Soziale Netzwerke
Google und Yahoo suchen neue Freunde
Von Konrad Lischka
Yahoo entwickelt ein neues soziales Netzwerk, Google sammelt an Universitäten Ideen für die nächste Menschel-Maschine. Denn im sozialen Netz sind die beiden Web-Konzerne Zwerge. Helfen könnte das "Vereinigte Soziale Netzwerk" – ein Zugang zu allen Web-Gemeinschaften.
Ein gelber Comic-Vogel lehnt an einem Ypsilon-förmigen Baumstamm, freut sich über sein leckeres Mittagessen und ruft: "Yahoo". Dieser Video-Clip aus der Sesamstraße kursiert durch die Yahoo-Zentrale im kalifornischen Sunnyvale. Offenbar empfehlen Nutzer einer neuen, noch geheimen Web-Gemeinschaft namens Mosh solche Clips munter an Yahoo-Kollegen weiter. Zumindest
taucht bei Youtube als Ursprung mancher Zugriffe die merkwürdige Domain mosh.yahoo.com auf.
AFP
Yahoo-Zentrale: Mitarbeiter testen hier die neue Yahoo-Web-Gemeinschaft
Mosh, so heißt die neue Webgemeinschaft, an der Yahoo offensichtlich arbeitet. Unter mosh.yahoo.com findet man eine Login-Seite mít dem Hinweis darauf, dass der Dienst im Netzwerk der Yahoo-Zentrale eigentlich ohne Login funktionieren müsste. Außerdem zitiert der US-Branchendienst
Techcrunch eine Yahoo-Stellenanzeige, die Mitarbeiter an Bekannte verschickt haben.
Es geht um zwei Praktikanten für ein "neues, cooles soziales Netzwerk". Voraussetzungen: "Du hast viele, viele Freunde bei Facebook, Myspace usw.. Und du bist verdammt lustig." Yahoo-Sprecherin Judith Sterl bestätigt SPIEGEL ONLINE: "Wir testen intern viele Produkte, die auch in Richtung Social Networks gehen. Details kommunizieren wir jedoch im Moment nicht."
Google sucht neue Ideen
Auch Google sammelt offensichtlich Ideen für eine neue Webgemeinschaft. Der Konzern hat im vergangen Jahr ein
Forschungsprojekt an der Carnegie-Mellon-Universität gefördert, bei dem Studenten das Konzept für eine neue, allumfassende Web-Gemeinschaft ausgetüftelt haben: Socialstream. Nur weil Google ein Uni-Projekt finanziert, muss der Konzern solche Ideen jedoch nicht zu einem Projekt machen. Allerdings bestätigt Google-Sprecher Stefan Keuchel SPIEGEL ONLINE: "Webgemeinschaften sind ein Thema für Google. Wir sind mit Orkut ja bereits in diesem Bereich aktiv und Projekte wie Socialstream belegen unser Interesse an diesem Markt."
Analyst: Die Marktbereinigung kommt
Richtig erfolgreich ist die Google-Gemeinschaft Orkut allerdings nur in Brasilien und Indien. Das Yahoo-Netzwerk 360° kann nicht einmal solche Erfolge vorweisen. Es läuft - aber Nummer 1 ist es nirgends. Die beiden großen Web-Konzerne brauchen neue Ideen, um den Web-Gemeinschafts-Markt aufzurollen. Branchenkenner halten das für gut möglich. Stefan Heng, Analyst bei der Deutschen Bank, zu SPIEGEL ONLINE: "Im Moment haben wir bei sozialen Netzwerken einen noch sehr fragmentierten Markt."
WEB 2.0: MITMACH-PLATTFORMEN UND SOZIALE NETZWERKE
Facebook, Myspace und Co - die bekanntesten sozialen Netzwerke und Mitmach-Plattformen im Überblick.
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach
eigenen Angaben hat Facebook derzeit 175 Millionen aktiver Mitglieder weltweit.
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Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Das Netzwerk hat laut Betreiber knapp 5,8 Millionen Nutzer.
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Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Ende 2008 hatte Xing 6,5 Millionen Mitglieder, etwa eine halbe Millionen Nutzer haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme.
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Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess, später finanzierten StudiVZ vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007
übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net
nach eigenen Angaben mehr als zwölf Millionen Nutzer.
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MySpace.com ist die populärste unter den Community-Plattformen, mit über hundert Millionen registrierten Nutzern. Wie auch
Facebook.com,
Xanga.com oder
Friendster.com bietet MySpace den Nutzern die Möglichkeit, Profilseiten anzulegen und mit Bildern und Videos zu dekorieren, Musik und Text auf die Seite zu stellen und ihre persönliche Profilseite mit der von Freunden und Bekannten zu verknüpfen. MySpace ist sehr beliebt bei Nachwuchsmusikern und verhalf auch den britischen Arctic Monkeys zu ungeahntem Erfolg. In die Kritik geriet das Angebot, weil es von Pädophilen benutzt wurde, um Kontakt zu Minderjährigen aufzunehmen.
