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Netz-Literatur II Eine Weltbürgerin zieht aufs Land

Claudia Klinger, Tagebuch-Schreiberin, ist Kosmonautin ihres eigenen Universums. Findet Autor Hasecke, der ihr nicht zuletzt und doch auch darum ein Goldenes Schaufelmännchen gönnt. Unfertige Netz-Literatur biete ihr digitales Tagebuch - wie sich das gehört.

Ihr Webzine heißt "Universum Hypertext" und ihr eigener Internet-Kosmos hat mittlerweile astronomische Ausmaße erreicht. Die Rede ist von Claudia Klinger, die im weltumspannenden Netz so zu Hause ist wie ein Berliner in seinem Kiez. Der Stadt, dem Kiez und den Kneipen Berlins hat Claudia Klinger allerdings vor kurzem den Rücken gekehrt und ist aufs Land gezogen.

Das "Digital Diary"

Das "Digital Diary"

Als Ex-Berlinerin wohnt sie nun in der Nähe von Schwerin in idyllischer Landschaft fernab städtischer Hektik und verdient sich ihren Lebensunterhalt als Webdesignerin im Internet. An ihren neuen ländlichen Freuden und Ängsten lässt sie uns durch ihr Online-Tagebuch, das "Digital Diary" teilhaben.

Das Tagebuchschreiben, seit dem 18. Jahrhundert gemeinhin Ausdruck bürgerlicher Gewissenskultur, war bisher entweder selbstkritische Prüfung oder selbstherrliche Rechtfertigung von Gedanken und Taten, geschrieben in stillen Stunden und wohl verborgen in einer abschließbaren Schreibtischschublade. Das Webdiary von Claudia Klinger, das öffentliche Tagebuch im Internet, bricht mit dieser Tradition. Es ist nicht mehr einsame Selbstreflexion, keine Selbstbespiegelung mehr im innersten Zirkel der eigenen Existenz, sondern eine der Beliebigkeit der Informationsgesellschaft entzogene persönliche Kommunikationsplattform, auf der das wieder möglich wird, was im voyeuristisch-exhibitionistischen Lärm der Talkshows zwar verzweifelt gesucht, aber kaum noch gefunden werden kann: das Gespräch.

Claudia Klingers Tagebucheinträge oszillieren zwischen Intimität und Öffentlichkeit; sie stellt Privates in den öffentlichen Raum, wo es vom Leser in der Privatheit der eigenen Wohnung aufgenommen - und manchmal beantwortet wird. Die Reaktionen ihrer Leser nimmt Claudia Klinger wiederum in ihr Tagebuch auf, so dass ein facettenreiches Gespräch mit und für den Leser entsteht, das vielleicht abreißen und scheitern, nie aber vollendet werden kann.

Das erste Goldene Schaufelmännchen geht somit an Claudia Klinger, die das Prinzip literarischer Offenheit, die interaktive Kommunikation des Internets und die Offenheit des Lebens miteinander verbindet.

Nächster Netz-Literatur-Tipp: Mittwoch, 24. November.

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