Michael Arrington, prominenter Tech-Blogger und Betreiber von "TechCrunch", formuliert es so: "Plötzlich hat die gesamte Social-Networking-Welt verkündet, sich gegen Facebook zusammenzutun, und Google ist in diesem großen Spiel ihr Quarterback." An der Oberfläche hat Google einen Schritt vollzogen, der typisch für das Netz ist: Die Durchsetzung eines offenen Standards. Lars Hinrichs, Gründer der deutschen Business-Community Xing, die sich Googles Allianz OpenSocial angeschlossen hat, sagt alles, was im Internet groß geworden sei, basiere auf offenen Standards.
Diese Regel hat Facebook nicht beherzigt: Im Mai kündigte sein Gründer Marc Zuckerberg an, man werde sich für externe Entwickler öffnen, die Anwendungen für das eigene Netzwerk schreiben dürfen. Facebook-Anwendungen - inzwischen gibt es etwa 7000 davon - laufen aber nur innerhalb von Facebook.
Einschränkend muss man sagen: Von den Tausenden von Anwendungen werden nur die wenigsten wirklich genutzt. Eine Studie des O'Reilly-Verlages ergab kürzlich: 87 Prozent der Nutzung entfällt auf nur 84 Anwendungen. Wirklich populär sind nur einige wenige, geschaffen von einer Handvoll spezialisierter Entwickler. Es gibt keine Erfolgsgarantie für Community-Widgets - umso wichtiger ist für die Entwickler ein möglichst großer Markt.
Ummauerte Gärten haben keine Zukunft
Wenn die iLike-Macher ihr Empfehlungsmodul auch in MySpace anbieten möchten, müssen sie es aber neu schreiben. "Facebook", sagt Lars Hinrichs, "ist im Moment so etwas wie das neue AOL." Die AOL-Philosophie des "walled garden", des ummauerten, sicheren Gartens inmitten des weiten, bedrohlichen Internets, gilt als auf ganzer Linie gescheitert - die Nutzer wollten sich nicht einsperren lassen und liefen in Scharen davon. Facebook ist ein Walled Garden für Anwendungen. Und als solcher plötzlich allein auf weiter Flur.
OpenSocial will das Gegenteil: Durch einen offenen Standard für Anwendungen soll ein Stück Software wie iLike nicht nur in einer, sondern gleich auf einer Vielzahl von Community-Plattformen funktionieren. Für die Entwickler ist das ein großer Vorteil: Sie vergrößern auf einen Schlag die potentielle Zielgruppe. Für die Community-Betreiber besteht der Vorteil darin, dass es sehr viel einfacher sein wird, Entwickler zu überreden, Mehrwert fürs eigene Angebot zu schaffen: Die Früchte dieser Arbeit können nun an möglichst vielen Stellen parallel zum Einsatz kommen.
OpenSocial bietet Zugriff auf fast all das, was Communities für Vermarkter so sexy macht: Die Freundesnetzwerke der Nutzer - den sogenannten Social Graph -, die Möglichkeit, über diese Netzwerkbäumchen Botschaften zu verschicken - etwa "dein Freund X hat sich gerade iLike installiert" - und die Möglichkeit, Einladungen auszussprechen - etwa "ich habe jetzt iLike, lass uns doch mal Lieblingsbands vergleichen".
Menschen-Suchmaschinen kommen als nächstes
Für Google besteht der Vorteil darin, dass die gemeinsame Entwicklungsplattform von Google-Angestellten geschrieben wird. Und mit Googles AdSense-Werbesystem verknüpft ist. Mit anderen Worten: Google hat nun genau die Plattform für Community-Reklame, die Facebook nächste Woche ankündigen will - aber in standardisierter Form, gültig für die Mehrzahl der wirklich großen Netzwerke auf dem Planeten.
Das heißt nicht, dass alle Entwickler nun AdSense nutzen werden - sie müssen das nicht tun. Aber es wird für viele die naheliegendste Lösung sein. Und der Markt ist gigantisch: Zählt man nur die Comscore-Zugriffszahlen der fünf oder sechs größten OpenSocial-Partner zusammen, kommt man auf 250 Millionen "unique visitors" - nur im Monat September.
Zudem verschafft sich Google Zugriff auf die inzwischen als so wertvoll betrachteten sozialen Informationen, die Nutzer über sich preisgeben. Menschen-Suchmaschinen wie "Spock" werden demnächst vermutlich feststellen, dass ihr mächtigster Konkurrent eben im Handstreich ihr Geschäftsmodell eingemeindet hat: Das Auffinden und Zusammenstellen von Informationen über Leute im Netz.
Noch einmal Michael Arrington: "Das Spielfeld ist jetzt wieder ausgeglichen, und keiner hat gewonnen. Außer Google. Die gewinnen immer." Bleibt abzuwarten, ob Facebook klein beigibt und der Google-Allianz beitritt. Bislang, sagte ein Facebook-Sprecher gestern, sei man gar nicht gefragt worden.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Web | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH