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02.10.2007
 

Streit um Facebook

Wer ist der Vater des Zehn-Milliarden-Babys?

Von Marc Pitzke, New York

Zehn Milliarden Dollar ist der geschätzte Wert des Freunde-Netzwerks Facebook. Zehn Milliarden Dollar, die Begehrlichkeiten wecken: Ein 24-jähriger Student legte jetzt eine 306-seitige Autobiografie vor, die sich mit einem Satz zusammenfassen lässt: "Ich hab's erfunden!"

New York - Aaron Greenspan ist gerade mal 24 Jahre jung, und doch hat er schon seine eigene Autobiografie vollendet. "Authoritas" heißt sie gewichtig, Untertitel: "Harvard-Geständnisse eines Studenten." 23 Seiten kann man auf Greenspans Website kostenlos vorab lesen, 306 Seiten hat der ganze Wälzer.

"Authoritas" ist freilich weniger eine Jugendbeichte als eine saftige Abrechnung. "Eine Suche nach Gerechtigkeit", sagt Greenspan. "Du schreibst mit Anfang 20 keine Autobiografie, es sei denn, du musst dir was von der Seele reden."

Computer-Geek Greenspan: 2001 gestaltete er als Schüler Webseiten für Kunden (Foto) - 2003 erfand er in Harvard Facebook, behauptet er heute
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AP

Computer-Geek Greenspan: 2001 gestaltete er als Schüler Webseiten für Kunden (Foto) - 2003 erfand er in Harvard Facebook, behauptet er heute

Greenspan, ein Internet-Unternehmer im Silicon Valley, hat sich offenbar viel von der Seele zu reden. Vor allem über seine Alma Mater Harvard und seinen damaligen Studienfreund Mark Zuckerberg, 23. Wenn einem dieser Name bekannt vorkommt, dann deshalb: Zuckerberg ist Gründer und Vorstandschef von Facebook - und Multimillionär, auf dem Papier jedenfalls.

Facebook ist eine sogenannte Social-Network-Website - eine Internet-Seite über die inzwischen Millionen Menschen Kontakt zu Freunden, Kommilitonen und Kollegen halten. Mit unzähligen spielerischen Anwendungen hilft die Seite den Nutzern dabei, ihr Sozialleben zu organisieren. Nach MySpace ist Facebook inzwischen die zweitpopulärste Social-Network-Website der Welt. Und Zuckerberg macht Kasse.

Zu Unrecht, findet Greenspan und ist darüber spürbar vergrätzt. Denn Facebook, behauptet er, sei gar nicht Zuckerbergs Idee gewesen - sondern seine. "Ich bin jemand, der an den Satz glaubt: Ehre, wem Ehre gebührt", sagt Greenspan zu SPIEGEL ONLINE. Und im Falle Zuckerberg treffe dieser Satz "eindeutig nicht zu". Doch noch hat er den Kampf nicht aufgegeben: "Wenn du lange genug wartest, wird die Wahrheit ans Licht kommen."

Dafür will er jetzt selbst sorgen, und das Timing dieser Silicon-Valley-Kontroverse kommt nicht von ungefähr. Denn Facebook, steht vor dem ganz großen Durchbruch: Nach Insider-Informationen will Microsoft für bis zu 500 Millionen Dollar bei Facebook einsteigen. Der Deal würde den Marktwert der Site auf satte zehn Milliarden Dollar beziffern.

Hoffnung auf moralische Wiedergutmachung

Kein Wunder, dass sich so manche davon ein Scheibchen abschneiden möchten, Erfolg hat viele Väter. Greenspan ist nicht der Erste, der Anspruch aufs Facebook-Füllhorn erhebt: Auch die Studenten-Website ConnectU hat kürzlich eine alte Copyright-Klage gegen Facebook und Zuckerberg erneut hervorgekramt.

Doch Greenspans Vorwurf ist persönlicher, bitterer, nachtragender. Ein seltener Einblick in die internen Rivalitäten unter Computerfreaks - und zugleich ein richtiger Silicon-Valley-Krimi: Nicht Mark Zuckerberg, nicht ConnectU - er selbst sei der Vater von Facebook.

Greenspan untermauert das mit langer E-Mail-Korrespondenz aus seinen Harvard-Jahren, die er aufbewahrt hat, in der Hoffnung auf späte, moralische Wiedergutmachung. Wie nahe ihm die Sache geht, ließ er am Tag der Microsoft-Meldung durchblicken: "Der Wert eines jeden Sozialnetzwerks", sagte er da verächtlich, "ist heute um einen lächerlichen Faktor gestiegen."

Schon mit 15 gründete Greenspan sein erstes Internet-Unternehmen, in seinem Kinderzimmer in Shaker Heights, einem idyllischen Vorort Clevelands, in dem auch Paul Newman aufwuchs. Er nannte es Think: eine IT-Firma, die "Computer besser machen" sollte und später auch Software entwickeln würde. Nach der High School ging er prompt nach Harvard, wo er Wirtschaft studierte.

Website-Start mit "Spider-Man"

Dort entwickelte Greenspan houseSYSTEM, eine interne, heute längst vergessene Website für Harvard-Studenten, die nach seiner Darstellung am 1. August 2003 den Betrieb aufnahm - sechs Monate vor Facebook, das ebenfalls an Harvard entstand. "Es war ein Online-Portal, das Studenten erlaubte, Kurse auszuwählen, Lehrbücher zu kaufen und zu verkaufen, Events bekanntzugeben sowie Poster, Lebensläufe, Kleinanzeigen und natürlich Fotos aufzuladen", sagt er. Also die gleichen Features wie später bei Facebook.

Ein Online-Trailer für houseSYSTEM von 2003 bestätigt diese Zeitschiene. Er ist mit der hochdramatischen Titelmusik der "Spider-Man"-Filme unterlegt. Mehr noch: Die Foto-Page von houseSYSTEM hieß - Face Book. "Es war damals das einzige, allgemein gültige Face Book von Harvard", sagt Greenspan.

Auch Zuckerberg war vorübergehend ein houseSYSTEM-Nutzer, während er an einer ähnlichen Website bastelte - auf eigene Faust. Die taufte er thefacebook.com. Die beiden Studenten diskutierten anfangs sogar eine Kooperation. "Ich habe mir tatsächlich überlegt, (meine Site) in houseSYSTEM zu integrieren, schon bevor du es vorgeschlagen hast", schrieb Zuckerberg in einer E-Mail an Greenspan, kurz bevor Facebook startete. Er arbeite aber "lieber unabhängig".

Greenspans Website war von Anfang an kontrovers. Kurz nach dem Start berichtete die Campus-Zeitung "Harvard Crimson" über potentielle "Sicherheitsrisiken", weil houseSYSTEM verlange, dass die Nutzer ihre Harvard-Passwörter angäben. Darauf forderte die Tech- Verwaltung Harvards alle houseSYSTEM-Nutzer auf, ihre Passwörter vorsichtshalber zu ändern. Greenspans Projekt kam so verständlicherweise nie in Schwung.

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