte. Dem Vergleich zum TV halten die Zahlen jedoch nicht stand. Ist es zu früh für IPTV - oder hat da wer was falsch gemacht?

IPTV, ein Kurzwort für Fernsehen via Internet, ist eines der Zauberworte dieses Jahres. Dass es kommt und dass ihm die Zukunft gehört, scheint klar. Die Gegenwart, das konnte man sich am Samstag ansehen, gehört ihm noch nicht.

Jedenfalls nicht in der Variante der Web-TV-haften Ausstrahlung, wie sie am Samstag gezeigt wurde. Weltweit und exklusiv hatte Microsofts MSN-Netz sich die Rechte zur Web-Verbreitung der Live-Streams von den Live-Earth-Konzerten gesichert.

Für solch ein Unterfangen braucht es ein finanzkräftiges Unternehmen, denn so etwas ist exorbitant teuer. Millionensummen wandern allein schon für die Vorhaltekosten, letztlich also für die Reservierung der Bandbreiten, über den Tresen. Oben drauf schlagen dann erst die eigentlichen Auslieferungskosten zu Buche. Wie hoch die ausfallen, hängt davon ab, wie stark sich die Abrufe über die "Sendezeit" verteilen: Es ist der sogenannte Peak, die Zahl der meisten zeitgleich ausgestrahlten Streams, der die Kosten definiert. Wie das alles ging, will oder kann MSN bisher nicht sagen.

In einer von den meisten Medien aufgenommenen Pressemitteilung von MSN hatte es geheißen, es habe zehn Millionen abgerufene Live-Streams gegeben, und allein "über 1,4 Millionen Menschen verfolgten online das Konzert in Deutschland". Eine missverständliche Formulierung, die SPIEGEL ONLINE per Nachfrage klärte. Auch hier geht es natürlich nicht um Menschen, also Zuschauer, sondern um die Zahl der Stream-Abrufe. Die erfolgten auch nicht aus Deutschland auf die Live-Earth-Konzerte, sondern aus aller Welt auf Konzertinhalte, die von Hamburg aus gestreamt wurden - im Laufe von 24 Stunden.

Alles andere wäre auch kaum plausibel gewesen. Mit 1,4 Millionen parallelen Stream-Abrufen - also Zuschauern - hätte man die Kapazitäten der Internet-Infrastrukturen in Deutschland austesten können. Laut Echtzeit-Traffic-Monitoring des Unternehmens Akamai gab es am Samstag aber im Webtraffic nur Leistungsspitzen, die knapp 30 Prozent über Normal lagen. Im Klartext: Der Web-Traffic blieb deutlich unter dem Niveau eines normalen Wochentages. Was nichts an der Tatsache ändert, dass Live Earth wahrscheinlich das größte Event war, das bisher live als Videostream über das Web übertragen wurde.

N24 am Samstag: Einmal Größe schnuppern

Im direkten Vergleich zu den Zuschauerzahlen, auf die in Deutschland N24 und ProSieben in den 24 Stunden des Konzert-Marathons kamen, waren es auf jeden Fall Peanuts. N24, sonst ein Mini-Nischensender, der sich von den Krümeln des TV-Werbekuchens ernährt, konnte sich über 60.000 bis 500.000 Zuschauer pro Stunde freuen - und erreichte so gegen 15 Uhr den bisher für den Sender einzigartigen Zuschaueranteil von 4,5 Prozent. Über den Tag verteilt kamen da satte Millionenzahlen zusammen, das Fernsehen punktete gegenüber dem Internet klar als das nach wie vor potentere Medium.

Aber auch im Vergleich zu dem, was sonst im Netz passiert, war Live Earth keine Sensation, sondern nur ein Knaller. Ungewöhnlich war allein die - nicht geklärte - Gesamtzahl von Menschen, die sich zeitparallel ein Event über das Web anschauten. In Relation gesetzt kickte die Live-Earth-Übertragung aber letztlich in der Streaming-Kreisliga: Schon vor einem Jahr lieferte YouTube allein rund 100 Millionen Streams pro Tag aus, allerdings in der preiswerteren Progressive-Download-Technik. Neuere Zahlen existieren nicht.

Hätte die Web-Übertragung bei MSN erfolgreicher sein können? Wahrscheinlich schon. Wer sich die Übertragung am Samstag ansah, dem fiel unwillkürlich auf, dass hier ganz offenkundige Vorteile des Webs nicht genutzt wurden. Ganz davon abgesehen, dass die Übertragung auch technisch nicht reibungslos über die Bühne ging.

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