Von Frank Patalong
Mitte der siebziger Jahre machte die IT-Technik einen gewaltigen Satz nach vorn. Chips begannen, auch in der ganz profanen Alltagstechnik dem Transistor Konkurrenz zu machen. Immer kleiner und leistungsfähiger wurden die Dinger - und ermöglichten den Bau erster Computer, für die man keinen Kran brauchte, um sie zu bewegen.
Ihr Manko: Im Vergleich zu den Großrechnern von IBM, Cray oder der Control Data Corporation CDC waren sie Spielzeuge. Was Kleinstfirmen wie Altair (ab 1974), Apple (ab 1976) oder Sinclair (ab 1978) da in ihren Manufakturen zusammenschraubten, wollten die Branchengrößen nicht ernstnehmen. Ein für manche der großen Firmen fataler Irrtum. Denn schnell zeichnete sich ab, dass die neuen Kleinrechner nicht nur zum Heimrechner taugten.
Sie ermöglichten auch Mittelständlern, die weder einen Mainframe noch die relativ kleinen Workstations der Firma Digital jemals hätten bezahlen können, den Einsatz von Rechnern. Als findige Informatiker begannen, diese miteinander zu vernetzen, war der vermeintliche Heimrechner zu einer echten Konkurrenz für die Boliden der Branchengrößen geworden.
Die Großen verschliefen den Umbruch
Viel zu spät erkannte das auch der Gigant IBM, der den IT- respektive Büromaschinenmarkt ein halbes Jahrhundert lang beherrscht hatte. Natürlich hatte Big Blue, wie der Koloss genannt wurde, die Kapazitäten, schnell auf die Herausforderung zu reagieren, als es sie einmal erkannt hatte. Was IBM jedoch fehlte, war ein Betriebssystem für kleine Rechner.
Es gibt eine Menge Legenden darüber, wie es zum Deal zwischen dem Start-up Microsoft und dem Branchengiganten IBM gekommen ist. Als sicher gilt, dass IBM eigentlich das Betriebssystem CP/M der Firma Digital Research lizenzieren wollte. Das Unternehmen hatte auf dem Markt der Kleinrechner für Mittelständler die Nase vorn, verpasste nun aber die Chance, sich auch auf den Heimrechner-Desktops breit zu machen. Die Verhandlungen zwischen Digital und IBM platzten.
Auftritt Bill Gates: Auch Microsoft hatte kein passendes Betriebssystem für die geplante Rechnerarchitektur von IBM, die auf Intels 8086-Chip beruhen sollte. Gates und Allen hatten aber bereits einiges an Geld gemacht mit der Programmierung verschiedener Anwendungen, unter anderem einer Basic-Variante für den Altair-Kleinrechner. Wohl deshalb klopfte IBM an. Gates verkaufte Big Blue daraufhin ein Betriebssystem, das er gar nicht hatte - er wusste aber, wo er es bekommen konnte.
Als Konkurrenz zu CP/M hatte der Programmierer Tim Paterson von 1979 bis 1980 einen Klon des CP/M-Systems entwickelt, das er QDOS, in der Variante für den 8086-Prozessor später 86-DOS nannte. Gates zahlte Paterson 50.000 Dollar für seinen CP/M-Klon und verscherbelte die Lizenz für 80.000 Dollar an IBM weiter - machte Microsoft zugleich aber zum Software-Zulieferer für IBM.
Gary Kildall, der Entwickler von CP/M, äußerte sich voll Verbitterung über die Umstände dieses spektakulären Deals: Seine Äußerungen über Gates gehören zu den frühesten Stimmen, die Gates Skrupellosigkeit vorwarfen. Doch ob Gates Kildall ausbootete oder nicht, ist hochgradig umstritten: Es soll Gates gewesen sein, der IBM erst auf Kildall und CP/M aufmerksam machte. Erst, als deren Verhandlungen platzten, preschte Gates vor.
Big Blue ging den keimenden Markt mit Macht an, der bis dahin der Firma Apple von Steve Jobs und Steve Wozniak sicher schien. Weil IBM anders als Apple keinen proprietären Ansatz wählte, sondern das Strickmuster seiner Rechner öffentlich machte, gelang binnen weniger Jahre die Etablierung eines Industriestandards. Die meisten Heimrechner waren nun - unabhängig vom Hersteller - "IBM-PCs", so wie man heute von "Windows-Rechnern" spricht.
Und anders als IBM kassierte Microsoft beim Verkauf jedes einzelnen Rechners eine Lizenzgebühr für sein nun MS DOS genanntes Betriebssystem. Bald koppelte Microsoft Office-Anwendungen daran - und der Grundstein für den Erfolg des Unternehmens war gelegt: Noch heute ist das Doppel aus Betriebssystem und Office-Paket Microsofts größte Geldquelle.
Gates war der Steve Jobs der Achtziger
Und der Urheber des cleveren Deals wurde berühmt: Bill Gates erschien nicht zuletzt aufgrund seines jugendlichen Aussehens wie die Verkörperung des jungen Nerds, der den verknöcherten, phantasielosen Management-Gestalten zeigte, wie der Hase wirklich läuft.
Gates, in Wahrheit vor allem cleverer Geschäftsmann, lief ihnen schon bald davon. Was sich IBM noch 1981 nicht vorstellen konnte, war Ende der achtziger Jahre bereits wahr: Mit Software ließ sich in der neuen PC-Welt mehr Geld verdienen als mit Maschinen. Niemand verdiente mehr als Microsoft - und kaum eine Firma litt mehr als der Riese IBM, der dem Kollaps Jahre später nur knapp entkam.
Bill Gates aber wurde zu einer Ikone zwischen Industrie und Popkultur - mehr noch als heute die Google-, Yahoo- oder Facebook-Gründer. Dass Microsoft den Entwicklungen von anderen wie Xerox oder Apple immer ein wenig hinterherhinkte, kratzte zunächst wenig am Image des strahlenden Stars einer neuen digitalen Industrie.
Dass der durchaus programmiererfahrene Gates vor allem als Manager und Kaufmann wahrgenommen wurde, der Kaufmann Steve Jobs aber als IT-Innovator, ist eine der Ironien der frühen Jahre. Was heute aber weitgehend vergessen ist: Steve Jobs wurde 1985 von Apple zum Abgang genötigt und verschwand für zehn Jahre weitgehend vom Radar der Öffentlichkeit. Bis in die erste Hälfte der Neunziger hinein war Gates die dominante Figur einer ganzen Industrie.
Erst Ende der Achtziger begann die Stimmung zu kippen: Erfolg weckt Sympathien, Größe aber macht Angst. Microsoft tat einiges dazu: Eine für die amerikanische Unternehmenskultur letztlich nicht ungewöhnliche, hochgradig aggressive Expansionspolitik machte in der öffentlichen Wahrnehmung aus dem einstigen Robin Hood langsam selbst einen Sheriff.
Microsoft wurde so zum neuen IBM, wie Google heute das neue Microsoft zu werden droht: Ein Monopol zu gewinnen, heißt auch, alle anderen gegen sich zu haben. Und die Öffentlichkeit lernte bald, dass der immer so jungenhaft-freundliche Herr Gates auch kräftig Waden beißen konnte.
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Tycoon Gates - der Buhmann der IT-Welt
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