Von Helmut Merschmann
"Räubertrio (8 bis 16 Jahre) erbeutet Handy und filmt die Tat." So lautet eine Schlagzeile auf dem Presseportal der Polizei von Nordrhein-Westfalen. Natürlich landete das Handy-Video auf einem Filmportal im Internet und konnte von den Ermittlern schnell ausgewertet werden. Im westfälischen Paderborn filmten sich Schülerinnen dabei, wie sie ein Mädchen übel zusammenschlugen. Auch dieses Video wurde bei YouTube eingestellt und führte, dank präziser Kommentare mit Ortsangaben, zur schnellen Überführung der jungen, nicht strafmündigen Täterinnen.
Bloggerkongress: Noch bis zum Freitag wird in Berlin gebloggt und diskutiert
Der Eindruck drängt sich auf, dass die Polizei soziale Netzwerke nur begrüßen kann. "Die Polizei hat das Web 2.0 erfunden", witzelte Guido Karl, Polizeibeamter und Internet-Referent in Nordrhein-Westfalen, auf dem derzeit in Berlin stattfindenden Bloggerkongress " re:publica08". Und er führt den Gedanken aus: Foto- und Videoportale? Für die Polizei ein alter Hut. Mit ihrem Fahndungsportal betreiben die Ordnungshüter Geotargeting, lange bevor die Internet-Gemeinde von diesem Begriff erfuhr. Und mit Cebius steht den Staatsbeamten seit 20 Jahren ein Twitter-Äquivalent zur Verfügung: Die Polizeizentralen wissen genau, welche Beamten an welchem Ort im Einsatz sind.
Mehr Online-Anzeigen
Auch beim E-Government ist die Polizei in einer Vorreiterrolle. Ihre Internet-Wachen werden eifrig von den Bürgern benutzt. Statt der erwarteten Arbeitserleichterung und Prozessbeschleunigung kommt seit der Einführung von "Polizei 2.0" jedoch Mehrarbeit auf die Beamten zu. Um ein ganzes Drittel sei die Zahl der Anzeigen gestiegen, so Guido Karl. Allein in Nordrhein-Westfalen gehen täglich 120 Online-Anzeigen zusätzlich zu den konventionell gestellten auf den Online-Wachen ein.
Den Strafverfolgungsbehörden in Nordrhein-Westfalen steht ein dreistelliger Millionenbetrag für Informationstechnologie zur Verfügung. Die Einführung eines Notruf-Faxdienstes, über den Menschen mit Behinderungen die Polizei verständigen können, hat etwa 500 Millionen Euro gekostet. Barrierefreiheit ist für die Gesetzeshüter ein Muss, alle Internet-Seiten sind entsprechend programmiert. Einige Technologien, wie E-Mail oder SMS, verrät Guido Karl, können allerdings im Ernstfall nicht eingesetzt werden, weil sie keine Echtzeit-Kommunikation erlauben.
Unkritische Masse
Dem leibhaftigen Polizisten begegnen die Blogger auf der "re:publica" mit großer Selbstverständlichkeit. Eine Bloggerkonferenz ist offenbar kein Hackertreffen. Hier geht es deutlich ruhiger zu als etwa auf dem Jahrestreffen des Chaos Computer Clubs (CCC), was möglicherweise am höheren Lebensalter der Blogger liegt. Insgesamt 1000 Netzschreiber haben nach Berlin in die Kalkscheune gefunden, wo der Bloggerkongress "re:publica" unter dem diesjährigen Motto "Die kritische Masse" tanzt. Den Slogan kann man wahlweise als physikalische Überlaufgröße verstehen oder als politischen Anspruch.
Letzterer blieb allerdings bei einem Podium über die "Zukunft der sozialen Netze" etwas auf der Strecke. Während Moderator Tim Pritlove, langjähriger Organisator des CCC-Jahrestreffens, sich größte Mühe gab, die Vertreter von MySpace und StudiVZ mit nicht sonderlich gezielten Provokationen aus der Reserve zu locken, blieb deren in die Kritik geratenes Geschäftsgebaren seltsamerweise unhinterfragt.
Michael Brehm, Geschäftsführer von StudiVZ, konnte beispielsweise die verbesserten Privatsphäre-Einstellungen bei seinen Portalen in ein gutes Licht stellen, ohne über die kommerzielle Verwendung der Nutzerdaten zu Werbezwecken Aufschluss zu geben. Und dass man bei MySpace auch Marken zu seinen Freunden zählen darf, wie Joel Berger, Managing Director bei MySpace, erklärt, scheint unter den Bloggern niemanden weiter zu verwundern. So erklären sich vielleicht die großen Freundeskreise in sozialen Netzwerken.
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