
Ist Ihnen eigentlich schon einmal aufgefallen, dass das Schaufelmännchen so gut wie ausgestorben ist? Nein? Dann surfen Sie doch einmal mit offenen Augen durchs Internet. Nur noch auf ganz wenigen, zumeist privaten Webseiten verrichtet der kleine Kerl unermüdlich seine Sisyphusarbeit und schippt, was das Zeug hält.
Vor zwei, drei Jahren tummelte er sich noch fast überall im Netz. Mittlerweile aber gilt es unter professionellen Webmastern als verpönt, das Schild "Under construction" mit dem fleißigen Schaufelmännchen auf die Homepage zu pinnen. Schließlich bietet man dem Publikum ja ein volles Programm: eine rundum fertige, kommerzielle Website mit allem technischen Schnickschnack. Dabei zeichnet sich eine gute Website ja gerade dadurch aus, dass sie als ewige Baustelle stets im Werden begriffen ist.
Einen besonders schweren Stand hat das Schaufelmännchen im Bereich der Internet-Literatur, wo es nie so recht heimisch werden durfte. Die Leiden des Schaufelmännchens begannen schon 1996 mit den jährlichen Internet-Literatur-Wettbewerben, die "Zeit", IBM, "ARD online", Radio Bremen und das ZKM bis 1998 unter dem wohlklingenden Namen Pegasus durchführten. Wenn man sich die preisgekrönten Beiträge der Pegasus-Wettbewerbe einmal anschaut, so sieht man - nichts: Kein einziges Schaufelmännchen weit und breit.
Kunst, sagte sich die Jury wohl, muss vollendet sein. Und das sind die preisgekrönten Beiträge allemal. Auch der technische Aufwand, den die Teilnehmer treiben mussten, um zu gewinnen, wurde von Jahr zu Jahr größer. Kam Internetliteratur 1996 und 1997 noch weitgehend als technisch simpler Hypertext daher, musste der literaturbegeisterte Surfer 1998 schon eine ganze Batterie Plug-ins in seinen Browser laden, um die von der Jury ausgezeichneten Beiträge überhaupt sehen und hören zu können.
Wo aber Multimediainstallationen die Sinne fesseln, haben Schaufelmännchen schlechte Karten. Die Folgen waren fatal. Die hochgesteckten Erwartungen, die Internet-Literatur würde nun all das verwirklichen, wovon postmoderne Medienwissenschaftler in ihrem begrifflichen Nirwana träumten, wurden sämtlich bitter enttäuscht. Zwar wurde in der Internetliteratur heftig dekonstruiert und alle linearen und nichtlinearen Erzählstrukturen durch Hyperlinks zerfetzt, zwar wurden mit multimedialer Virtuosität eine Unzahl virtueller Welten erschaffen, aber der Lesespaß, der nun mal einen nicht unerheblichen Teil der Faszination von Literatur ausmacht, kam dabei oft zu kurz.
Die Verärgerung darüber mündete, wie so oft in Deutschland, in Nörgelei. Pegasus wurde so gerupft, dass er traurig die Flügel hängen ließ.

Tod: Starb der Pegasus, weil er zu fertig war?
In diesem Jahr veranstaltete die Stadt Ettlingen im Rahmen der Literaturtage Baden-Württemberg einen Internet-Literaturwettbewerb, der dem Schaufelmännchen wieder Hoffnung machte, denn nominiert und prämiert wurden in erster Linie Baustellen, deren Besichtigung sich allemal lohnt.
Leider macht dieses Beispiel keine Schule, bestehende Projekte auszuzeichnen und finanziell zu fördern. So hat etwas das renommierte Literaturcafé einen Millennium-Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem, ähnlich wie bei den Pegasus-Wettbewerben, fertige Beiträge eingereicht werden sollen. Schaufelmännchen müssen draußen bleiben.
Es ist also höchste Zeit, dem Schaufelmännchen geschützte Reservate einzurichten, damit sich, um ein Wort des großen Grzimek zu benutzen, auch noch unsere Kinder und Kindeskinder an dem putzigen Kerlchen erfreuen können.
Ein erster Schritt zur Rettung des Schaufelmännchen wäre es, die letzten Exemplare dieser Gattung im Internet einzusammeln, mit umweltfreundlichem Goldlack zu überziehen und als Literatur-Award an vorbildliche Websites und Netzautoren zu verleihen.
Um nicht, wie bei Awards üblich, ins andere Extrem zu verfallen und eine unkontrollierbare Schaufelmännchenplage auszulösen, stellt SPIEGEL ONLINE im Laufe dieser Woche zunächst drei Anwärter vor.
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