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27.09.2007
 

Menschenrechte

Was Web-Videos bewirken

Von Felix Knoke

Online-Videos und Blogs sind eine hervorragende Möglichkeit, eine breite Masse über Menschenrechtsverletzungen zu informieren. Um sie zu mobilisieren, müssen auch Hintergrundinformationen dazukommen - Öffentlichkeit allein reicht nicht aus.

In Burma gehen Zehntausende auf die Straße, Sicherheitskräfte geben tödliche Schüsse auf Demonstranten ab – eine Revolution liegt in der Luft und die Welt schaut zu. Ohne wirklich viel davon zu sehen. Die Militärregierung verbietet unabhängigen ausländischen Journalisten, ins Land einzureisen. Über das Internet dringt nur wenig nach außen.

YouTube-Video der Proteste in Burma: Ein Mittel, Polizei und Militär von Übergriffen abzuhalten?
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SPIEGEL ONLINE

YouTube-Video der Proteste in Burma: Ein Mittel, Polizei und Militär von Übergriffen abzuhalten?

Nur wenige Blogger trauen sich, politische Kommentare oder Bildmaterial vom aktuellen Geschehen ins Netz zu laden. Aber auch wenn die Burma-Blogger mehr Bilder ins Web stellen als die traditionellen Journalisten, stellt sich eine Frage: In wieweit können Blogs und Online-Videos solche Krisen wirklich beeinflussen?

Dawid Bartelt, Pressesprecher von Amnesty International Deutschland zeigt sich kritisch: "Wenn Videos und Blogeinträge nicht in einen größeren Zusammenhang gestellt und dem Publikum konkrete Handlungsmöglichkeiten geboten werden, verpufft diese Art von Öffentlichkeit, noch bevor sie Wirkung zeigen kann."

Eine Welt der Little Big Brothers

Eines ist klar: Blogger können Einblicke in Gebiete und Vorgänge bieten, die konventionellen Medien verschlossen sind: Irakische Zivilisten und US-Soldaten berichten aus dem Krieg; Überlebende von Naturkatastrophen stellen selbstgedrehte Handyvideos ins Netz, lange bevor das erste Filmteam vor Ort drehen kann.

Besonders ein Punkt begeistert Bürger– und Menschenrechtler: Das fast schon revolutionäre Potential der Netzvideos. Durch die massive Verbreitung von Video-Handys können Bürger Übergriffe der Obrigkeit filmen und im Nu über das Internet um die Welt schicken. Das Kalkül: Nirgendwo wird mehr ein Unrecht geschehen, ohne dass die ganze Welt dabei zuschauen, urteilen und etwas dagegen unternehmen könnte. Keine Diktatur, kein Polizeistaat, keine üble Macht könnte sich einer solch ubiquitären Informationsgesellschaft entgegenstellen. Eine Welt der Little Big Brothers wäre eine bessere.

Wo immer Hobbyfilmer mit Handy-Kameras Polizeibrutalität, Politikermauscheleien oder Auswüchse der Bürokratie entdecken, landen die Videos kurz darauf im Netz: Bei YouTube, beim alternativen Nachrichtennetzwerk Indymedia, in zahllosen Blogs. Dem Aufschrei im Netz sollen die konventionellen Medien folgen, das alles in der hohen Politik enden. Um dort dann – Veränderung zu bringen?

Ein schöner Traum. Ein Traum, der sogar wahr zu werden scheint, sieht man, was Demonstrationsteilnehmer, Passanten, selbst Polizisten und Soldaten an inkriminierenden Videos und Bildern ins Netz einspeisen.

Polizeiüberwachung statt Überwachung durch Polizei

Durch etliche Videos von Polizeiübergriffen geriet die Polizei in den Vereinigten Staaten unter Druck, sie untersucht nun in den eigenen Reihen.

Nach den Protesten gegen den G-8-Gipfel in Heiligendamm sorgten Videos für Aufsehen, die scheinbar sinnlose Tränengas– und Prügeleinsätze gegen Demonstranten und die Aufdeckung eines möglichen Agent Provocateurs dokumentierte.

Als Ende Juli 2005 rund 1000 tschechische Polizisten eine nicht offiziell angemeldete Techno-Party gewaltsam beendeten und mit Knüppeln, Wasserwerfern und Tränengas auf die Tänzer losgingen, veröffentlichten Partygäste die Videos im Netz. Die Folge: Tausende Demonstranten vor dem tschechischen Innenministerium, innenpolitische Turbulenzen, Solidaritätsdemonstrationen in Europa.

Blogger aus China und Ägypten konnten mit ihren Augenzeugenberichten und Erfahrungen aus erster Hand Bürgerrechtler aus aller Welt auf Missstände aufmerksam machen.

