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19.06.2008
 

Alkoholismustherapie

Wie Shelly in "Second Life" dem Wodka widersteht

Von Stefan Schultz

Psychotherapie am Pixelstrand, Härtetest im virtuellen Flugzeug: US-Wissenschaftler heilen in der Online-Welt "Second Life" erfolgreich Alkoholiker. In Kürze veröffentlichen sie erste Forschungsergebnisse – SPIEGEL ONLINE begleitete eine Patientin zur Therapie.

In ihrem ersten Leben war Shelly (Name von der Redaktion geändert) oft betrunken. Vor der Hochzeit ihrer Nichte hatte sie eine halbe Flasche Wodka hinuntergeschüttet und ein starkes Beruhigungsmittel genommen. Shelly saß in einem weißen Pavillon, ihr Baby auf dem Schoß, und dämmerte der Zeremonie entgegen. Plötzlich rutschte sie vom Stuhl, das Baby fiel zu Boden. Jemand griff sie am Arm und setzte sie in ein Taxi. Shelly blickte auf und sah ihre Mutter. Shelly schubste sie weg. Am liebsten, sagt sie, hätte sie weitergetrunken, so lange bis sie sich einfach auflöst.

In ihrem zweiten Leben sitzt Shelly oft am Meer. Vorne an der Brandung, wo das Wasser so eben die Füße berührt. Sie hat einen immerjungen Körper, in der Ferne kreischt eine einsame Möwe. In der Nähe flackert ein Feuer in einem Steinkreis. Der Wind trägt Funken bis ans Meer. In ihrer Pixelhand hält Shelly ein Limonadeglas. Sie könnte ewig dort sitzen und weitertrinken. Das Glas wird niemals leer.

Seit ihrem 16. Lebensjahr war Shelly Alkoholikerin. Seit einem Jahr macht die heute 44-Jährige eine Therapie der besonderen Art: Sie ist Patientin der Accelerated Recovery Centers, der ersten Alkoholikerhilfe, die die Online-Welt "Second Life" in ihr Therapiekonzept integriert. Patienten werden in Atlanta und auf der virtuellen Insel Identity Island betreut. In "Second Life" führen sie Einzel- und Gruppengespräche und durchlaufen spezielle Trainingsprogramme, in denen sie lernen, auch in Stresssituationen dem Alkohol zu widerstehen.

Seit neun Monaten treffen sich rund 100 Alkoholiker und ein Dutzend Psychologen zu Gesprächen auf Identity Island. Die Ergebnisse der Testphase will die Firma demnächst veröffentlichen. Nach Angaben von Accelerated Recovery deutet vieles darauf hin, dass die Einbindung virtueller Welten Suchttherapien erheblich verbessern kann.

Shelly schlüpft in ihre Flip-Flops und verlässt den Pixelstrand. Sie geht einen Steinweg hinauf, vorbei an Laternen, Birken, gelben Büschen, und betritt ein großes Haus. In einem Zimmer stehen im rechten Winkel zueinander zwei braune Ledercouches, davor ein Holztisch, darauf eine seltsame Bronzestatue. Auf einer der Couches sitzt ein Avatar – ein Pixelmensch – schlank, braungebrannt, mit schwarzen langen Haaren. "Hallo Shelly", sagt der reale Mensch hinter dem Avatar. "Herzlich Willkommen zur Therapie."

Sünden durch einen Vorhang beichten

Das Zimmer mit der Bronzestatue gibt es wirklich. Shelly sieht das originalgetreue Abbild eines Therapieraums in Atlanta. Der Mann hinter dem Avatar ist David Stone, Geschäftsführer und Gründer der Firma Accelerated Recovery und seit über 20 Jahren praktizierender Psychologe. Er sieht seinem Avatar verblüffend ähnlich, ebenso wie Shelly dem ihren.

Aus dieser Ähnlichkeit entsteht ein Spannungsfeld zwischen Nähe und Ferne: Einerseits sind sich Patient und Therapeut virtuell nah, sprechen in vertrauter Umgebung, blicken in vertraute Gesichter. Andererseits sind sie sich körperlich fern, wodurch es leichter ist, über Intimes zu reden. "Es ist wie bei der katholischen Beichte", sagt Stone. "Man gesteht seine Sünden durch einen Vorhang."

Wie bei der Beichte oder einem realen Therapiegespräch sind die Treffen in "Second Life" zudem absolut vertraulich. Nach Identity Island führt nur ein Weg: Man wird von Accelerated Recovery persönlich dorthin gebeamt. Selbst für Linden Lab, die Erschaffer von "Second Life", ist das Areal tabu.

Shelly setzt sich auf die braune Couch, dem Therapeuten schräg gegenüber. Stone lehnt sich zurück, der Oberkörper seines Avatars verschwindet halb im Pixelleder. Den Rücken durchgedrückt, die Hände auf die Oberschenkel gestemmt, erzählt Shelly von ihrem Absturz auf der Hochzeit.

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