Von Stefan Schultz
Shelly berichtet, wie sie einen Tag vor der Hochzeit wieder mit dem Trinken angefangen hatte, weil sie erfuhr, dass sie dort ihren Bruder wiedersehen würde. Wie sie ihrem Bruder Vorwürfe machte, weil er seine Frau betrügt, und er Shelly dafür Schläge androhte. Sie erzählt, wie elend sie sich nach der Hochzeit fühlte, wie sie weitertrank, weil sie sich schämte, und wie sie sich dadurch noch elender fühlte. Wie die Familie Shelly für alles die Schuld gab und wie sie glaubte, Schuld zu sein, obwohl vieles gar nicht ihr Fehler war.
Ein halbes Dutzend Mal hörte Shelly mit dem Trinken auf, ein halbes Dutzend Mal fing sie wieder damit an. So ergeht es den meisten Alkoholikern: Das National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism der USA schätzt, dass 65 Prozent der US-Alkoholiker irgendwann rückfällig werden, die meisten noch im ersten Jahr nach der Therapie. In Deutschland liegt die geschätzte Rückfallquote bei 50 Prozent.
Volker Weissinger, Geschäftsführer des Fachverbandes Sucht e.V. räumt virtueller Therapie das Potential ein, die Rückfallquote zu senken - obwohl er der Plattform "Second Life" generell kritisch gegenübersteht. "Die meisten Alkoholiker werden rückfällig, sobald sie versuchen, sich wieder in den Alltag einzuleben", erläutert er. "Es ist wichtig, dass ihnen in Stresssituationen schnell geholfen wird. Eine virtuelle Anlaufstelle, in der Patienten orts- und zeitunabhängig Hilfe finden, wäre da ein guter, zusätzlicher Baustein."
Schocktherapie im Pixelflugzeug
Shelly macht auf Identity Island ausschließlich Gesprächstherapie, die virtuelle Welt bietet aber noch ganz andere Möglichkeiten der Therapie: Auf Identity Island gibt es zum Beispiel ein Pixelflugzeug, in das Shelly steigen könnte. In seinem Inneren dröhnen die Turbinen. Lampen flackern. Schwere Turbulenzen lassen den Boden beben, Passagiere werden unsanft in die Sitze gepresst. Vor dem Cockpit steht eine lächelnde Stewardess. Wer sie mit der rechten Maustaste anklickt, bekommt einen Beruhigungsdrink spendiert: Whiskey, Bier, Wodka, irgendwo zwischen Alkoholika versteckt auch Limonade.
Während ihre Avatare durch virtuelle Turbulenzen fliegen, liegen die Patienten in stark vibrierenden Ledersesseln. Sie tragen Spezialbrillen, die ihnen die virtuelle Welt direkt auf die Netzhaut projizieren. "Das Ergebnis ist schockierend echt", sagt Psychologe Stone. "Und es hat einen großen therapeutischen Wert. Wir können Patienten Extremsituationen durchleben lassen, in denen viele wieder zur Flasche greifen. Sie können so lernen, auch in schwierigen Momenten dem Alkohol zu widerstehen."
Shelly hat seit zwei Jahren keinen Alkohol mehr getrunken. Vor einiger Zeit schlenderte sie mit Bob, einem anderem Patienten, einen Steinweg hinauf. In der Ferne rauschte leise das Meer. Shelly und Bob setzten ihre Avatare in einen Springbrunnen hinein. Nach einer Weile merkten sie, dass sie nicht wieder hinauskamen. Erst lachten sie über ihr Missgeschick, dann schämten sie sich ein bisschen. Jeden Moment könnte sich ihr Therapeut vor ihnen materialisieren, und was sollte der dann wohl denken?
Eine Stunde unterhielten sie sich, über Therapie, Kinder und einen möglichen Fluchtweg aus dem nassen Pixelverließ. Dann entdeckte Bob den Ausweg: Er drückte eine Taste, und sein Avatar hob vom Boden ab. Shelly tat es ihm nach und begann zu schweben. Gemeinsam flogen sie davon.
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