Alan Ross’ ganzer Stolz sieht aus wie eine Suppenschüssel mit Glubschaugen. Das grau-braune Ding schwebt wenige Zentimeter hinter dem Rücken seines "Second Life"-Avatars WiredAl Vuckovic. Und wenn er kurz innehält oder unvermittelt die Richtung ändert, dann scheppert ihm das Ding immer mal wieder ins Kreuz. "Das ist der FinderBot", sagt Ross. Wir stehen in einer Sandbox, also einem der Spielplätze in "Second Life" (SL), wo Bewohner ihre Baufertigkeiten ausprobieren können. "Der FinderBot folgt dir. Und wenn er manchmal zufällig mit dir zusammenstößt, sagt er 'Entschuldigung'", erklärt Ross grinsend. Er trainiert seinen fliegenden Gefährten gerade, damit der schon bald anderen Avataren aus dem Schlamassel helfen kann.
Der FinderBot soll nämlich orientierungslosen Zeitgenossen in "Second Life" beistehen. "Wir kennen alle das Gefühl, verloren in der virtuellen Welt zu sein", sagt Alan Ross, "ohne brauchbare Informationen über einen bestimmten Ort oder Laden." Abhängig von der Tageszeit sei es ja so, dass man oft noch nicht einmal jemanden in der Nähe um Hilfe fragen könne. Der FinderBot soll das nun ändern. Er soll Hilfesuchenden in "Second Life" rund um die Uhr und vollautomatisch Auskunft geben – und sie bei Bedarf gleich zu ihrem Reiseziel bringen. Befindet sich der gewünschte Ort auf derselben Insel, dann übernimmt der virtuelle Begleiter den Transport selbst, ansonsten bietet er eine Teleport-Möglichkeit an.
Mit diesem Konzept treten Alan Ross und seine Kollegin Paola Capocasa beim Wettbewerb "Bring Ideas To Life" der Managementberatung McKinsey an, über den SPIEGEL ONLINE regelmäßig berichtet. Weltweit machen mehr als 2000 Menschen in rund 400 Teams mit. Seit Anfang der Woche sind nun auch die letzten Geschäftspläne der ersten Wettbewerbsrunde eingesandt. Niemand kann mehr an seinem Konzept feilen. Selbst Teams, die bis zur letzten Sekunde noch Verbesserungen vorgenommen haben, müssen sich nun hinaus in die virtuelle Realität von SL wagen.
Reale Botschaften auf virtuellen T-Shirts
Genau 45 Tage hat jede Mannschaft Zeit, um ihr Konzept umzusetzen. Ende Oktober müssen dann die besten Teams ihre Ideen in einer virtuellen Analystenkonferenz vor Business-Profis verteidigen. Im November hat der Wettbewerb ein Finale in der realen Welt: Die besten Teams treffen sich im österreichischen Kitzbühel.
Mit einem Konzept namens "Kiss my Ads" will ein Team aus Taiwan und Indien das Ticket zum Finale in dem Nobel-Skiort lösen. Im Kern geht es darum, das Prinzip von "Google AdSense" in die virtuelle Welt zu übertragen. Bei der Suchmaschine wird mit zurückhaltenden Textanzeigen für Dinge geworben, für die sich der Nutzer gerade interessieren könnte. In "Second Life" sollen die Werbebotschaften nun auf schrillen T-Shirts untergebracht werden. Die Idee ist in beiden Fällen die gleiche: Interessiert sich jemand für das beworbene Angebot, dann gibt es einen kleinen Geldbetrag für den Träger der Werbebotschaft. "Second Life"-User können so Geld verdienen – das von Ladenbesitzern stammt, die sich im Idealfall darüber freuen können, dass ihre Botschaft im werbeüberfluteten Umfeld der virtuellen Welt ein wenig Aufmerksamkeit bekommen hat.
Eine potentielle Kundin wäre zum Beispiel die britische Nachwuchsfotografin Eleanor Lindsay-Fynn. Sie verkauft unter dem Namen "Lady Eleanor Inc." in "Second Life" Fotos, die sie in der realen Welt gemacht hat – und will ebenfalls den Gründerwettbewerb "Bring Ideas To Life" gewinnen. "Mein Name Lady Eleanor Inc. kommt daher, dass ich ein Produkt, eine Marke und auch eine Künstlerin bin”, erklärt sie. In wenigen Wochen soll ihre Galerie starten. Derzeit richtet sie das Haus ein, zusammen mit ihrer Schwester und einem Teamkollegen von der französischen Managementhochschule "Insead".
"Second Life ist ein großartiger Weg, um komplizierte Ausstellungen ohne hohe Kosten zu realisieren", sagt Lindsay-Fynn. "Konzeptionell hat man quasi keine Beschränkungen." In der ersten Etage der Galerie sollen nun möglichst bald Bilder der Künstlerin aus der realen Welt hängen, die im Oktober auch in der Londoner Saatchi Gallery zu sehen sind: Die Serie heißt "Family Album" und zeigt alltägliche und doch absurde Szenen der oberen Mittelklasse in Großbritannien. In der zweiten Etage der virtuellen Galerie soll es Platz geben für Bilder aus dem virtuellen Leben von "Second Life". Um Kunden in ihre Ausstellungsräume zu locken, will Lindsay-Fynn einen Fotowettbewerb starten. Mit etwas Glück können "Second Life”-Nutzer ihre Werke ganz nahe bei denen der Fotokünstlerin platzieren.
Die will übrigens auch den aktuell laufenden Geschäftsplan-Wettbewerb zur Kunst machen. Sie wolle, so sagt Lindsay-Fynn, auch ein Foto ihres Businessplans in der virtuellen Ausstellung zeigen. Denn: "Kunst und Kommerz sind untrennbar miteinander verwoben."
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