Die meisten Menschen, die diesen Text lesen, tun dies vermutlich während ihrer Arbeitszeit. Überhaupt machen Büroarbeiter am Arbeitsplatz häufig Dinge, für die sie nicht bezahlt werden. Das Internet muss unter diesem Gesichtspunkt als größter Arbeitszeit- und Produktivitätsvernichter seit der Erfindung der Büroklammer betrachtet werden: Youtube und Flash-Spielchen, Online-Rätsel, Internet-Shopping und, zugegeben, auch Nachrichtensites konkurrieren permanent mit Tabellenkalkulation, Textverarbeitung und Chef-Anrufen.
Das Web 2.0 hat diesem Phänomen noch eine weitere Facette hinzugefügt: Menschen konsumieren in ihrer Arbeitszeit nicht nur Unterhaltendes aus dem Netz - sie investieren auch zunehmend Zeit in eigene kleine Unterhaltungsprojekte zur Beglückung der übrigen Schreibtisch-Menschheit.
Nur selten wird das allerdings so ungeniert und offenbar mit voller Unterstützung der Chefetage getan, wie es bei OfficeLipDub.com der Fall ist.
Die Seite ist ein spontan entstandenes internationales Projekt mit einem sehr eingeschränkten Teilnehmerkreis: Junge, überdurchschnittlich attraktive Menschen, die in Großraumbüros arbeiten, in denen Tischkicker oder Ping-Pong-Platten stehen. Agenturvolk. Menschen mit originellen Brillen, Menschen, die Krawatten über heraushängenen Hemden tragen, Menschen, die sich von ihrem iMac-Panoramabildschirm zur Kamera umdrehen - und singen. Beziehungsweise so tun.
"Ein Haufen Kollegen, eine Riesenstereoanlage"
OfficeLipDub wirkt, kurz gesagt, als ob Michael Ballhaus, der bevorzugte Kameramann von Martin Scorsese, sich mit Gary Brolsma, dem Erfinder des Webcam-Sitztanzes, zusammengetan hätte. Massen-Mimik-Karaoke kombiniert mit waghalsigen Endlos-Kamerafahrten. Selbstbeschreibung auf der Seite: "Ein Haufen Kollegen, eine Riesen-Stereoanlage, ein paar Stunden Zeit, ein schmissiger Song und eine Videokamera. Verabschiedet Euch von langweiligen Seminaren und traurigen Partys, nehmt Eure eigenen Office Lip Dubs auf."
Den Anfang machte das New Yorker Web-Unternehmen Connected Ventures, das unter anderem die Seite Collegehumour.com betreibt - und ein Videoportal. In einer einzigen Einstellung drehten die Mitarbeiter, alle Mitte 20, einen Clip zu dem Song "Flagpole Sitta" der Band Harvey Danger aus Seattle. Am Anfang setzt eine hübsche junge Frau im Ringelpulli einen iPod-Kopfhörer auf, am Ende liegt die komplette Belegschaft des kleinen Unternehmens auf dem Fußboden und der Kameramann brüllt "Stay dead! Stay dead!" Song und Video verbreiten so gute Laune, dass der Clip innerhalb der ersten zwei Monate vier Millionen Mal angesehen wurde - auf der Video-Webseite Vimeo, die Connected Ventures eben auch betreibt.
Büro-Karaoke als Rekrutierungswerkzeug
Das Unternehmen bekam plötzlich Hunderte von Bewerbungen von Menschen, in deren Anschreiben Dinge standen wie: "Ich weiß zwar nicht, was Ihr macht, aber ich will für Euch arbeiten." Dann reagierte die französische Agentur Heaven mit einem Büro-Videoclip zu Weezers "Sweater Song" - und startete einen Trend.
Heute finden sich auf der inzwischen eingerichteten Seite OfficeLipDub.com 23 Video-Antworten. Die meisten davon stehen bei Vimeo - das ganze ist für Connected Ventures also auch effektive PR fürs eigene Unternehmen. Aber auch Videos von Konkurrenzplattformen wie YouTube und Dailymotion finden sich. Beiträge aus Frankreich, Spanien, Italien, der Schweiz und auch aus Deutschland sind dabei - seit heute auch einer aus Uruguay. Lauter fröhliche, unterbezahlte, singende, tanzende Büromenschen, die vorzugsweise Achtziger-Jahre-Schmalz oder Alternative-Hits aus den Achtzigern und Neunzigern mit ein bisschen Sitcom-Gefühl von heute anreichern, dazu gern auch alberne Hüte aufsetzen oder sich gleich im Bikini vor die Kamera stellen.
Es braucht nur einen Song und die Bereitschaft, sich zum Affen zu machen.
Machen Sie doch auch mal.
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