Von Tobias Käufer, Bogota
Für den großen Tag hat Florinda Jimenez Diaz eigens das schicke rote Ausgehkleid ausgewählt und auch der kräftige Regenschauer hält die 69 Jahre alte Kolumbianerin nicht davon ab, in aller Frühe das Haus zu verlassen. Die rüstige Rentnerin aus dem kolumbianischen Dorf Gamarra steht vor einem echten Abenteuer: Zum ersten Mal in ihrem Leben wird sie in die Welt des Internets eintauchen: "Internet? Ich weiß gar nicht was das ist", sagt sie. "So was gibt es hier nicht."
Fernab der großen südamerikanischen Metropolen, gibt es nur selten eine funktionierende und vor allem bezahlbare Internetanbindung. Deshalb hat die kolumbianische Regierung das Projekt Internetschiff gestartet und die "Florentino Ariza" auf die lange Tour über den Rio Magdalena flussabwärts geschickt. Florentino Ariza heißt der junge Telegraphenbote im Roman "Die Liebe in Zeiten der Cholera" des kolumbianischen Literatur-Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez.
Für die rund 1500 Kilometer von Giradot im Landesinneren bis nach Barranquilla an der Flussmündung war das von einem großen roten Rad angetriebene schwimmende Klassenzimmer sechs Wochen unterwegs. In der Industriestadt Barranquilla im Norden des Landes mit den vielen Armenvierteln ist das Schiff am vergangenen Freitag angekommen und hat auf dieser Tour zum letzten Mal wissbegierige Gäste an Bord gebeten.
Rund fünf Millionen Menschen wohnen im Einzugsgebiet des mächtigen kolumbianisches Stroms. Viele Ortschaften haben auch heute noch keinen direkten Zugang zum angeblich weltweiten Netz.
Mehr als 6000 Menschen ausgebildet
Auf dieser Tour habe das Schiff gut 6000 Menschen eine Internet-Fortbildung ermöglicht, rechnet die kolumbianische Kommunikationsministerin María del Rosario Guerra SPIEGEL ONLINE im Gespräch vor einigen Tagen vor. Auch Beamte haben sich weitergebildet: "Wir haben allein bei dieser Tour 500 Mitarbeiter aus Verwaltungen in zehn Departements die wichtigsten Basisinformationen über das Projekt 'Regierung online' vermitteln können." Die Beamten sollen so enger mit den Regierungsinstitutionen in Bogotá verknüpft werden.
Insgesamt 26 Gemeinden in zehn Departements besuchte das Internetschiff, 14 Computer haben Schülern, Studenten, Bürgermeistern und Rentnern in den entlegensten Gegenden des Flusses die Welt des Internets nähergebracht. Möglich machte das eine Hochgeschwindigkeitsverbindung via Satellit.
Bürgermeister ließen sich beraten, wie sich Internetauftritt ihrer Gemeinde wieder aktualisieren lässt. Oft sind diese "paginas web" (Internetseiten) von jungen technikbegeisterten Kolumbianern ehrenamtlich erstellt worden. Diese ersten Nebenbei-Webmaster haben das Dorf aber oft schon verlassen und arbeiten in der Stadt. Jetzt weiß niemand wie die Seite gepflegt werden kann.
Es gibt aber außergewöhnliche Wünsche wie der des 72 Jahre alten Alvaro Usorio. Der hat zwar noch nie auf eine Tastatur getippt, will aber unbedingt Informationen über Arnold Schwarzenegger suchen, weil er dessen Filme so sehr liebt. Nach einer Stunde Schulung strahlt der Großvater: Er hat ein Bild von "Arnie" gefunden, heruntergeladen und ausgedruckt. "Wir haben Programme für Anfänger, Schüler, Beamte und Rentner", erklärt Koordinator Eduardo Rodriguez derweil dem TV-Sender Caracol stolz.
Der Duft der weiten Welt
Im vergangenen Jahr startete die Aktion des Ministeriums mit den "mobilen Einheiten". Über Bogotá ging es durch die bergige Kaffeezone bis runter in die Kolonialstadt Cartagena. Doch es gibt noch viel zu tun in einem Land, dass flächenmäßig dreimal so groß ist wie die Bundesrepublik Deutschland, aber mit 40 Millionen Menschen nur halb so viele Einwohner zählt.
Für Rentnerin Florinda Jimenez Diaz war der Besuch des Webschiffs ein lohnenswerter Ausflug in die Online-Welt , nicht nur weil sie nach dem rund einstündigen Kurs ihre erste E-Mail geschrieben hat und stolz mit einem Zertifikat nach Hause gehen darf. Sie kann selbstbewusst den Enkeln gegenübertreten: "Jetzt kann sie endlich auch mitreden, wenn im Fernsehen über Internet gesprochen wird."
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