Von Richard Meusers
Joost packt ein - oder doch nicht?
Mit großer medialer Bugwelle und viel Vorschuss-Lorbeeren nahm vor einem halben Jahr das Internet-Fernsehen Joost den betrieb auf. Das Ganze mit dem Versprechen, der Glotzgemeinde den TV-Genuss unabhängig von Programmschemata on demand zur Verfügung zu stellen. Was natürlich nur bei einer umfangreichen Programmofferte sinnvoll ist - ein Angebot, das nur Exotenprogramme und Shoppingkanäle beinhaltet, interessiert niemanden.
Einen Dämpfer erhielten die Web-TV-Hoffnungen durch eine Meldung vom Wochenende, der zufolge Joost damit gescheitert sei, die Lizenzen für eine ganze Reihe publikumsträchtiger Serien zu erhalten. Beim Internetfernsehen werde es nun "größere Einschränkungen" geben, so die "Sunday Times" . Zukünftig wolle man sich auf den US-Markt konzentrieren. Womit Joost seine globalen Ambitionen dranzugeben scheint.
Stimmt alles nicht, wendet dagegen "Paidcontent" ein, auf Nachfrage habe das Unternehmen mitgeteilt, zwar plane man eine "Neuausrichtung", aber weder seien Entlassungen vorgesehen, noch wolle man sich nur auf die USA beschränken. Man darf also weiterhin gespannt bleiben, ob und wie lange noch sehr wenig geschieht.
China hebt Wikipedia-Verbot (teilweise) auf
Derzeit zeichnet sich die chinesische Politik in Sachen Meinungsfreiheit und Menschenrecht vor allem durch eines aus: völlige Unübersichtlichkeit. Während letzte Woche noch die Verurteilung des Bürgerrechtlers Hu Jia zu drei Jahren Haft die Schlagzeilen bestimmte und das Thema Tibet in China einen großen Teil der Olympia-Berichterstattung verhindert, kommen nun wieder sanfte Töne aus Peking: wie es scheint, haben die Zensoren die Zügel in Sachen Wikipedia etwas gelockert.
Seit einigen Tagen ist die Online-Enzyklopädie zumindest in ihrer englischsprachigen Version auch aus China wieder erreichbar, meldet Reuters. Allerdings sind sensible Themen wie Tibet oder der Platz des Himmlischen Friedens noch immer tabu. Dabei scheint der Zugang zur virtuellen Informationsquelle nicht flächendeckend und landesweit gewährt zu werden. Die Seite ist allem von Peking und weiteren größeren Städte aus erreichbar.
USA: Internet-Provider spionieren Kunden für personalisierte Werbung aus
Schnüffelei und kein Ende. Diesmal stehen ausgerechnet die Provider, die der geneigte Surfer in der Abwehr übertriebener Neugier gemeinhin auf seiner Seite sieht, in der Schmuddelecke. Doch in den ISPs sieht der Kunde fälschlich einen Verbündeten, wie ein Bericht der "Washington Post" zeigt. Wer dachte, Keylogger würden nur von bösen Passwortknackern benutzt und die Analyse des Surfverhaltens von kommerziellen Unternehmen, sieht sich getäuscht.
An die zehn Prozent amerikanischer Breitband-Kunden wurden von ihren Providern ausgespäht. Dabei wurden die besuchten Webseiten, verschickte E-Mails und Suchanfragen gespeichert und auf die persönlichen Interessen der User hin untersucht. Diese Daten bilden die Basis für die bei Reklamefirmen heißgeliebte und bei Kunden verhasste personalisierte Werbung. Dazu bedienen sich die Verhaltensschnüffler spezieller Programme, die von Unternehmen wie Phorm oder NebuAd entwickelt wurden. Anonymität im Netz? Immer mehr gilt: das ist nichts als ein schöner Traum.
Vorsicht Nintendo: Seniorenimage droht!
Dass Nintendos Spielkonsole Wii nicht nur jugendliche Zielgruppen anspricht, ist schon seit Monaten bekannt. In Altenheimen wird das Gerät gerne von den Bewohnern für gemeinsame Bowlingabende verwendet, so mancher arbeitet auch an seinem Golf-Handicap. Der Wissenschaftsdienst "Eurekalert" berichtet jetzt von einer Art des medizinischen Einsatzes, der die bisherigen Bereiche weit hinter sich lässt.
Im Rahmen einer medizinischen Hochschulstudie im US-Bundesstaat Georgia trainieren 30 an der Parkinson-Lähmung erkrankte Patienten ihr Bewegungsverhalten. Dabei kommt die kleine Konsole auch bei so fordernden Spielabläufen wie Baseball zum Einsatz und soll so die ergotherapeutischen Bemühungen der Ärzte unterstützen. Die Forscher erhoffen sich von dieser Art der technikgestützten Therapie zumindest, die Krankheit in ihrem Fortschritt verlangsamen zu können.
Nach und nach scheint sich Nintendos Spielgerät zu einem seriösen Bestandteil der Betreuung und Pflege alter und kranker Menschen zu entwickeln. Den einhergehenden Imagewandel können die Unterhaltungselektroniker aus Japan allemal leicht verschmerzen, verspricht doch der Gesundheitsbereich für die Zukunft sichere Umsätze, dem demographischen Wandel sei Dank.
Google wegen Street View verklagt
Seit das Onlinekartenprogramm Google Maps um das hochauflösende Feature "Street View" erweitert worden ist, kam es immer wieder zu ärgerlichen oder lustigen Enthüllungen. Nicht jeder schätzt es, detailgetreu auf der heimischen Terrasse beim Sonnenbaden im Adamskostüm abgelichtet und der erheiterten Netzgemeinde vorgeführt zu werden.
Auch einem Ehepaar aus dem amerikanischen Pittsburgh gingen die Photos vom eigenen Swimmingpool gegen den Strich, und so verklagten sie das Unternehmen wegen Eingriffs in die Privatsphäre, meldet "The Register". Die guten Leute hätten sich das Anwesen vor zwei Jahren unter anderem vor allem deshalb gekauft, um in ungestörter Zurückgezogenheit leben zu können.
Trotzdem dürfte sich Googles PR-Abteilung die Hände reiben, denn die Kläger tragen den sprechenden Namen "Boring", zu gut deutsch "langweilig". Und über die dürre Zeile "langweiliges Ehepaar verklagt Google" herrscht in der Reklameabteilung nun sicher große Freude.
Außerdem:
Zu wild gedroht:
Anti-P2P-Anwältin erhält sechs Monate Berufsverbot
Teure Pizza:
Domainname für 1,7 Millionen Dollar verkauft
Petaflop-Superrechner von Cray
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Web | RSS |
| alles zum Thema Netzticker | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH