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06.05.2008
 

FMX Stuttgart

Wie sehr dürfen Bilder lügen?

Von Jörg Isert

In Stuttgart tagen Special-Effects-Spezialisten, Filmmacher und -freunde auf der FMX-Konferenz. Anders als in früheren Jahren geht es nicht mehr nur um Fragen des Machbaren - diskutiert wird auf Europas Leitveranstaltung für digitale Tricktechnik über die Ethik der Trickser.

Von der halbtägigen Lehrveranstaltung einer schwäbischen Filmhochschule zur Großkonferenz für digitale Bilder: So lässt sich die Entwicklung der FMX in Stuttgart zusammenfassen. Als die Veranstaltung 1994 zum ersten Mal stattfand, dauerte sie einen Nachmittag und hatte 300, fast ausschließlich deutsche, Besucher. Heute liegt allein die Zahl der Referenten deutlich höher. Die FMX ist ein jährlicher Treffpunkt für Insider und Interessierte in Sachen digitaler Tricktechnik.

"Es ist die zentrale Veranstaltung in Europa", sagt FMX-Chef Thomas Haegele. Dem 59jährigen, der an der Filmakademie Baden-Württemberg das Institut für Animation und Effekte leitet, scheint die Entwicklung fast peinlich zu sein. "Es ist ja nach wie vor eine Schulveranstaltung", meint Hägele. "Erstaunlich, wenn man sich anschaut, was aus der Konferenz inzwischen geworden ist."

Geworden ist aus der FMX ein Meeting der weltbesten Computer-Kreativen. Wichtiger ist nur noch die kalifornische "Siggraph". Die US-Messe, die es seit 1974 gibt, ist ein gewaltiges Spektakel. Filmpioniere wie George Lucas referieren dort über die Zukunft des digitalen Kinos, fast 25.000 Gäste lauschen gebannt. Mit dem Mega-Event will sich die FMX, die 2007 immerhin 6.000 Besucher zu Gast hatte, nicht messen. "Momentan kann man hier mit den Topleuten aus der Animationsbranche sprechen", sagt Thomas Haegele. "Wenn die Veranstaltung größer werden würde, wäre dies schwieriger."

Für die Filmindustrie sind Computereffekte mittlerweile der wichtigste Erfolgsgarant. Unter den zwanzig erfolgreichsten Filmen aller Zeiten gibt es keinen mehr, in dem nicht digital getrickst wurde. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Branche internationalisiert. Hollywood lagert die Herstellung von Computer Graphic Images - kurz CGI - heute oft ins Ausland aus. Die Tricks von "Der goldene Kompass", die 2008 den Oscar erhielten, wurden teils in Indien gefertig. Die Software ist die gleiche, die Digitalkünstler aber sind billiger.

Und der Markt boomt. Auf der FMX zeigen Profis dem ambitionierten Nachwuchs, wie es geht. Zu den Referenten gehören neben den "Golden Compass"-Machern Mitarbeiter aus George Lucas' "Star Wars"-Effektschmiede Industrial Light and Magic, ILM. Die Firma Pixar, die gerade den Academy Award für den Animationsfilm "Ratatouille" erhielt, ist mit einem ganzen Tagesprogramm am Start. Ein Programm, das seinen Preis hat: 100 Euro kostet die Tageskarte.

Die Grenze zwischen Spiel und Trickfilm fließt

Ob in der Filmindustrie, bei digitalen Medien, im Internet oder bei der Animation von Handy-Clips - überall wird mit derselben Software und Hardware gearbeitet. "Das ist die Klammer, die die FMX zusammenhält", so Haegele. "Wir beobachten, wo Animationstechniken eingesetzt werden und gehen mit der Zeit."

Nachdem Computerspiele mittlerweile Standards bei der Animation setzen, liegt ein Schwerpunkt im "Games"-Bereich. So geht es auch um die Charakter-Animation der vierten Folge von "Grand Theft Auto". Zudem ist man dem 3D-Trend auf der Spur: Mit "Monster House" und "Beowulf" spielten Regisseur Robert Zemeckis und die Firma Sony Picture Imageworks die Vorreiter. Nun wartet die Branche gespannt auf den neuen Film von James Cameron. Der mehrere hundert Millionen Dollar teure Science-Fiction-Film "Avatar" soll im Herbst 2009 zum neuen Höhepunkt des Stereoskopie-Revival werden, unter anderem durch 3-D-Filmprojektoren.

