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19.02.2008
 

Little Brother

Leben im virtuellen Container

Von Helmut Merschmann

Bei Trueman.tv lässt sich ein junger Berliner ein Jahr lang lückenlos überwachen. Jetzt gewann sein Team die Jagd auf den "100.000-Euro-Mann". Damit rückt das Ziel hinter der Aktion als total öffentlicher Mensch näher: Der Rückzug in ein "abgeschiedenes Paradies", in die freiwillige Isolation.

Das Finale war ziemlich unspektakulär. Marcel Kotzur reißt die Abteiltür im Intercity zwischen Braunschweig und Magdeburg auf, setzt sich neben einen jungen Mann, schießt ein Foto – und hat eine ganze Menge Geld gewonnen. Auf diese Weise beendete das Team von Trueman.tv am zwölften Tag die Jagd auf den "100.000-Euro-Mann". Der Fernsehsender RTL und das Videoportal Clipfish hatten das Preisgeld ausgelobt. 21 Tage lang sollte ein junger Mann durch Deutschland reisen und alle sechzehn Landeshauptstädte besuchen. Wäre ihm das unentdeckt gelungen, hätte er den Betrag behalten können.

Marcel Kotzur: derzeit Deutschlands öffentlichste Person
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Marcel Kotzur: derzeit Deutschlands öffentlichste Person

Nun streichen Marcel und seine Freunde die 100.000 Euro ein. Die Jagd gewonnen haben sie letztlich durch die Mithilfe ihrer Netz-Community. Denn Trueman.tv ist eine Überwachungsshow im Internet. Seit mehr als 150 Tagen führt Marcel ein öffentliches Leben. Egal wohin er geht, mit wem er sich trifft und was dabei beredet wird – die Webcam ist immer dabei. Auch morgens beim Duschen oder nachts vor dem Fernseher. Ein ganzes Jahr lang soll die Sache gehen.

Besonders spannend fanden das die Zuschauer bislang nicht. Durchschnittlich nur sechzig Leute haben sich für Marcels Alltag begeistert. Das könnte sich nach dem Sieg nun ändern. Während der letzten zwei Wochen haben bis zu 7000 Leute täglich bei Trueman.tv reingeschaut. Das amerikanische Vorbild, Justin.tv  hatte aber wesentlich höhere Zuschauerzahlen vorzuweisen.

Und auch Justin hat ein quasi tragisches Vorbild: Im Jahr 2000 änderte der Amerikaner Mitch Maddox seinen Namen offiziell zu  "Dotcomguy" und ließ sich ein Jahr lang in einem Haus einsperren, in dem er zum einen unter Vollbeobachtung stand, zum anderen sich ausschließlich durch Online-Bestellungen versorgen sollte. 100.000 Dollar sollte er dafür kassieren, ging am Ende aber leer aus: Die Dotcom-Blase war geplatzt, der Ausrichter der zeitweilig weit beachteten PR-Aktion, die zeigen sollte, was online alles möglich war, war pleite gegangen. Heute heißt Maddox wieder Maddox.

Das Ziel: das absolute Gegenteil von trueman.tv

Heute sind die Möglichkeiten aber auch größer: Marcel Kotzur bleibt die Einzelhaft erspart, weil das Web mobil geworden ist. Das alles ist aber auch erheblich selbstverständlicher geworden. Was vor acht Jahren weltweit Aufmerksamkeit erregte, verpufft nun in der Nische - bisher zumindest.

Vielleicht liegt es daran, dass im Leben nicht immer gleich viel los ist. Auch nicht, wenn eine Kamera anwesend ist und alles mitfilmt. Die drögen Passagen im Leben eines Webshow-Stars sind den aufregenden zahlenmäßig einfach überlegen. Dabei hat es durchaus seinen Reiz, dies vorgespiegelt zu bekommen. Nebenbei lernt man Marcel und seinen Alltag immer besser kennen, er wird zum Little Brother.

Anders als beim großen Bruder, "Big Brother" auf RTL2, ist Marcel nicht in einen Wohncontainer eingeschlossen, sondern kann sich frei bewegen. Er lebt zwar auch in einem Überwachungskäfig, doch der hat keine physikalischen Grenzen. Und anders als im Hollywood-Film "Die Truman-Show" gibt es hier keinen geheimnisvollen Kontrolleur, der die unsichtbaren Fäden, mit denen er die observierte Person steuert, in der Hand behält. Allenfalls die Zuschauer nehmen diese Position ein und können im Chat Kontakt mit Marcel aufnehmen. Ein großer Vorteil, wie sich herausstellte, bei der 100.000-Euro-Jagd.

Die Magdeburger Miniredaktion, die hinter Trueman.tv steckt, hatte zuvor alle Hände voll damit zu tun, ein bisschen Werbung einzutreiben, damit sich die Webshow rentiert und die drei Gründer am Ende nicht noch draufzahlen. Nun können sie die Sache ziemlich entspannt angehen.

Für Marcel und seine Freunde geht mit dem 100.000-Euro-Sieg ein Traum in Erfüllung. Nach dem Jahr totaler Überwachung wollen sie sich aufs Land zurückziehen und einen Bauernhof bewirtschaften. "Wir wollen ein kleines abgeschiedenes Paradies schaffen", beschreibt Marcel seine Motivation, "abseits unserer von Geld und Hektik bestimmten Gesellschaft". Das Paradies muss noch warten. Knapp 200 Tage darf Marcel noch im Web verbringen.

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