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Browserkunst Anders surfen mit Netomat

Es gibt wieder eine Alternative zum Einheits-Browser und den Hyperlinks der Vergangenheit. Netomat erfindet neue Formen der Navigation und macht das Surfen zu einer kunstvollen Erfahrung.

Textfragmente und Bilder fließen scheinbar zusammenhanglos und ungesteuert über den Bildschirm. Sie beschleunigen sich jeweils entgegengesetzt zu der Richtung, die der Mauszeiger einschlägt, und kommen erst zum Stillstand, wenn sich das Fadenkreuz des Mauszeigers der Mitte nähert. Es gibt kein Vorwärts und Rückwärts mehr, passé ist die gewohnte Navigation mit Schaltflächen und URLs. Der Mausklick bleibt ohne Folgen und Hypersprünge. Statt dessen wartet eine Eingabezeile am unteren Rand auf Wörter oder in natürlicher Sprache gestellte Fragen. Die Eingabetaste schickt die Zeichenfolge los und bewirkt so ein "netomatisches Ereignis".

Es ist schon eine Kunst, mit diesem alternativen Browser umzugehen. Jede neue Anfrage bringt unerwartete Ergebnisse, während sich der Browser zugleich die bisherigen Anfragen merkt und im Fluss der Informationen berücksichtigt. Der ständige Strom der Web-Inhalte speist sich aus verschiedenen Quellen zugleich. Wer sich darauf einlässt, kann ebenso ungewohnte wie faszinierende Erfahrungen machen.

Kunstbrowser Netomat: "Die Art und Weise ändern, wie wir die Dinge sehen"

Kunstbrowser Netomat: "Die Art und Weise ändern, wie wir die Dinge sehen"

Netomat durchbricht das lineare Suchen und Surfen, löst die statischen Webseiten auf, reißt sie aus ihrem Zusammenhang und präsentiert sie als bewegte Collage. Seine Absicht sei, "die Art und Weise zu ändern, wie wir die Dinge sehen", sagt der Netomat-Programmierer Maciej Wisniewski. Er sieht die Web-Gestalter noch immer viel zu sehr von traditionellen Medien wie Zeitschriften und Büchern beeinflusst. Wisniewski zufolge ist bei den Web-Browsern seit etwa 1993 nichts wirklich Neues mehr passiert - die heute verbreiteten Programme von Netscape Navigator über Internet Explorer bis Opera gehen alle auf den einen Urahn Mosaic zurück. Darin bestätigt ihn Matthew Ciolek, der Netomat in seiner Zeittafel der globalen Vernetzung als eine wesentliche Software-Innovation des Jahres 1999 aufführt.

Software ist Kunst

Wisniewski hält Software für eine zeitgemäße Form der Kunst. Im Web sieht er nicht nur eine Datenbank, sondern eine einzige große Anwendung. In seinem Brotberuf entwickelt er täglich Software für IBM. Sein Java-basierter Browser wurde jedoch nicht auf einer Computermesse, sondern in der schicken Postmasters Galerie im New Yorker Stadtteil Chelsea vorgestellt, die für ihre digitalen und multimedialen Kunstprojekte bekannt ist. Zuvor war Netomat sogar für eine Ausstellung im Museum of Modern Art vorgesehen, die jedoch in letzter Minute durch die ausbleibende Erlaubnis eines Komitees gestoppt wurde. In Deutschland stellte der Künstler seine Browser-Kunst unlängst in der Karlsruher Ausstellung des Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) vor.

Wisniewski ist ein gebürtiger Pole, der mit etwa sieben Jahren nach Deutschland kam. Wenig später kehrte er allerdings nach Polen zurück und ging von dort nach Schweden. Als schwedischer Staatsbürger lebt er heute in den USA. In der New Yorker Kunstszene realisierte er bereits vor Netomat mehrere Kunstprojekte mit Online-Inhalten. Mehr über seine digitale Kunst und seine Absichten verrät er in einem 45-minütigen Interview, das aus dem Video-Archiv von The Thing abzurufen ist.

Er ist nicht als einziger auf der Suche nach künstlerischen Browser-Alternativen. Ein bekannter Versuch ist der Web Stalker der britischen Künstlergruppe I/O/D. Ihr Browser-Experiment zeigt die Struktur der besuchten Web-Sites in verschiedenen visuellen Ansichten und zeichnet so etwas wie Landkarten des Webs. Die Gruppe arbeitet derzeit an I/O/D 5, das sie vage als Multi-User-Kommunikationsprogramm im Bereich von Chat und Groupware ankündigt. Als ersten Multi-User-Browser wiederum bezeichnet Mark Napier sein Online-Projekt Riot. Es bildet kinetische Collagen aus den letzten drei Webseiten, die von den Riot-Besuchern angefordert wurden. Zuvor entwickelte Napier einen Shredder, der Webseiten zerstört, und Digital Landfill, das entbehrlichen Datenmüll wie E-Mails, Spam und HTML "kompostiert".

Neue Netomaten, neue Navigation

Netomat hat mehrere Benutzerschnittstellen, die durch einen Rechtsklick ins Eingabefeld auszuwählen sind. Derzeit wählbar sind Datenströme von Texten und Bildern, nur Texte oder nur Bilder. Grundsätzlich aber kann Netomat auch weitere Datenformate wie RealAudio und XML aus dem Web beziehen. Als "Meta-Browser" verhält sich Netomat entsprechend den zugrunde liegenden Definitionen, die "netomatische Dateien" von einem Server liefern. Als Sprache für die Instruktionen dient NML (Netomatic Markup Language). Wisniewski denkt daran, sein Programm als Open-Source-Software zu veröffentlichen. Das modulare Programm soll es dann auch anderen Programmkünstlern erlauben, sich beliebig viele weitere Browser-Schnittstellen zu basteln.

Doch kann ein alternativer Browser wie Netomat mehr sein als ein künstlerischer Gegenentwurf zur täglichen Surfpraxis? Kann er radikal neuen Navigationsformen den Weg bereiten? Wisniewski ist sich nicht sicher, ob es für seinen Browser auch ein kommerzielles Potenzial geben kann und sagt dazu sowohl Ja als auch Nein. Sein Galerist Thomas Banovich von der Postmasters Gallery hingegen kann sich kommerzielle Anwendungen gut vorstellen. Netomat ermögliche es seinen Benutzern, genauer zu definieren, was sie aus dem Web wollen, und sich damit ein Portal ganz nach den eigenen Vorstellungen zu schaffen.

Beide wissen natürlich, dass Netomat nicht den Standard-Browser ersetzen, sondern nur einen Anstoß geben kann. Vielleicht sind es ja auch die Suchmaschinen, die von diesem Browser lernen können. Warum sollten sie ihre Fundstellen nicht in einer ähnlich freien, visuellen Form statt in ihren langweiligen und oft unbrauchbaren Ergebnislisten kundtun? Kann die Web-Software nicht besser auf das assoziative Denken der suchenden und navigierenden Benutzer reagieren? Netomat stellt solche Fragen und drängt auf phantasievolle Antworten.

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