Kamerabilder eines von der ägyptischen Polizei verprügelten und sexuell genötigten Mannes führten zur Festnahme der Polizisten und einer Anklage wegen Folter. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch hatten auf den Fall aufmerksam gemacht, nachdem das Video im Netz aufgetaucht war.

Übersättigung am Übel

Das sind alles gute Nachrichten – für die Probleme einzelner Menschen und Gruppen wurde eine Öffentlichkeit geschaffen. Aber Öffentlichkeit allein reicht oft nicht aus, um Probleme zu lösen.

Wenn diese Öffentlichkeit nicht instrumentalisiert und gebündelt wird, verebbt der Aufschrei, bevor er durch Petitionen, Beschwerdebriefe oder Proteste in politische Entscheidungen umgewandelt werden kann.

Für Dawid Bartelt ist genau das die Aufgabe der Menschenrechtsorganisationen im Netzzeitalter. "Wer ein Video von einem Menschenrechtsverbrechen sieht und sich dann fragt: Was kann ich tun?, dem müssen Möglichkeiten angeboten werden." Allzu schnell verhalle das bewegende Potential der Videos im Rauschen der vielen anderen Bilder.

Wer sich bei YouTube, Liveleak und anderen Video-Webseiten mit Begriffen wie "Polizeibrutalität", "Menschenrechte" oder "Folter" auf die Suche macht, wird förmlich überschüttet mit grausamen, herzzerreißenden, aufrüttelnden Videos. Das einzelne verblasst dabei: "Desaster fatigue" – die Übersättigung am Übel. Das gefilmte Menschenrechtsverbrechen verkommt zum reinen Gewaltfilmchen, das sadistischen Voyeurismus befriedigt. Die eigentlich explosive Botschaft vom Ungeheuerlichen verpufft.

Den Videos fehlt es an Informationen

Dabei können Bilder, ob bewegt oder nicht, einen gewaltigen Einfluss auf Öffentlichkeit und Politik ausüben. Man denke nur an die Aufnahmen aus dem amerikanischen "Foltergefängnis" Abu Ghureib oder vom Massaker in My Lai in Vietnam.

Doch um solch einen Einfluss zu entwickeln, müssen die Videos und Fotos in einen größeren Zusammenhang gestellt werden. Wo geschah der Vorfall, warum geschah er, was steckt dahinter. Das ist nicht immer leicht herauszufinden – wie will man etwa den Kongo-Konflikt in wenigen Worten erklären? Bei YouTube fehlt meist jede Einordnung. Das könnte im Netz besser funktionieren. Damit nicht nur der schon zuvor interessierte Zuschauer zur Wikipedia huscht, um die Hintergründe zu erfahren.

Popmusiker Peter Gabriel versucht seit 1992 zusammen mit der Reebok Human Rights Foundation, eine Kombination aus Augenzeugenbericht und Hintergrundinformation auf die Beine zu stellen: Auf der Webseite "Witness" sollen der Welt die Augen geöffnet werden. Das ist nicht ganz so schick wie bei YouTube, dafür gespickt mit Erläuterungen der Zusammenhänge und vor allem Möglichkeiten direkt aktiv zu werden. Nur: Wer kennt diese Webseite schon?

Ein YouTube für Menschenrechte

Das soll sich aber ändern. Noch diesen November wird unter dem Namen "The Hub" eine zentrale Anlaufstelle geschaffen werden. Dort sollen die User Filme, Bilder, Tonmitschnitte hochladen können, um Websurfer auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen. Eine Art YouTube für Menschenrechte.

Dawid Bartelt sieht darin eine große Zukunftschance für Organisationen wie Amnesty International: Die Möglichkeiten des Netzes mit der bewegenden Kraft der Menschenrechtsorganisationen verbinden.

Doch selbst wenn Verstöße gegen die Menschenrechte gefilmt und im Netz veröffentlicht werden, wenn Experten die Hintergründe erklären und das Ausmaß des Unrechts offenbar wird, heißt das noch lange nicht, dass sich dadurch etwas ändert.

So wie in Burma: Auch wenn der Militärjunta die Blogs ein Dorn im Auge sind – was eine ordentliche Diktatur ist, wird sich kaum von ein paar Netzvideos aus dem Tritt bringen lassen. Eher schon von Zehntausenden demonstrierender Menschen.

Letzen Endes hängt es einzig am Publikum, nicht nur hinzusehen, sondern auch aktiv zu werden. Und das ist bislang eher die Ausnahme als die Regel, wie die folgenden Beispiele zeigen:

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