StudiVZ ist eine deutsche Studenten-Community, die Facebook ähnelt.
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Flickr.com ist eine Foto-Community. Nutzer können Bilder einstellen, mit Schlagworten ("Tags") versehen und Pools für bestimmte Themen einrichten. Im Zusammenhang mit Ereignissen wie den Terroranschlägen in der Londoner U-Bahn oder dem Hurrikan "Katrina" wurde Flickr auch zu einem Paradebeispiel für den sogenannten citizen journalism: Schnell entstanden Bildersammlungen von Privatleuten, die das Geschehen dokumentierten. Als deutsches Flickr-Pendant versucht sich zum Beispiel
Photocase.
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YouTube.com lässt Nutzer Videos online stellen. Wie bei
Flickr und ähnlichen Angeboten können andere Eingestelltes kommentieren und bewerten. Mit einem speziellen Werkzeug kann man YouTube-Videos auch auf seiner eigenen Webseite einbinden. Vergleichbare Dienste gibt es inzwischen zuhauf, Beispiele sind
Metacafe.com,
Vimeo.com und
ClipShack.com. Auch
Googles Videodienst funktioniert nach dem gleichen Prinzip.
Putfile.com ist ein genereller Upload-Service für Videos, Audio- und Bilddateien. Weiter gehen Angebote wie
Eyespot.com und
Jumpcut.com - dort können die Nutzer eingestellte Videos auch bearbeiten, zusammenschneiden und nachvertonen. Deutschsprachige Varianten von Youtube sind etwa
MyVideo und
FMarket. Eine Kombination aus Flickr und YouTube bietet
Sevenload.
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Eine Art Online-Bookmark-Sammlung mit Community-Eigenschaften. Bei
Del.icio.us kann jeder angemeldete Nutzer Web-Adressen speichern, sie mit Schlagworten ("Tags") versehen und so anderen Benutzern zugänglich machen. Verwandte Sites lassen sich so gruppieren, User mit ähnlichen Interessen können einander auf Interessantes hinweisen. Für Firefox-Benutzer gibt es sogar ein Browser-Plugin, das den Zugriff auf die Online-Linksammlung in die Navigationsleiste integriert.
Mr Wong ist eine deutsche del.icio.us-Variante.
Ursprünglich auf Technologie-Nachrichten spezialisiert war
digg.com. Die Selbstbeschreibung des Angebotes spricht von "nicht-hierarchischer redaktioneller Kontrolle": Indem Nutzer eingestellte Nachrichten bewerten, entscheiden sie mit über die Platzierung einer bei digg.com verlinkten Meldung auf der Seite. Eine deutsche Variante von Digg heißt
Yigg.
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Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten eigenen Angaben inzwischen etwa 3,4 Millionen Nutzer.
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Technorati.com ist die Mutter aller Blog-Suchmaschinen. Sie katalogisiert Weblogs, Blogeinträge können wiederum mit Tags versehen und so zusammengefasst oder effektiver durchsucht werden. Technorati beurteilt Blogs auch nach Bedeutsamkeit und Glaubwürdigkeit - Suchergebnisse können entweder danach oder nach dem Erscheinungsdatum sortiert werden. Durch die Hitliste der häufigsten Suchbegriffe ist Technorati auch zu einer Art Seismograph für die heiß debattierten Themen der Blogosphäre geworden. Eine Blog-Suche bietet auch Google an (
Google Blog Search) - mit weniger aufwendiger Funktionalität, aber teilweise anderen Ergebnissen.
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Mashups sind Multimedia-Collagen wie Video-Zusammenschnitte - oder aber Internetseiten, die durch das vermischen, verknüpfen oder neu konfigurieren vorhandener Inhalte entstehen. Häufig werden beispielsweise
Ortsinformationen aus Google Maps mit anderen Inhalten, etwa Lexikon- oder Branchenbucheinträgen verknüpft. Auch
Flickr und
del.icio.us sind beliebte MashUp-Zutaten. Viele Web-Unternehmen stellen Hobbyentwicklern für solche Projekte sogar ihre
"application programming interfaces" (APIs) zur Verfügung.
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Blogs oder Weblogs sind oft von Privatleuten geführte Internet-Publikationen. Sie basieren auf einer Software, die es erlaubt, Texte mit wenig Aufwand online zu stellen und Leser Artikel kommentieren zu lassen. Weblogs sind teilweise schlicht private Aufzeichnungen für den Freundeskreis, zum Teil aber durchaus ambitionierte Publikationsprojekte, die von den Betreibern als alternative journalistische oder literarische Form verstanden werden. Besonders themenspezifische Blogs können durch eingeblendete Werbung durchaus lukrativ sein. Es gibt auch organisierte Blogger-Verbände, die Zulieferer-Verträge mit Zeitungen und Nachrichtenagenturen haben.
