Von Frank Patalong
Brooke Oberwetter ist auf dem besten Weg, prominent zu werden. Für zahlreiche Blogger ist die Amerikanerin eine Art Widerstandskämpferin, weil sie sich zu Füßen der Statue des US-Verfassungsvaters Thomas Jefferson in Washington, D.C. das Tanzen nicht verbieten ließ. Die Polizisten, die Oberwetter in Handschellen abführten, sahen in ihr eine Ruhestörerin, die Widerstand gegen die Staatsgewalt übte. Ihr Vergehen: Sie hatte mit einer kleinen Gruppe von Menschen nachts am Jefferson Memorial getanzt, wobei jeder seinen eigenen Soundtrack genoss, MP3-Player-Ohrstöpsel im Ohr.
Die lautlose Ruhestörung störte die Wächter am Denkmal - und das war einkalkuliert: Flashmobs sollen irritieren. Bei diesen "Blitzaufläufen" (Wikipedia) des "Blitzpöbels" ("WAZ") tun Menschen koordiniert etwas vermeintlich völlig sinnloses: Scheinbar spontan strömen sie zusammen und zeigen als Gruppe ein auffälliges Verhalten - dann gehen sie wieder. Mal zeigen Hunderte von Menschen plötzlich nach oben, mal werfen sie sich auf einem öffentlichen Platz auf den Boden: Die Aktionen sind meist so harmlos wie auffällig. Ein großer Spaß, der gerade seine Wiedergeburt erlebt, denn eigentlich war die Flashmob-Welle seit Jahren verebbt.
Seit einigen Wochen aber irrlichtern die ferngesteuerten Individualisten wieder durch die Welt und die Medien. Koordiniert über Internet und Handy landeten vergangene Woche hundert junge Menschen vor den Pforten der Dresdner Frauenkirche auf dem Bauch und darum bundesweit in den Medien. Sie eiferten der Aufmerksamkeit nach, die Ende März geschätzte 2000 Jugendliche in Berlin ernteten, als sie in einer Berliner Groß-Bulettenbude gleichzeitig 10.000 Hamburger bestellten. Das Gleiche passierte im vergangenen Dezember in Dresden - seit letztem Spätsommer wacht die im Herbst 2003 abgestorbene Bewegung langsam wieder auf - weltweit.
Steigende Aufmerksamkeit
Lieferten sich im Sommer 2007 nur wenige Dutzend Flashmob-Wiederbeleber Kissenschlachten vor dem Kölner Dom oder machten Liegestützen in Einkaufsstraßen, wuchs ab Herbst einmal mehr die Hoffnung, aus der spaßigen Nonsens-Demo-Szene könne doch noch ein innovatives Instrument der öffentlichen Meinungsäußerung werden. So protestierten in Sankt Petersburg Kunstliebhaber mit einem Trauer-Flashmob gegen die Kommerzialisierung des Eremitage-Vorplatzes.
Mit einigen Jahren Verspätung entdeckte sogar das von Flashmobs eigentlich verspottete bürgerliche Lager das vermeintlich subversive Instrument. Ende Juni 2007 koordinierten die katholischen Jugendverbände per Pressemitteilung das Paradoxon eines unspontanen "Flashmob gegen Rechts" in Köln ("MobCologne"). Und selbst die Gewerkschaft Verdi plante Flashmob-Aktionen als Mittel des Arbeitskampfes, was ihr das Arbeitsgericht Berlin allerdings im Dezember förmlich verbat (Az.: 34 Ga 20169/07). Vielleicht zum Glück, denn kaum etwas ist peinlicher als eine per Flugblatt angekündigte Spontan-Aktion.
Die wiedererwachte Aufmerksamkeit der Medien sorgte dafür, dass auch die Teilnehmerzahlen wieder stiegen. Flashmobs machen nur Spaß, wenn sie jemand bemerkt. Doch erst jetzt gewinnt der Flashmob wirklich eine im weitesten Sinne politische Dimension - und zwar, wie sich das gehört, ganz spontan.
"The Jefferson 1": Tanz ins Martyrium
Das verdankt die informelle Bewegung der stets koordiniert auftretenden Nonkonformisten der freundlichen Dickköpfigkeit von Brooke Oberwetter. Sie war Teil einer Gruppe von nur rund 20 jungen Leuten, die sich am Wochenende zu einer Geburtstagsparty für den amerikanischen Verfassungsvater Thomas Jefferson zu Füßen seines Denkmals versammelten.
