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29.01.2008
 

"Second Life"-Gründer Rosedale

"Es darf nicht so oft abstürzen"

2. Teil: Was kann "World of Warcraft", was "Second Life" nicht kann? Kann man im Web nach Tokio reisen? Ist Google Earth der gefährlichste Konkurrent?

SPIEGEL ONLINE: Sie haben es aber nicht geschafft, dass viele Leute tatsächlich für SL bezahlen. Onlinespiele wie "World of Warcraft" dagegen, die Missionen und festgelegte Belohnungen bieten, machen riesige Umsätze mit Abonnementgebühren. Müssen sie ihr Modell überdenken?

Rosedale: Unsere Strategie ist, andere Menschen so etwas bei uns aufbauen zu lassen - und das geschieht auch. Wir müssen nur sicherstellen, dass die Plattform die richtigen Werkzeuge dafür zur Verfügung stellt. Wie bei Facebook, wo man eine Entwicklungsumgebung geschaffen hat, damit externe Programmierer kleine soziale Anwendungen schreiben können. Aber wir selbst werden SL nicht in ein Spiel verwandeln, um die Leute bei der Stange zu halten.

SPIEGEL ONLINE: Die Hardware-Anforderungen wachsen immer weiter, man braucht einen schnellen Rechner, eine gute Grafikkarte und eine schnelle Internetverbindung. Ist das ein Problem?

Rosedale: Im Moment geht es uns vor allem darum, dass SL auf allen möglichen Rechnern weniger oft abstürzt. Darüber hinaus - mit der Client-Software, die wir als Open Source veröffentlicht haben, spielen schon verschiedene Leute herum und versuchen zum Beispiel, eine reine Web-Benutzeroberfläche für SL zu schaffen. Unser Ziel ist, den Zugang einfach zu machen. Aber es gehört zum Wesen von virtuellen Welten, dass sie ein gewisses Maß an Rechnerleistung erfordern.

SPIEGEL ONLINE: Was steht auf Platz zwei der Wunschliste?

Rosedale: Die Benutzung zu vereinfachen. Das Interface ist immer noch schwierig zu bedienen. Wir müssen das besser machen. Darüber hinaus arbeiten wir mit Hochdruck daran, dass man von SL aus perfekt im Web surfen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht denn Ihre künftige Zielgruppe aus? IT-Profis, Designer, Künstler? Oder wird SL eine Art 3D-Facebook?

Rosedale: SL wird sich in der gleichen Richtung entwickeln wie das Web das getan hat. Die frühen Nutzer sind einfach Leute, die eine Menge Zeit haben, weil es so viel Zeit kostet, dort erfolgreich zu sein. Das ist wie bei eBay: Die frühen Nutzer sind nicht notwendigerweise besonders technisch interessiert, sondern kreativ, unternehmerisch. Unser durchschnittlicher Nutzer ist jetzt 32 Jahre alt, 35 Prozent sind weiblich. Das erinnert stark an die Frühzeit von eBay. Natürlich gibt es auch viele IT-Leute, aber die Nutzerschaft ist viel breiter.

SPIEGEL ONLINE: Verändert sie sich auch? Zum Beispiel kollidiert ja die Einführung von Voice Chat über Mikrophon und Kopfhörer mit vielen der früheren Anwendungen, die ja oft mit dem Annehmen einer anderen Identität zu tun hatten ...

Rosedale: Die Nutzung ist sicher ernsthafter geworden. Aber auf 25 Prozent der Gesamtfläche von SL haben die Besitzer entschieden, Voice abzuschalten. Und ich finde das toll. Es gibt genug Platz für beide Arten der Nutzung. Neue Medien durchlaufen immer eine Phase der spielerischen Nutzung und reifen dann heran zu anderen Zwecken wie Kollaboration, Ausbildung und Business. Das ist mit dem Fernsehen passiert, mit dem Web, und hier wird es auch geschehen. Aber ich glaube nicht und will auch nicht, dass die historischen Nutzungsweisen verschwinden.

SPIEGEL ONLINE: Das frühe Web hat aber nicht einem einzelnen Unternehmen gehört ...

Rosedale: Wir müssen das System fundamental öffnen. Die Client-Software haben wir schon geöffnet, jetzt machen wir mit Formaten, Protokollen, Standards, Programmcode weiter. Wir als Unternehmen können die Aktivitäten vieler anderer Firmen und Einzelpersonen in diesem System koordinieren - und indem wir das tun, können wir es ermöglichen, dass SL 100-mal oder sogar 1000-mal größer wird. Am Ende wird der Nutzen von virtuellen Welten den des Webs übertreffen. Weil das Web eine Sprachbarriere aufrichtet, die eine virtuelle Welt - wenn sie einmal perfekt ist - nicht hat. Ich werde in SL nach Tokio reisen können - ich werde niemals im Web nach Tokio reisen können.

SPIEGEL ONLINE: Es könnte aber sein, dass sie in Google Earth nach Tokio reisen können, bevor sie das in SL können ...

Rosedale: Das stimmt. Aber die Frage ist: Was machen Sie, wenn sie dort angekommen sind? Wenn sie eine kulturelle und physische Simulation eines Ortes wollen, brauchen sie die entsprechenden Möglichkeiten und einen Wirtschaftsraum. In SL bauen die Menschen Inhalte, weil sie dafür bezahlt werden, entweder mit Liebe oder mit Geld. Die Gebäude müssen jemandem gehören - wenn sie Google gehören, wird das eine Wüste. So etwas muss man instandhalten. Man kann ein zentral kontrolliertes Projekt nicht auf die Größe der gesamten Erde hochskalieren.

Das Interview führte Christian Stöcker

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