Von Frank Patalong
Im Klartext: Warners Flatrate wäre nicht mehr als ein Angebot an den Markt, mit dem Provider oder deren Kunden sich die Vorteile des Vollzugriffs auf das Versorgungsgut Musik für kleines Geld erkaufen könnten. Provider und Kunden, die diese Option nicht wahrnehmen, setzten sich weiter juristischen Risiken aus oder bezögen Musik schlicht zu ungünstigeren Konditionen: Das nennt man wohl Zuckerbrot und Peitsche.
Man könnte es allerdings auch das Prinzip "Spatz in der Hand" taufen. Fünf Dollar Musikpauschale im Monat sind eine Menge, wenn sie von jemandem kommen, der sonst zwei CDs im Jahr kauft - oder gar keine.
Genau das macht Flatrates verschiedener Art zunehmend verlockend für die Musikfirmen. Nicht nur Warner denkt in diese Richtung: Apple, berichteten wir Mitte März, verhandelt zurzeit mit angeblich allen großen Labels über eine iPod-Flatrate, die den iTunes-Nutzern über einen Auf- oder Pauschalpreis Vollzugriff auf die Musikbestände von iTunes geben soll. Nokia ist längst weiter und will noch in diesem Frühjahr mit dem "Comes with Music"-Service genau dasselbe anbieten - und natürlich gibt es bereits zahlreiche Abo-Musikdienste von Anbietern wie Conrad und Jamba, MSN und MTV, Musicload und Napster. Sie bieten teils seit Jahren mit durchwachsenem Erfolg den Abo-Zugriff auf Millionen Titel.
Wachsende Abhängigkeit von wenigen Händlern
Das könnte man auch selbst leisten, entdeckt nun offenbar die Musikbranche. Denn inzwischen ist die Home-Entertainment-Welt bereit dafür. Auch Sony-BMG-Chef Rolf Schmidt-Holtz denkt da in einem Interview mit der "FAZ" ähnliche Dinge an wie Warner, vermeidet es aber, vom Aufbau eigener Direktvertriebe zu sprechen. Denn genau da liegt das größte Konfliktpotenzial des Warner-Vorstoßes: Er hebelt die klassische Verwertungskette aus, umgeht den Handel völlig.
Der stellt sich allerdings zunehmend als Monokultur dar, in der immer weniger Player den Ton angeben - die Abhängigkeit der Musikindustrie von sehr wenigen großen Händlern steigt ständig.
Damit wird klar, wen eine Musik-Flatrate aus Produzentenhand in erster Linie treffen würde: die Verkaufsboliden wie MediaMarkt, Saturn, Amazon oder iTunes. Schwer vorzustellen, dass die einfach still hielten - sie dürften eher als Partner in Frage kommen denn als Gegner.
Musik ist ein Gerät
Zumal die attraktivsten Flatrates der Zukunft an Geräte gebunden sein könnten. Für Sony-BMG-Chef Rolf Schmidt-Holtz klingt das jedenfalls verlockend: In Kooperation mit Handy- oder MP3-Player-Herstellern könne man eine Musik-Flatrate anbieten, die für sechs bis acht Euro im Monat einen Vollzugriff auf die Waren seiner Firma bieten würde. Einige der Dateien gingen dann womöglich auch dauerhaft in den Besitz des Nutzers über, sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Attraktiver würde das Angebot noch, wenn auch andere große Firmen mitmachten.
Allerdings, denn wer sucht sich seine Musik schon nach Plattenfirma aus? Die Generation iPod - und das sind wir inzwischen fast alle - hat sich längst daran gewöhnt, dass Musik so allgegenwärtig und verfügbar ist wie Wasser. Man dreht auf, und es plätschert.
Die Größe von Musiksammlungen beschreibt man nicht mehr in Titeln, sondern in Giga- oder Terabyte. Das sind Volumengrößen, keine Stückzahlen. Natürlich kann man das bedauern. In einer Welt, in der man locker 150.000 Songs in der Hosentasche mit sich herumträgt und im Wohnzimmer oder Partykeller per Flatrate Zugriff auf Millionen Songs hat, verliert Musik viel von ihrem identitätsstiftenden Charakter. Definierten sich früher Jugendliche durch die Zusammenstellung ihrer CD-Sammlung selbst - Schau in mein Regal, und du weißt, wer ich bin! -, bleibt heute allenfalls noch der Wohlstandsnachweis per MP3-Player-Marke: Baumarkt, Wühltisch oder Designartikel?
Ändern aber kann man das nicht, und das wissen alle Firmen. Nicht alle trommeln so laut wie Warner, nicht alle denken so laut wie Sony-BMGs Rolf Schmidt-Holtz. Aber alle arbeiten an einer vernetzten Zukunft, in der Musik sein wird wie Strom, Gas, Wasser.
Eine Woche, nachdem Jim Griffin bei Warner anheuerte, gab es auch bei EMI mal wieder eine Personalie. Dort steht jetzt Douglas Merrill unter Vertrag, als Kopf des wachsenden Digital Music Business. Merrill kennt sich dort aus - zumindest im Teilbereich Digital und Business. Er leitete bei Google unter anderem die Abteilung digitale Abrechnungssysteme.
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