Von Frank Patalong
Jim Griffin hatte eine Idee, eine kontroverse Idee, und als er sie Anfang März aussprach, war die Aufregung groß. Erst streute der Unternehmensberater sie über Mailing-Listen, dann bei öffentlichen Auftritten - und seitdem diskutiert die Musikindustrie aufgeschreckt: Hat dieser Mann Recht?
Warner-Chef Edgar Bronfman Jr.: lieber einen Fünf-Dollar-Spatz in der Hand?
Ihm selbst brachte die Idee einen neuen Job ein. Ende März kaufte Warner-Chef Edgar Bronfman Jr. Jim Griffin für sein Unternehmen und gab ihm die Aufgabe, seine Idee umzusetzen. Er soll in den kommenden Jahren eine möglicherweise branchenweite Vertriebsorganisation für solche Business-Modelle aufbauen und bei den Providern für die Pauschalabgabe lobbyieren.
In Griffins Logik wäre die pauschale Musikabgabe nur eine konsequente Reaktion auf den Status quo. Schon jetzt werde Musik doch vor allem kostenfrei, wenn auch meist illegal verteilt. Wenn jemand für digital vertriebene Musik zahle, dann sei das heute doch faktisch freiwillig, argumentierte Griffin in einer Diskussion. Entsprechend nannte er seine Gebührenforderung an die Provider ursprünglich eine "Piraterie-Abgabe". Seit Griffin in Warners Diensten steht, nennt er sie eine "Flatrate".
Griffins Ansatz: fünf Dollar Aufschlag auf die Internetrechnung, und jeder darf saugen, wie er mag - mit Abmahnungen und Klagen gegen Kunden wäre es dann vorbei.
Warner Music bedient mit der so losgetretenen Diskussion zwei starke Trends in der Musikindustrie: Das Prinzip, die Provider in die Haftung zu nehmen für das, was ihre tauschwütige Kundschaft im Web treibt - und den immer stärkeren Trend hin zu pauschalen Preismodellen. Vor allem Letzteres bedeutet eine echte Zäsur, einen Kulturbruch im Umgang mit der Ware Musik.
Denn die wurde bisher als Kulturgut gesehen, für das man auch rechtlichen Schutz einforderte und bekam. Lieder sind in diesem traditionellen Ansatz künstlerische Werke. Griffins Flatrate macht sie zur "Commodity", die man pauschal bezahlt, an- oder abdreht wie Strom, Gas, Wasser.
Es gibt zahlreiche Vertreter der Musikindustrie, die schon bei dem Gedanken daran mehr als kräftig zucken: Für sie ist die Reduktion der musikalischen Warenbestände zu abonnierbaren Bitströmen ein Alptraum, gegen den sie sich seit Jahren wehren.
Vorgeschichte: Eine "Entertainment-Steuer"?
Denn neu ist die Idee ganz und gar nicht. 2004 waren es - wenn man so will - noch die üblichen Verdächtigen, die mit der sehr ähnlichen Idee einer "Kultur-Flatrate" die Probleme von Entertainment-Industrien wie Verbrauchern lösen wollten. Organisationen wie Attac oder die Electronic Frontier Foundation EFF schlugen vor, Internet-Nutzer für ihre P2P-Downloads pauschal zur Kasse zu bitten, statt sie vor den Kadi zu zerren. Wenn alle einen kleinen Betrag gäben, so die Vorstellung, könnten sich alle frei bedienen - und trotzdem würden Entertainment-Branchen und Künstler ihr Geld verdienen.
Eingesammelt und verteilt werden sollte das zentral, über eine eigens dafür geschaffene Agentur. Der EFF schwebte dabei gar eine "supranationale Behörde" vor. Unter dem Strich entspräche die Kultur-Flatrate also einer regelrechten Entertainment-Steuer.
Die Entertainment-Branche reagierte damals aggressiv ablehnend. Gerd Gebhardt, 2004 noch Vorsitzender der deutschen Phonoverbände, fand eine knappe Antwort darauf: "Nein!" In einem Gastbeitrag bei SPIEGEL ONLINE erklärte er auch, warum seine Branche dagegen war. Drei dieser Argumente schienen besonders stichhaltig:
Vier Jahre später sind es nun Vertreter eben jener Branche, die das Thema erneut aufwerfen.
Steuer? Eher eine Form der Direktvermarktung
Allerdings meinen sie es anders. Griffin selbst fühlt sich missverstanden, wenn man seine Flatrate mit einer Steuer vergleicht. Er weiß wohl, dass es dafür auch in kaum einem Land der Erde eine rechtliche Basis gäbe - ganz abgesehen davon, dass es mit Verwertungs- und Urheberrechten kollidieren und darum in dieser Form in der eigenen Branche scheitern würde.
Doch das macht Warners umstrittene Absichten, die zu Plänen reifen könnten, noch lange nicht unrealistisch. Was Griffin vorschwebt, ist einerseits die Schaffung einer Art Clearingstelle für die Lizenzierung des so oder so geschehenen P2P-Rechtsbruchs. Andererseits will er eine Plattform, über die Providern Lizenzpakete gegen pauschale Zahlungen zugänglich gemacht werden sollen - als Lockmittel in der Kundenakquise. Viele Provider, argumentiert er in einem Mailing, würden die Gebühren sogar selbst übernehmen oder durch Werbeeinnahmen refinanzieren, statt sie an ihre Kunden weiterzugeben. Andere würden die Musikversorgung als kostenpflichtiges Dienstleistungspaket anbieten, wieder andere sich gar nicht darauf einlassen.
Auf anderen Social Networks posten:
sie wird seit über 100 Jahren für die Aufführung von Musik verlangt und dann auch für Geräte und Speichermedien. Die müßte ja dann, wenn man Musik auf dem PC oder seinem iPod hört, wegfallen. Aber bis dahin gibt es noch eine [...] mehr...
---Zitat--- Griffins Flatrate macht sie zur "Commodity", die man pauschal bezahlt, an- oder abdreht wie Strom, Gas, Wasser. ---Zitatende--- Wer bitte zahlt denn heutzutage Strom, Gas, Wasser pauschal? Wer selbige [...] mehr...
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