Von Frank Patalong
Das Phänomen Flashmob war zunächst eine Mode des Sommers 2003. Nach einem ersten, gescheiterten Versuch im Mai gelang es dem Journalisten Bill Wasik im Juni 2003, über das Internet mehrere Hundert junge Leute für ein paar hochgradig schwachsinnige Taten zu rekrutieren. Über SMS koordiniert, liefen sie scheinbar ferngesteuert zuerst in einem Geschäft auf, wo sie sich um einen ausgestellten Teppich versammelten. Alle waren instruiert, eventuelle Fragen von Verkäufern so zu beantworten, dass sie ein Kollektiv seien, dass in einem Lagerhaus am Stadtrand lebe, einen "Liebes-Teppich" suche und Kaufentscheidungen grundsätzlich gemeinsam treffe.
Bevor irgendjemand auf die Idee kam, die vermeintlichen Irren entfernen zu lassen, strömten diese, der nächsten Handy-Instruktion folgend, in eine Hotel-Lobby, wo sie angeblich exakt 15 Sekunden lang applaudierten. Rund 200 besonders Begeisterte fielen zum krönenden Abschluss als vermeintliche Touristen in ein Schuhgeschäft ein.
Das mediale Echo folgte sofort - und eine Welle der Begeisterung schwappte durch das Web. In zahlreichen Großstädten rund um die Welt kam es bis zum Herbst 2003 zu mehr oder minder erfolgreichen Flashmobs. Auch SPIEGEL ONLINE witterte damals - als erstes Medium in Deutschland - schon ein revolutionäres, zumindest aber Spaß-Guerilla-Potential. Dann starb die Bewegung so plötzlich wie sie begonnen hatte.
Erst drei Jahre später erklärte Bill Wasik, das alles sei nur ein satirisches Experiment gewesen. Er habe die ach so hippen technophilen Web-Jünger als schein-nonkonformistisch vorführen wollen, indem er sie zum Teil eines ferngesteuerten Mobs machte.
Ein Trick? Was soll's? Macht Spaß!
Das gelang ihm ganz prächtig, denn es traf offenbar ein Lebensgefühl: Die Ferngesteuerten fanden es ganz große Klasse, ferngesteuert zu sein. Das ist auch heute nicht anders: Für Flashmobber liegt der Witz gerade darin, sich bewusst und mit Begeisterung fernsteuern zu lassen. In einer Kultur, in der nichts schlimmer ist, als normal zu sein, zur Norm zu gehören, gibt es den Verweigerern der Norm offensichtlich einen Kick, diese einmal nicht zu verweigern.
Zumal man ja normiert tut, was Normale nicht in Massen tun: Auf dem Bauch liegen, massenhaft Burger essen, lautlos tanzen. Mit dem durch staatliche Beihilfe zum Widerstandsakt geadelten Mini-Flashmob, von dem ohne Brooke Oberwetters Verhaftung nie jemand gehört hätte, wird diese Feier der Selbstironie nun zur wahren Realsatire.
Insofern ist der Jefferson-Dance-Flashmob der bisher wohl erfolgreichste überhaupt.
Selbst die Proteste folgen nun der Norm: "Als Bürgerin von DC", kommentierte eine Bloggerin triefend ironisch den Ton konservativer Leserbriefschreiber imitierend, "bin ich natürlich begeistert zu hören, dass Gewaltverbrechen in einem Maße zurückgegangen sind, dass wir wertvolle Polizei-Ressourcen erübrigen können zur Bekämpfung dieser lautlosen Bedrohung - des Tanzens."
Die Prognose sei gewagt: Der Tanz hat gerade erst begonnen.
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