Von Frank Patalong
Qualität: Rock, nicht ruck
Wer sich auf die Übertragung einließ, wünschte sich Rock, nicht Geruckel. Genau das aber bekamen viele Web-Nutzer bei MSN geboten. Das Nadelöhr, das die ruckfreie Übertragung verhinderte, muss dabei noch nicht einmal bei MSN selbst gelegen haben. Doch irgendwo auf der Strecke zwischen Ausstrahlung (Stream) und User ging einiges verloren: Verpixelte Grafik, stockende Bilder und immer wieder unterbrochene Sound-Spuren waren die Folge, wie unter anderem den Leserbriefen der SPIEGEL-ONLINE-Nutzer zu entnehmen ist. Den Eindruck hatten zeitweilig auch wir.
Mangelnde Selektivität: Vorteile verspielt
In den nächsten Tagen, heißt es in einer Pressemitteilung von MSN, werde sich die Zahl der Konzert-Abrufe noch einmal deutlich erhöhen, wenn "sich jeder sein Lieblingskonzert oder verpasste Auftritte noch einmal bei MSN ansehen kann". Das wird wohl so sein - wenn auch MSN weit weniger davon profitieren dürfte als diverse andere Video-Downloadportale. Dort entstand nämlich bereits im Laufe des Samstag ein Angebot, das man eigentlich bei MSN erwartet hätte: segmentierte Clips der gesamten Konzerte zum Beispiel, nach Gruppen oder speziellen Songs geordnet.
Das bietet auch MSN inzwischen an, wenn auch nicht gerade im Übermaß: Unter "Highlights" präsentiert die Sonderseite recht gut versteckt einzelne Videos der Auftritte. Bei YouTube und Co bekommt man längst so gut wie alles. Wer bei MSN alles sehen will, muss sich die Konzerte anschauen - und zwar vollständig, von vorn bis hinten.
Die Moral von der Geschicht': Ohne Üben geht es nicht
Ein Vorspulen innerhalb der Aufnahmen ist nicht erlaubt. Das Angebot geht so klar an den Bedürfnissen der Zielgruppe vorbei: Für ein Häppchen Live Earth hat man in der Mittagspause ja mal Zeit. Nur Chefs dürften es sich aber erlauben, drei Stunden Konzert durchdudeln zu lassen, weil sie den Auftritt von The Police am Ende noch einmal sehen wollen. So sieht das aus, wenn Web Fernsehen spielt.
Dabei ist völlig klar, wie man das besser machen könnte. Im Internet erwartet man eine On-demand-Funktionalität, alles andere enttäuscht. MSN hätte die Bedürfnisse seiner Nutzerschaft mit einer sukzessiven, segmentierten "Ausstrahlung" des in Häppchen und Einzelauftritte unterteilten Konzertprogramms wahrscheinlich besser bedient, als mit der - technisch weit anspruchsvolleren und teureren - Live-Übertragung als echter Stream. Das hätte auch den Vorteil, bei der Zählung zu aussagekräftigeren Zahlen zu kommen, statt Daten zu veröffentlichen, die letztlich gar nichts aussagen. Wenn IPTV eine vermarktbare Zukunft haben will, wird man das brauchen.
Bis dahin bleibt nichts anderes, als die uns angebotenen Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Was dabei herauskommt, ist noch nicht einmal bei Rekordzahlen schmeichelhaft, wie das Beispiel Live Earth zeigt. Bricht man die von MSN gemeldeten zehn Millionen kumulierten Stream-Abrufe auch nur auf eine Stundenbasis hinunter, kommt man auf rund 417.000 Zuschauer pro Stunde. Da hatte N24 allein in Deutschland zeitweilig mehr.
Doch die Rechnung operiert natürlich mit Mondzahlen, denn wer sitzt schon 24, acht oder auch nur eine Stunde nonstop vor dem Rechner und schaut sich eine Konzertübertragung an? Natürlich darf man deshalb von weit weniger echten Zuschauern ausgehen (die dafür aber möglicherweise öfter wiederkamen), und von erheblich mehr "Reinschauern" - denn die meisten dürften nur für kurze Zeit hineingeschnuppert haben, was da gerade läuft. Interessant wäre es zu erfahren, wie viele davon dann sofort zu YouTube wechselten, um dort nach den interessantesten Konzert-Häppchen zu suchen - für viele war das schon fast ein Reflex.
Es wird also interessant zu sehen, was dabei herauskommt, wenn die Veranstalter von IPTV und Web-TV ein wenig mehr Übung haben und die Sache Web-gerechter angehen. Für MSN, sagte am Montag ein Firmen-Sprecher zu SPIEGEL ONLINE, sei das Ganze auf jeden Fall eine interessante Erfahrung gewesen: "Das wird nicht die letzte Konzertübertragung bei MSN gewesen sein."
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