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16.05.2008
 

Britisches Oberhaus

Seine Lordschaft bittet zum Blog

Von Stefan Marx

Die älteste Parlamentskammer der Welt wird digital aufgepeppt: Zehn adelige Mitglieder des britischen Oberhauses haben einen Blog eingerichtet, über den sie mit den Bürgern kommunizieren. Und so manches politische Geheimnis preisgeben.

Nobel-plüschig geht es zu im britischen Oberhaus: Die meisten Mitglieder sind jenseits des Rentenalters, die Debatten selten hitzig. Man spricht sich mit "the Noble Lord" oder "Noble Baroness" an. Hier trägt jeder einen Adelstitel. Auf dunkelrote Ledersofas gebettet, erledigt Britanniens zweite Parlamentskammer, das "House of Lords", ihre Pflichten – und das schon seit dem 14. Jahrhundert. Nun schicken sich zehn Lords an, das ehrenwerte Haus aufzumischen. Die Polit-Rentner berichten als " Lords of the Blog" täglich von ihrer Arbeit.

Lords of the Blog: Adelige Parlamentarier plaudern über ihr politisches Alltagsgeschäft
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Lords of the Blog: Adelige Parlamentarier plaudern über ihr politisches Alltagsgeschäft

"Viele Bürger wissen nicht, was wir im Oberhaus machen, wer wir sind", sagte Lord Tyler of Linkinhorne SPIEGEL ONLINE. Der Liberale war früher Fraktionsgeschäftsführer seiner Partei im Unterhaus und wurde 2005 in den Adelsstand erhoben. Er ist mit dem Feedback sehr zufrieden: Pro Tag lesen mehrere hundert Menschen in dem Blog, das seit Januar dieses Jahres existiert. Zwar sei die Adelskammer bekannt für ihren altbackenen Debattenstil, doch die Blogger bemühten sich, anders zu sein: "Wir arbeiten hart daran, nicht zu aufgeblasen zu klingen."

Damit zeigt ausgerechnet das traditionsreiche Oberhaus, wie digitale Bürgerbeteiligung funktionieren kann. In Deutschland erschöpft sich Internet-Demokratie in Einbahnstraßen-Kommunikation im Stile des Kanzlerinnen-Podcasts oder Wahlkampf-Blogs, geschrieben von Hilfskräften. Bei den "Lords of the Blog" kann jeder die Beiträge kommentieren – und bekommt meist eine direkte und fundierte Antwort. So wird gerade heiß auf der Seite darüber diskutiert, ob die westlichen Staaten in Burma intervenieren sollen, um Menschenleben zu retten. Adel verpflichtet – zur echten Basisdemokratie.

Lords werden nicht gewählt, sie werden ernannt

Die Runde der noblen Web-Avantgardisten ist ansehnlich: Der konservative Lord Norton of Louth ist einer der renommiertesten Politikwissenschaftler der Insel. Lord Soley of Hammersmith, sein linker Gegenpart, war unter Tony Blair Sprecher der Labour-Abgeordneten im Unterhaus. Und die Familie von Lord Lucas of Crudwell and Dingwall sitzt schon seit 1663 im House of Lords. Andere Blogger arbeiteten einst als Regierungsberater, als Mediziner oder Schauspieler.

Ein Thema kam bisher nicht zur Sprache: die Zukunft der Blogger selbst. Das House of Lords ist nicht demokratisch gewählt, sondern die rund 700 Mitglieder werden auf Lebenszeit vom Premierminister ernannt. Einige (wie der Blogger Lord Lucas) haben ihren Sitz sogar ererbt. Doch eine nicht gewählte Parlamentskammer gilt heute als Anachronismus. Nach der nächsten Parlamentswahl 2010 wollen Regierung wie Opposition das Haus durch einen gewählten Senat ersetzen. Die Rechte des Oberhauses sind geringer als die des deutschen Bundesrates: Es darf Gesetze höchstens für ein Jahr aufschieben. In der Praxis beschränkt es sich meist darauf, Kompetenz in einzelnen Sachfragen zu demonstrieren.

Bloggen ist cool, auch für Lords

"Solange wir noch da sind, haben die Bürger das Recht, über unsere Arbeit informiert zu werden", formuliert Lord Norton seine Meinung diplomatisch. Und verschweigt nicht, dass er alle Pläne, die Adelskammer abzuschaffen, für Humbug hält. Seine Argumentation: "Wir haben keine Wähler und keine Wahlkreise." Daher könne er online alle Bürger erreichen und mit ihnen frei diskutieren. Er lerne durchaus von den Kommentaren der Blog-Nutzer, die er mehrmals pro Tag lese. Er sei schon richtig süchtig auf Feedback.

Der 57-jährige Politikprofessor hat sich durch das Blog zum Online-Star entwickelt: Seine Studenten hätten einen Fanclub für seine Blog-Einträge gegründet, berichtet er stolz: "Das Blog gibt einem richtig street cred", was sich wohl am besten mit Coolness übersetzen lässt. Besonders stolz ist er darauf, dass seine Einträge Fotos enthalten: "Ich bin wohl der einzige von uns zehn, der das gelernt hat", grinst er. Lord Tyler kämpft dagegen noch mit der Blog-Software: "Ohne meinen Assistenten wäre es nicht so einfach", gibt der 66-Jährige zu.

Übersetzungshilfe für Worthülsen

Unisono betonen beide Lords die wichtigste Regel des Bloggens, die sie sehr schnell lernen mussten: nicht langweilen. Zuweilen lassen es die Lords und Ladys richtig menscheln und verraten ihre politischen Tricks. So übersetzten sie die höflichen Worthülsen der Mitglieder des Parlaments in Alltagssprache. Beginne ein Lord eine Erwiderung mit den Worten "Bei allem Respekt …" meine er in Wahrheit: "Sie reden Schrott". "Seine Lordschaft spricht einen interessanten Punkt an" bedeute: "Keine Ahnung, was ich darauf antworten soll." Und wenn ein Minister sagt "Ich hoffe, dass seine Lordschaft zu der Erkenntnis gelangt …", meine er in Wahrheit: "Jetzt sei endlich still, du Idiot, du hast Unrecht!"

Soviel Klartext würde auch dem wöchentlichen Podcast von Kanzlerin Merkel gut tun. Aber das ist wahrscheinlich zu viel verlangt: Die Lords haben fast alle ihre politische Karriere hinter sich. Adel verpflichtet – zum ungeschminkten Bloggen der eigenen Meinung.

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