Von Christiane Schulzki-Haddouti
Jahrhunderte dauerte es, bis Verträge nicht mehr nur mündlich, sondern schriftlich abgeschlossen wurden. Heute soll mit Hilfe der digitalen Signatur die Umstellung von Papier auf Bits binnen weniger Jahre erfolgen.
Beispiel: Keine Bank gewährt einen Kredit für den Hauskauf ohne einen Auszug aus dem Grundbuch. Allerdings vergehen meist Wochen, bis das Papier vorliegt. Damit dies anders wird, soll die Bank künftig direkt im Grundbuch nachsehen und sich sogar die entsprechende Seite ausdrucken lassen können: Die Grundbücher werden elektronisch.
In Bayern, Baden-Württemberg und Berlin werden zurzeit Millionen von Grundbuchblättern elektronisch erfasst und gespeichert. Vom direkten Zugriff profitieren vor allem Notare und Kreditinstitute, aber auch Haus- und Grundstückkäufer sollen künftig in jedem Grundbuchamt Einsicht in die Grundbuchblätter nehmen können.
Bisher ist die Einsicht in die Grundbücher noch ein mühsames Geschäft: Notare, die sich auf Grundstücksgeschäfte spezialisiert haben, beschäftigen in der Regel extra Mitarbeiter, die sich die Unterlagen von den Ämtern besorgen. Allein in Berlin nehmen Notare oder Eigentümer pro Jahr etwa 230.000-mal Einblick und fordern 160.000 Abschriften an. Denn erst mit dem Eintrag ins Grundbuch ist ein Verkauf abgeschlossen.
In Bayern genießt das "elektronische Grundbuch" höchste Priorität. Für das bayerische Justizministerium ist es sogar das "wichtigste Hightech-Projekt". Der ehemalige Justizminister Alfred Sauter kündigte Anfang dieses Jahres an, das in Papierform bei jedem Amtsgericht geführte Grundbuch durch einen zentralen Grundbuchspeicher in München ganz zu ersetzen. Über Datenleitungen kann dann auf diesen zentralen Bestand zugegriffen werden. Bereits in zwei bis drei Jahren soll es so weit sein.
Eigentlich könnten diese Vorhaben euphorisch stimmen, müsste man nicht auch eine Langzeitprognose anstellen: Völlig ungelöst ist noch das Problem, wie die Daten mehrere Jahrhunderte gespeichert werden können. Schließlich können auch Häuser über hunderte von Jahren gekauft und wieder verkauft, vererbt und verschenkt werden. Laut Professor Klaus Kornwachs von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus gibt es ein großes Problem mit dem Speichern digitalisierter Daten. Zwar sind die Änderungs- und Fehlerraten bei digitalen Kopierprozessen minimal, anders als bei Fotokopien droht jedoch kein langsames Verzerren und Verwischen der Daten, sondern der totale Verlust. Der Grund: Wenn einige wenige Bit nicht mehr gelesen werden können, kann in der Regel das Ganze auch nicht mehr rekonstruiert werden.
Aber auch das Speichermedium selbst birgt Gefahren in sich: Wenn man die Daten auf Magnetbändern speichert, muss man die Bänder regelmäßig in Bewegung bringen. Denn ohne Bewegung magnetisieren sie sich innerhalb von drei bis fünf Jahren selbst. Allein CD-Roms wird eine Haltbarkeit von 30 bis 100 Jahren nachgesagt - aber existieren dann noch Geräte, die die Daten auslesen können?
"Ein großes Problem besteht auch darin, in welchem Datenformat die Daten gespeichert werden" weiß Arno Fiedler, der sich als ehemaliger Marketing- und Vertriebsleiter der Electronic Media Services der Bundesdruckerei mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt hat. Verträge, die mit einer digitalen Signatur unterschrieben sind, sollen im TIF-Format gespeichert werden. Experten sind sich sicher, dass das TIF-Format auch noch in 50 Jahren visualisiert werden kann. Anders ist das bei Word-Dokumenten. Ihnen gibt man eine Haltbarkeitsdauer von fünf bis acht Jahren.
Alfred Sauter wollte einen "zentralen Grundbuchspeicher"
Die Archivierung für diesen vergleichsweise kurzen Zeitraum ist bereits alles andere als trivial: Allein die Regulierungsbehörde, die den Hauptschlüssel verwaltet, wechselt diesen alle ein bis zwei Jahre. Jede Änderung des Schlüssels muss historisch nachverfolgt werden können. Dafür genügt es nicht, den Schlüssel zu kennen, man muss auch seine Gültigkeit beweisen können.
Völlig unlösbar vor diesem Hintergrund scheint eine andere Aufgabenstellung: Wie kann man Menschen in 12.000 Jahren mitteilen, wo sich die Lagerstätten von Atomabfällen befinden? Und wie kann man sie davor warnen? Klaus Kornwachs beteiligte sich im Rahmen einer internationalen Forschungsgruppe an dieser Fragestellung. Er kam zu dem Ergebnis, dass es keine Möglichkeit gibt, Zeichen zu installieren, die auch in 12.000 Jahren noch verständlich sind - allein das Zeichen für Radioaktivität hat sich in den letzten 50 Jahren fünfmal verändert.
Die Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen beispielsweise gelang nur mit Hilfe zweier identischer, in einem anderen Sprach- und Zeichensystem übermittelten Texte auf dem sogenannten "Rosetta-Stein". Erfolgreich konnte über Jahrtausende hinweg Wissen bislang nur dann vermittelt werden, wenn es in religiöse Bedeutungssysteme eingebettet und über Rituale weitergegeben wurde. Ist es also Zeit für einen Atomkult? Müssen Atompriester in Ritualen das komplexe physikalische Wissen an unsere Nachfahren übermitteln?
Zu Beginn des anbrechenden Informationszeitalters scheinen diese Fragen absurd zu sein. Allein das ungelöste Grundbuchproblem zeigt allerdings, wie vergänglich Bits sind.
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