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Es gebe zwar schon nationale und internationale "Kondensationskerne" wie StudiVZ oder Myspace, doch die echte Marktbereinigung komme noch. Analyst Heng: "Womöglich kommt einer der bisherigen Anbieter durch Zukäufe oder durch natürliches Wachstum zu großen Marktanteilen." Heng hält aber auch ein anderes Szenario für wahrscheinlich: "Einer der großen Internet-Akteure rollt das Segment der sozialen Netzwerke auf - durch Zukäufe oder eine eigene Plattform, mit einem mehr inhaltlichen als technischen Alleinstellungsmerkmal."
Das nächste große Ding: Integration
Nur: Was könnte dieses Alleinstellungsmerkmal sein? Die Forscher der Carnegie-Mellon-Universität sehen einen großen Bedarf an Integration. Sie planen Socialstream als das "Vereinigte Soziale Netzwerk", wo Nutzer "Inhalte aus verschiedenen Quellen und Web-Gemeinschaften nahtlos teilen, betrachten und kommentieren können."
Ein Angebot wie Socialstream fehlt tatsächlich. Fast jeder Webnutzer kennt das: Die deutschen Berufskollegen sind bei Xing, die amerikanischen bei Linkedin, irgendwer bei Myspace und die Bekannten, mit denen man Fotos teilt, bei Flickr. Überall muss man von neuem dieselben Profildaten eingeben und aktualisieren, für jeden Kontakt und Zweck die passende Web-Gemeinschaft suchen und sich einloggen. Es fehlt eine zentrale Anlaufstelle fürs Gemeinschaftsnetz, etwas, das Suchmaschinen fürs Web leisten.
Diese Idee entwickeln die Socialstream-Macher. Ihr Entwurf fasst Zugänge unterschiedlicher Web-Gemeinschaften in einem Portal zusammen. Es ist egal, wo jemand angemeldet ist und wo neue Nachrichten, Bilder, Kommentare auftauchen – man sieht es. Und man kann all seine Kontakte plattformübergreifend durchsuchen. Ein Video zeigt eine Beta-Version der Anwendung:
Suchfunktion immer wichtiger
Nutzern ist die Suchfunktion bei Web-Gemeinschaften offenbar enorm wichtig. Facebook, ein schnell wachsender US-Anbieter (mit geschätzten 23 Millionen aktiven Nutzern) hat eine eigene Suchmaschine entwickelt. Das begründet Technik-Chef Aditya Agarwal im Firmen-Blog so: "Die Suchanfragen auf Facebook haben eine besondere Struktur, die nur wir verstehen können". Inzwischen wickelt das System mehr als 600 Millionen Suchanfragen im Monat ab – damit ist Facebook unter den 20 größten Suchmaschinen, obwohl es gar nicht als solche wahrgenommen wird, vielmehr immer noch als Web-Gemeinschaft gilt.
Diese Wahrnehmung dürfte sich ändern. Yahoo hat längst sein Foto-Portal Flickr in die Yahoo-Bildersuche integriert. Ergebnis: Laut Statistik-Dienstleister Hitwise 38 Prozent mehr Zugriffe binnen eines Monats. Die Beispiele zeigen: Web-Gemeinschaften profitieren, wenn Suchmaschinen neue Zugänge zu ihren Inseln bauen. Chancen für eine andere Anwendung sieht Deutsche-Bank-Analyst Heng: "Suchmaschinen wissen sehr viel von uns, von unseren Interessen und Gewohnheiten. Suchanfragen wären doch ein interessanter Rohstoff, um Menschen mit ähnlichen Interessen per Software zusammenzubringen."
70.000 Webgemeinschaften unter einem Dach
Von Suchmaschinen, die verschiedene Inseln durchsuchen, ist es nicht mehr weit zu einem Angebot, das Webgemeinschaften unter einem Dach sammelt. An diese Vision glaubt Marc Andreesen, ehemals Netscape-Boss, heute Gründer der Firma Ning. Dieser Anbieter ermöglicht es Nutzern, mit ein paar Mausklicks eigene Web-Gemeinschaften auf einer einheitlichen Plattform zu starten. 70.000 solcher Communitys hat Ning seit Oktober 2004 versammelt – von Smashing-Pumpkins-Fans über eBay-Händler in New York bis hin zu US-Diabetikern.
Ein Login für 70.000 Gemeinschaften – die Idee überzeugt Investoren offensichtlich. Anfang dieser Woche hat Ning die Zusage für eine dritte, große Finanzierungsrunde erhalten: 44 Millionen Dollar investieren Risikokaptial-Geber in Ning – ein bereits heute funktionierendes "Vereinigtes Soziales Netzwerk".