Jeder, der Texte im Internet veröffentlicht, setzt in der Regel alle Hebel in Bewegung, damit möglichst viele Menschen diese Texte zu Gesicht bekommen. Guido Grigat tut das Gegenteil. Er macht im Internet Jagd auf Aphorismen, Gedichte und Erinnerungen und verschließt sie in einem kollektiven Gedächtnis vor den neugierigen Augen der Surfer. Jeder Text darf täglich nur für 60 Sekunden in der Öffentlichkeit frische Luft schnappen, und man muss als Besucher von Guido Grigats Literaturprojekt 23:40 schon ein wenig Glück haben, um einen Text zu erhaschen.
Die Wirkung dieser Verweigerung ist verblüffend. Die Texte werden aufgewertet, werden plötzlich interessant und bedeutungsvoll.
"5:03 pm
mid-sentence, the building starts to move,
the earth rolling in waves of increasing violence.
all the normal city noises stop,
are replaced with the sound of buildings shaking apart.
there is enough time to turn
a slow circle and watch the skyscrapers vibrating in their foundations.
there is just enough time
to realize we might die."
Ein Literaturprojekt, in dem man fünfmal vorbeischauen muss, um statistisch gesehen einmal einen Text lesen zu können, erzeugt ein fast schon vergessenes Gefühl: Das Glück des Lesens, das früher einmal all jene ergriffen haben muss, die aus bescheidenen Verhältnissen kommend zum ersten Mal eine gut ausgerüstete Bibliothek besuchen durften. Und dafür hat 23:40 ein Schaufelmännchen verdient. Möge das "Kollektive Gedächtnis" nie von Alzheimer befallen werden.
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