Alles ist darstellbar

Von größerer Bedeutung als sämtliches visuelles Blendwerk ist mittlerweile freilich das, was nicht mehr zu sehen ist: Dass das Kabul der siebziger Jahre in "Der Drachenläufer" nur dank digitaler Unterstützung in altem Glanz erstrahlte, weiß außer dem FMX-Gästen fast keiner mehr. Der Grad, auf dem die Computeranimatoren wandeln, wird schon lange schmaler.

Angefangen bei "Twister": Spannender als alle Wirbelstürme waren die wolkenverhangenen Himmel, die ILM nach Belieben manipulierte. Beim Stallone-Kracher "Demolition Man" wurde 1994 für europäische Versionen der Schriftzug der Fast-Food-Kette "Taco Bell" mit "Pizza Hut" ersetzt. Zwei Jahre später bekam Arnold Schwarzenegger digitale Hilfe. In "Eraser" wurde der Name einer imaginären Waffenfirma geändert - von "Cyrex" in "Cyrez". Der Grund: Der damalige Chiphersteller "Cyrix" hatte sich beschwert.

Tote Darsteller spielen mit

Solche "Fixes" mögen harmlos sein. Schwieriger wird es, wenn es um verstorbene Prominente geht. Einst war es noch die Ausnahme, bei Filmen wie "The Crow" oder "Gladiator" an Aufnahmen von verstorbenen Darstellern wie Brandon Lee oder Oliver Reed herum zu manipulieren. "Forrest Gump" von CGI-Freund Zemeckis erhielt 1994 sogar den Effekte-Oscar dafür, dass Tom Hanks Präsident John F.Kennedy die Pranke reichte.

Die Frage ist, wann die Grenze überschritten wird. 1997 bekam der verstorbene Fred Astaire einen "Dirt Devil" in die Hand gelegt - für einen profanen Staubsauger-Werbespot. 2004 hatte Astaires jenseitiger Kollege Laurence Olivier ein Comeback. Doch hätte der Edel-Mime je freiwillig in der Film-Gurke "Sky Captain and the World of Tomorrow" mitgewirkt? 2007 schließlich sang Celine Dion bei "American Idol" - Amerika sucht den Superstar - im Duett mit dem King. Alte Filmaufnahmen von Elvis Presley wurden neben die singende Dion rotoskopiert, sein Gesicht digital über das eines Doubles gelegt.

Die Folgen der unendlichen Möglichkeiten sind auch im News-Bereich zu sehen - oder auch nicht. Nur durch Zufall entdeckte die Agentur Reuters 2006 ein manipuliertes Kriegsbild im eigenen Angebot.

Auch ansonsten sind die Auswirkungen von digitalen Veränderungen nachhaltiger Natur: Zahlreiche GGI-Artists betätigen sich mittlerweile als plastische Chirurgen. Faltige Hollywood-Stars, die sich digital verjüngen lassen, stellen eine Wachstumsbranche für Bilderzauberer dar.

2006 thematisierte der Dove-Werbespot "Evolution" die falsche Schönheit aus dem Computer - und die Auswirkungen auf junge Frauen. Das Problem scheint zu sein: Was machbar ist, wird auch gemacht. Van Ling, der am Computertrick-Meilenstein "Terminator 2" mitwirkte, will den jungen Kollegen auf ihre Verantwortung aufmerksam machen. Der Effekteguru spricht auf der FMX über "Bildmanipulation: Kulturelle Verantwortung und Ethik bei visuellen Effekten".

FMX Stuttgart: 5.-8. Mai 2008
Haus der Wirtschaft, Stuttgart
Tageskarte: 100 Euro, reduziert 5o Euro
Vollticket: 200 Euro, reduziert 90 Euro
Programmübersicht per Download (pdf)

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