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06.06.2008
 

Peter Gabriels Web-Filter

Gib mir weniger!

Von Frank Patalong

Wir alle, sagt der Musiker und Web-Unternehmer Peter Gabriel, ersaufen in Auswahl. An Stelle der Mühsal, Information zu finden, sei die getreten, sich im Überangebot zu orientieren. Seine Antwort darauf: eine Suchmaske, die wenig bietet. Wir haben uns angesehen, ob sie das gut kann.

Eigentlich sei es Bill Joy gewesen, erzählt Peter Gabriel in einem bei YouTube veröffentlichten Video, der die Idee gehabt habe, Web-Nutzern weniger Auswahl zu servieren. Das klingt erst einmal gut: Joy ist eine Legende, war maßgeblich an der Entwicklung von Unix beteiligt, von Java und Solaris. Er schraubte am TCP/IP und gehörte so zu den Straßenbauern des Internets, um Mitte der Neunziger zu einem der prominentesten Visionäre der New Economy zu werden.

Peter Gabriel: Der Musiker und Unternehmer produzierte auch Videos und experimentelle CD-Roms, beschäftigt sich aktuell mit PC-Spielen
DPA

Peter Gabriel: Der Musiker und Unternehmer produzierte auch Videos und experimentelle CD-Roms, beschäftigt sich aktuell mit PC-Spielen

Einst, habe Joy bei einem Plausch mit Peter einmal gesagt, sei es darum gegangen, den Menschen im Internet ein möglichst großes Angebot zu bieten. Künftig werde es darum gehen, die Auswahl einzuschränken.

Damit war die Idee des Filters in der Welt, sagt Gabriel. Sein neuester Web-Dienst will Menschen helfen, weniger zu finden - oder besser: sich in der Flut des Web-Entertainments durch eine gezielte Vorfilterung besser zurechtzufinden. Ein Gedanke von genialer Einfachheit, den man allerdings auch anders übersetzen könnte: Im Grunde ist dies das Konzept jeder Aggregatoren-Webseite, die Videos nach Kategorien ordnet und auffindbar macht. Oder das jeder TV-Programmzeitschrift.

Aber Gabriel ist schließlich kein aufgeblasener Marketing-Blasen-Produzent. Der Musiker, einst Kopf und Sänger der Band Genesis, später erfolgreicher Solo-Sänger ("Solsbury Hill", "Sledgehammer") und Videokünstler, Weltmusik-Förderer und Chef eines eigenen Plattenlabels, ist seit langem schon auch einer der erfolgreichsten Web-Pioniere: 1999 - fast vier Jahre vor Apples iTunes Store - eröffnete Gabriel mit OD2 ("On demand Distribution") den ersten funktionierenden und legalen Musik-Downloadshop der Welt.

Die OD2-Technik liegt bis heute fast allen europäischen Download-Stores mit Ausnahme von iTunes und Napster zugrunde und gehört seit 2006 Nokia, die sie unter anderem an Microsoft lizenzieren.

Jetzt also folgt The Filter, eine Idee, die Gabriel seit geraumer Zeit verfolgt: Der in dieser Woche gelaunchte Web-Dienst setzt auf einer Software auf, die Gabriels Firma bereits seit Herbst 2006 für Shop- und Mobilplattformen (Symbian) anbot und die von Nokia eingesetzt wird. Ursprünglich war sie als Empfehlungs-Software gedacht, die musikalische Tipps in Programme wie iTunes oder den Windows Mediaplayer einfließen lassen sollte. Platt gesagt eine Art Last.fm für Shop-Plattformen.

Der neue Ansatz geht weiter: Jetzt soll The Filter seinen Nutzern gezielte und intelligente Angebote in Form einer vorgefilterten, auf ihn zugeschnittenen Auswahl aus verschiedenen medialen Quellen unterbreiten. Das ganz persönliche Programm aus dem Entertainment, das das Web aktuell bietet, sozusagen.

Eine tolle Idee, ohne Frage: Nicht jeder von uns ist Web-affin, nicht jeder weiß, wo die guten Aggregatorenseiten zu finden sind - und die meisten von uns wissen noch nicht einmal, ob und wann man Recht und Gesetz verletzt, wenn man solche Dienste nutzt. Grund genug, sich das alles einmal anzuschauen.

Registrierung

Empfangen wird man bei The Filter (verlangt Flash 8) mit einer kleinen Auswahl an Film- und Musiktiteln. Damit diese Offerten künftig auf den Nutzer zugeschnitten werden, muss der sich allerdings registrieren: Wie sonst sollte das System die Vorlieben kennenlernen?

Der Prozess umfasst fünf Schritte, bei denen zum einen Genre-Vorlieben abgefragt werden, zum anderen Beispieltitel bewertet werden sollen. Das kann man beliebig vertiefen und freiwillig mehr bewerten als eigentlich verlangt. Schon an diesem Punkt beginnt allerdings die Tücke des Systems: Weil ich bei den Film-Genres auch "Drama" angekreuzt habe, bekomme ich massenhaft Hollywood-Klassiker angeboten. Dass ich Humphrey-Bogart-Flicks wie "Casablanca" dann als gut einstufe, wird Folgen haben, genau wie mein grundsätzliches Wohlwollen gegenüber Ella Fitzgerald oder Miles Davis.

Das Problem dabei: The Filter bietet gern Extreme an. Freudig bewerte ich die etwas rauere Schiene von Green Day bis Eminem als positiv, klatsche kurz und bündig U2 als "bloß nicht" ab, finde Shakira tendenziell gut aber Anastacia unerträglich. Schnell zeigt sich: The Filter versteht mich nicht.

Denn nach dieser ersten Phase sieht meine ach so persönliche Startseite aus, als wäre ich 1942 irgendwo im Süden der USA geboren. Die Entwicklung von Film und Musik nach 1975 habe ich augenscheinlich verpasst, wenn man davon absieht, dass mich The Filter nun für einen Emo-Fan hält, der gar nicht genug bekommen kann von My Chemical Romance.

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