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Lokalmedien Heimatlos im Netz

2. Teil: Rezepte von vorgestern im Medium von heute: "Mehr lesen Sie im Blatt..."

Online als Lockmittel fürs Print-Geschäft

Und so wirken die Online-Auftritte der kleinen Blätter oft unbeholfen. Vor allem: Die Verleger begreifen sie nicht als eigenständige Publikationen, sondern als Ergänzungen ihrer Printausgaben, im schlimmsten Fall als Lockmittel ins Stammgeschäft.

"Einen ausführlichen Bericht lesen Sie in der 'Nordsee-Zeitung'", heißt es zum Beispiel bei dem Bremerhavener Verlag unter jedem Text, der im eigenen Haus produziert wird und nicht von Agenturen zugeliefert ist. Das Forum ist vor Monaten dicht gemacht worden. Es sei nicht mehr zeitgemäß und müsse überarbeitet werden, werde aber im "Laufe der zweiten Jahreshälfte" wieder zur Verfügung stehen, teilt der Verlag mit. Gute zwei Wochen bleiben noch.

"Die informativste Seite der Stadt" steht im Fenstertitel. Apothekennotdienste und andere Grundinformationen aus der Region gibt es aber nicht. Im ersten Quartal des kommenden Jahres wolle man eine neue Seite haben, sagt der Online-Verantwortliche des Verlags.

Meist fehlt eine klare Strategie

Der "Maintal-Tagesanzeiger" oder die "Nordsee-Zeitung" sind keine Ausnahmen, nach denen man mühsam suchen müsste. Die web-gemäße Aufbereitung von Zeitungstexten ist selten. Foren, Kommentarmöglichkeiten, eben alles, was der Rückkanal Internet bietet, sucht man meist vergeblich.

Wie strategielos die Häuser dastehen, wird klar, wenn man die Verleger danach fragt. "ON"-Verleger Dunkmann: "Unser Internetauftritt ist das Ergebnis von 'learning by doing'". Man realisiere das auch ohne zusätzliche "Manpower". Immerhin kommt bei den Friesen dabei etwas heraus - bis hin zum laienhaften, aber charmanten Web-TV in Form einer werktäglichen Auricher Nachrichtensendung.

Die 700.000 Klicks, die nach Verlagsangaben Monat für Monat zusammenkommen, muten märchenhaft an. Sicherheitshalber lassen die Auricher sich ihre Zahlen nun von der IVW testieren. Doch Klicks und Visits hin oder her: Für viele Häuser ist das Internet ohnehin kein eigenständiges Medium. Die Bremerhavener "Nordsee-Zeitungs"-Macher, die gerade an ihrem Relaunch arbeiten, überlegen ernsthaft, ob sie überhaupt eigenständige Web-Inhalte erstellen wollen – oder doch wieder nur mit Appetithäppchen für die Druckausgabe in die Internet-Zukunft gehen wollen.

Lokale Zeitungsseiten: Eine Service-Wüste

Die Möglichkeiten des originären lokalen Internets stehen anderen Anbietern in vielen Regionen also auch weiterhin mehr oder weniger konkurrenzlos offen. Alles, was nicht auf Zeitungspapier zu drucken ist, muss bei vielen Lokalblättern brav offline bleiben. Komfortable Datenbanken etwa, ein naheliegender Web-Dienst, sind eine Rarität: kein regionales Vereinsverzeichnis, keine tagesaktuellen Notdienste, kein interaktiver Veranstaltungsteil – von Web 2.0 ganz zu schweigen.

Zwar gibt es hier und da hoch professionelle regionale Zeitungsauftritte im WWW, doch in der Breite bieten die Lokalen ein so trauriges Bild, dass der Bundesverband der Zeitungsverleger schon jeden noch so kleinen vermeintlichen Fortschritt als Jubelbeitrag auf seine Internetseite stellt. Vor wenigen Wochen hieß es dort: "Die 'Oldenburgische Volkszeitung' hat seit Kurzem eine Fotogalerie auf Ihrer Internetseite angelegt." Ist ja Wahnsinn, verflickrt nochmal.

Holger Kansky ist beim BDZV für den Bereich Multimedia zuständig. Wenn man ihn nach gelungenen Auftritten von Regionalzeitungen fragt, vergehen einige Sekunden, bevor eine zögerliche Aufzählung kommt. Mit dabei: der "Trierische Volksfreund", der "Kölner Stadtanzeiger", der "Tagesspiegel" aus Berlin, die "Saarbrücker Zeitung" und der "Südkurier". Es gibt über 300 Zeitungstitel in Deutschland.

Kansky kommt so zum selben Schluss wie der Medienwissenschaftler Neuberger: "Niemand hat bisher den Stein der Weisen gefunden." Aber die Verlage hätten schon einiges dazugelernt. Müssen sie ja auch. Denn eines weiß auch der BDZV-Mann: "Wachstum ist nur online möglich."

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