Von Konrad Lischka
AOL bot ein "Internet light"
Die von AOL millionenfach vertriebenen Werbe-CDs verkörpern dieses Modell des "Internet light": Alles soll ganz simpel sein - CD einlegen, Software installieren, AOL-Abo abschließen und surfen. Internet ohne AOL-Software, mit Browser, Modem und Betriebssystem allein – das traute der Konzern den Kunden nicht zu. Zu einer Zeit, als man vor dem Browser-Aufruf noch durch Direkteinwahl per Trumpet Winsocket eine Internetverbindung aufbauen musste, stimmte und passte das. Daran aber erinnern sich nur noch Surfer der ersten Jahre.
Der AOL-Dienst folgte lange Zeit derselben Logik wie die Installation: In der AOL-Welt sollte alles leicht zu bedienen sein. Statt Web-Adressen mussten die Kunden im AOL-Netz nur Schlagwörter eintippen. E-Mail- und Chat-Programme mussten Sie auch nicht bedienen – das übernahm die AOL-Software.
Gängel-Software ärger Profis
AOL zögerte, seine Nutzer einfach so ins wilde Web, ins richtige Internet zu entlassen – erst spät erlaubte es die AOL-Software ihren Nutzern, mit anderen Programmen parallel ins Netz zu gehen. Profis ärgerte diese Gängel-Software, zudem waren AOL-Zugangsprogramme wegen ihrer Macken arg umstritten – die Leser des US-Magazins "PC World" wählten die AOL-Software 2006 sogar zum schlechtesten IT-Produkt aller Zeiten. Berüchtigt waren die Inkompatibilitäten beim E-Mail-Verkehr über AOLs Mail-Gateways. Innerhalb der Online-Dienst-Blase funktionierte alles, über die Grenzen hinweg hingegen wenig.
Trotzdem: In den frühen Jahren des Webs war AOLs "Internet light" den Kunden sogar den geringen Abo-Aufpreis im Vergleich zu anderen Web-Anbietern wert: 1994 hatte AOL eine Million Kunden, 1996 waren es zehn Millionen. Und im Jahr 2000, auf der Spitze des Web-Booms, verschmolz AOL mit dem Medienkonzern Time Warner. Spektakulärer noch: Der Zwerg fraß den Riesen, der Online-Emporkömmling das etablierte Medien-Imperium.
Und dann, nach einem Boom-Jahrzehnt, schrumpfte das Zugangsgeschäft plötzlich. Simple Bedienung und ein paar Extradienste waren den Nutzern keinen Aufschlag mehr wert, AOL lieferte sich einen Preiskampf mit Telekom-Konzernen und Kabel-Firmen, die Internetzugänge günstig anboten. Das Internet wurde zu einem Allgemeingut. Und je größer die Nutzerzahlen wurden, desto weniger sinnvoll erschien die Abo-Strategie. Zum einen kostete die Abo-Werbung und –pflege viel. Zum anderen entgingen AOL in seinem geschlossenen Dienst Werbeerlöse. Kostenlos-Web-Plattformen sind attraktiver, beliebter und die Werbeplätze dort folglich teurer.
AOL als Werbenetzwerk
Im vorigen Jahr hat das auch AOL erkannt: Der Konzern kündigte im August an, all seine Webangebote und die meisten seiner Dienste kostenlos auch Nicht-Abonnenten anzubieten. Mehr Nutzer, mehr Werbung, mehr Umsatz. Zum AOL-Konzern gehören inzwischen Klatschportale (TMZ.com), Landkartendienste (Mapquest) und Chatprogramme (ICQ).
Auf drei Säulen soll das AOL-Geschäft in Zukunft ruhen, beschreibt Geschäftsführer Randy Falco in seiner E-Mail an die 2000 entlassenen und 8000 Noch-AOL-Mitarbeiter: Werbevermarktung, eigene Inhalte und Web-Zugänge: "Einfach gesagt, ist es meine Vision, AOL zum größten und fortschrittlichsten Werbe-Netzwerk zu machen." Sprich: Jetzt arbeitet der einst weltgrößte Internet-Provider nur noch digital. Nie mehr AOL-CDs.
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