Die über Facebook geschlossene Verabredung sah vor, dass die Gruppe für eventuelle Zuschauer lautlos zu den Klängen ihrer MP3-Player tanzen sollte. Danach sollte es ab in die Kneipe gehen, zwecks kennen lernen nach diesem gemeinsamen Spaß - Flashmobs haben sich zu einer Art Gruppen-Blind-Date entwickelt. Dann kam das Wachpersonal.
Und wie das so ist in digitalen Zeiten, wurden die folgenden Minuten auf Kamera-Handys auf Film und Foto gebannt, die Beweise landeten bald schon in Blogs und bei YouTube (siehe oben). Was sie zeigen: Eine durchaus höfliche junge Frau, die es für ihr verfassungsmäßig verbrieftes Recht hält, zu Ehren des Verfassungs-Mitautoren zu tanzen.
Die Denkmal-Wächter sahen das anders und ließen die Handschellen klicken - aus Brooke Oberwetter wurde "The Jefferson 1", in immer mehr Blogs gefeiert als Märtyrerin des Bürgerrechts.
Die Heldin selbst ist wieder auf freiem Fuß, aber das ändert nichts. Längst gibt es eine Facebook-Gruppe, eine eigene Webseite: "Free the Jefferson 1" heißt die, als ginge es um die Befreiung eines Widerständlers gegen die Tyrannei oder die Entlassung eines zu Unrecht zum Tode Verurteilten. Eine Reaktion, die sofort und ohne Zeitverzögerung einsetzte: Per Twitter machte die Nachricht bereits Minuten nach Oberwetters Verhaftung die Runde. Teile des Flashmobs folgten dem Polizeiwagen und dokumentierten, was sie nur konnten. Aus dem studentischen Tanz-Gag war wahrhaft spontan eine Widerstandsbewegung erwachsen - die "Dance-Dance Revolution", wie "Ars Technica" in Anlehnung an ein bekanntes Videospiel spottete.
Oder ging es doch nur um "eine gezielte Provokation der Polizei", um "Zeug, an dem Weiße ihren Spaß haben", wie sich einzelne Diskussionsteilnehmer in einem Blog erregten? Nein, ist dort die bierernste Replik zu lesen, natürlich gehe es um Bürgerrechte. Es gehe darum, dass etwas mit Amerika nicht stimme, wenn man nicht mehr für Jefferson tanzen dürfe, wie einer der Flashmobber im Youtube-Video sagt: "Sie", mahnt er einen der Beamten voller Pathos, "sind der Wächter dieser Wände. Lesen Sie, was darauf geschrieben steht! Jefferson wäre nicht einverstanden gewesen!"
Damit bleibt sich der Flashmob treu, denn natürlich ist die ganze Bewegung durch und durch ironisch.
Auf anderen Social Networks posten:
Es kann nur im Prozess stattfinden, d.h. es darf im Grunde keine Kontinuität geben, bis auf das Treffen, Ballen, Handeln. Es ist ein Handeln an der Grenze zum Stillstand, ein Handeln, dass stattfinden muss, bevor es sich mit Sinn [...] mehr...
Diese Aktion hat die Berliner Tanzguerilla auch schon vorm Reichstag gemacht und zwar am 20. November 2007. Nur dass ich nicht verhaftet wurde. Hier ist ein Bericht über die Aktion: http://schmitt.zehnnullsieben.de/ Meine [...] mehr...
Richtig so! Und nun, da selbst dieser sinnfreie Thread es schon auf zwei Seiten gebracht hat, könnte man auch andere Spaß-Aktionen verwissenschaftlichen - damit auch der letzte unreflektierte Beobachter endlich begreift, wie [...] mehr...
...das war doch ganz anders: urplötzlich haben sich zehntausend Fleischklöpse in einer McDoof-Filiale versammelt (= FlashMäc). Hunderte Kids haben die unangehörige Aktion in letzter Minute verhindert (= Burgerwehr) ;-) mehr...
Dennoch denke ich, dass der Spass an der Sache nicht verloren gehen sollte ;) mehr...
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