Von Frank Patalong
Die Argumentation erinnert eher an den Bauernverband: Aus deutschen Landen frisch auf den Bildschirm? Lieber nicht, wenn aus anderen Weltgegenden Frischeres geliefert wird. Übung haben unsere Sender vor allem in der Orientierung nach Unten. Der aktiv Inhalte auswählende, tendenziell jüngere Zuschauer, der mit anderen Medien sozialisiert ist, definiert Qualität aber anders.
Düstere Vision: Qualität on demand, Rentnerspaß im TV?
Der Medienforscher Jörg Hagenah formulierte das in einem Interview mit der "Stuttgarter Zeitung" sehr elegant. Die Frage nach der Einstellung des durchaus erfolgreichen jetzt-klatschen-wir-aber kräftig-mit-Programms "Lustige Musikanten" (ZDF) beantwortete er so: "Die Zuschauer solcher Sendungen entstammen einer Generation, die noch nicht von den besseren Bildungschancen profitiert hat. Mit den nachrückenden Jahrgängen wird das Niveau jetzt aber wieder steigen. Schon jetzt ist erkennbar, dass die ARD versucht, ihre älteren Zuschauer in die dritten Programme abzuschieben."
Zugleich erwarte er einen Trend hin zu mehr Qualität - nicht, weil die Sendermächtigen hier ihren Ehrgeiz sähen, sondern weil die Zuschauer das zunehmend einforderten. Und zwar nicht zuletzt über das Internet.
Das ist richtig, aber es greift nicht weit genug: Das Internet nur als Beschwerdeweg für Zuschauer und neuen Vertriebskanal für TV-Inhalte zu sehen, über den man sich vorzugsweise Perlen aus dem Programm picken kann, wäre eine Fehleinschätzung. Denn natürlich wirkt die wachsende IPTV- und Video-on-demand-Kultur auf die TV-Formate selbst zurück. Immer mehr Branchenbeobachter kommen wie Wiebke Hollersen in der "Berliner Zeitung" auf den Trichter, dass die spannendsten Formate, die die Glotze derzeit zu bieten hat, für das klassische Fernsehen ja eigentlich völlig ungeeignet sind.
Net-affine Serien für Net-affine Zuschauer
So ist das, denn eigentlich sind sie für das Web-TV gemacht. Die Paradebeispiele: "24", "Lost" und "Heroes".
Das gemeinsame Merkmal dieser Formate mit vielschichtigen Charakteren und vielfach ineinander verwobenen Handlungssträngen gießt Hollersen am Beispiel "Lost" in eine griffige Formel: "Wer sich nicht konzentriert, ist schnell raus."
Das ist tatsächlich der Grund, warum sich gerade diese Serien als DVD verkaufen wie geschnitten Brot: Man sieht sie gern am Stück. On demand geht das auch ganz prächtig und kostenlos über das Internet - bisher nur halb- bis illegal, aber bequem.
Gerade das Format "Heroes" zeigt, wie sehr es bereits auf eine Rezeption über das Web konzipiert ist: Die Folgen enden alle mit "Fortsetzung folgt" und bauen aufeinander auf. Wer ein, zwei verpasst, ist draußen: Das schreit nach Video on demand. Dazu gibt es kostenlose Heroes-Comics im Web, die zusätzliche Informationen liefern. Die berüchtigte Season-Break in den USA, in der Serien traditionell eine Pause einlegen, soll künftig mit dem Spin-Off "Heroes: Origins" gefüllt werden.
Diese Mini-Serie füllt nicht nur die Sendelücke, sondern bindet auch die Zuschauer ein: Vorgestellt wird pro Folge ein neuer Charakter. Die Zuschauer stimmen über diese Charaktere ab, die Gewinner dieser Aussaat landen dann per schnellem Drehbuch-Update in der einige Wochen später folgenden Fortsetzung der Staffel der Hauptserie. Die Macher der Serie "Battlestar Galactica" verfielen auf einen anderen Trick: In den Season-Breaks hielten sie sich die Fans mit zusätzlichen Kurzfolgen im Web warm.
Dabeisein ist nicht nur alles, sondern Pflicht
Diese Beispiele zeigen zudem, dass die wirklichen Innovationen in der TV-Landschaft weitgehend an uns vorbeigehen. Was in den USA von den Zuschauern als teils interaktiver Prozess wahrgenommen wird, landet hier als übersetzte Konserve. Serien-Freaks, die des Englischen mächtig sind, werden in der Welt des On-demand-TV darauf wohl kaum mehr warten.
Und das dürften schnell mehr werden. Bis 2012, prognostiziert das Marktforschungsunternehmen Goldmedia, soll es in Deutschland 2,5 Millionen Haushalte geben, die per Breitband Fernsehen über das Internet beziehen. Der Witz an der Sache: Gemeint sind hier reguläre, meist kostenpflichtige IPTV-Angebote. Wie das Zahlenverhältnis legale zu illegale Nutzung im Internet mitunter aussieht, kann man sich aber am Beispiel der Musikindustrie ansehen.
Medienmacher wie ProSiebenSat.1-Chef Guillaume de Posch sehen wohl auch darum im Internet "die Hauptgefahr" für die TV-Branche. Posch will bald schon "alle unsere Inhalte" digital anbieten. Mit MyVideo boxt die Sendergruppe auch auf dem Markt der freien Web-Video-Inhalte mit. Letztlich aber weiß Posch, dass es auf dem TV-Zukunftsmarkt nicht um billige Web-Video-Häppchen geht. Posch: "Qualität ist für uns Quote. Wenn Qualität keine Quote bringt, ist für uns das Spiel vorbei."
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