Von Konrad Lischka
Harte Worte: "Das EU-Parlament drängt auf ein Sowjet-Internet" betitelt die Bürgerrechtsorganisation "Förderverein für eine Freie Informationelle Infrastruktur" (FFII) einen Protestaufruf. FFII-Präsident Alberto Barrionuevo beschreibt darin aktuelle EU-Gesetzesvorhaben als Vorhaben, "alle Bürger auszuspionieren, um das Urheberrecht zu schützen".
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Auf dem Programm stehen Änderungsvorschläge wie dieser des rumänischen Abgeordneten Cristian Silviu Buoi, der Internet-Provider verpflichten will, das Surfverhalten ihrer Kunden zu kontrollieren. Aus seinem Änderungsvorschlag zitiert die französische Bürgerrechtsgruppe "La Quadrature du Net":
"Mitgliedsstaaten sollen sicherstellen, dass Kundenverträge ein System von Warnungen und Sanktionen beinhalten, das Kunden sanktioniert, deren Internetverbindung für illegale Zwecke verwendet wird."
Diese Formulierung beschreibt ein System, wie es gerade Frankreich im Alleingang installiert : Hier sollen Internetprovider demnächst überwachen, wer illegale Kopien zieht. Eine Behörde soll zum dritten Mal ertappte Copyright-Sünder dann vom Netz abklemmen.
Provider sollen die Internet-Nutzung überwachen
Ähnlich wie in Frankreich zielen viele der von "La Quadrature du Net" und dem FFII veröffentlichten Änderungsanträge für EU-Gesetze darauf ab, Provider stärker in die Kontrollpflicht zu nehmen. Die Flut an Änderungsanträgen ist kaum zu überblicken, EU-Abgeordnete und Industrie-Ausschussmitglied Erika Mann (SPD) schätzt: "In unserem und dem Binnenmarktsausschuss stehen derzeit mehr als hundert Änderungsanträge an, die eine verschärfte Internetkontrolle durch die Provider erzwingen sollen."
Viele dieser Vorschläge, so die Abgeordnete im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, würden von EU-Parlamentariern aus Frankreich und Großbritannien kommen: "Diese Änderungen drängen auf eine verdachtsunabhängige Überwachung des Datenverkehrs durch die Internet-Provider."
Die Originaltexte vieler der heute zur Abstimmung stehenden Änderungen hat die Bürgerrechtsgruppe "La Quadrature du Net" in einem Wiki in der englischen und französischen Fassung veröffentlicht. Der IT-Fachdienst Heise führt als die brisantesten die folgenden auf:
Bürgerrechtsaktivisten bewerten diese Änderungsvorschläge kritisch. Die Bürgerrechtsorganisation EDRi (European Digital Rights) bemängelt in einer Stellungnahme, dass die Änderungsvorschläge so kurz vor den Parlamentsferien eingebracht wurden. Hier werde darauf spekuliert, dass die Aufmerksamkeit gerade gering sei. Die Unterstützer würden das Telekompaket "von seinen ursprünglichen Zielen des Konsumentenschutzes" zweckentfremden, so EDRi: "Sie ebnen damit den Weg für Überwachung und Filterungen des Internets durch Privatfirmen, außerordentliche Gerichtshöfe und orwellesk anmutende technische Maßnahmen."
Die Verpflichtung der Provider auf eine aktive Kontrolle der von ihnen durchgeleiteten Inhalte hält die EU-Parlamentarierin Erika Mann (SPD) für einen Paradigmenwechsel. Sie will gegen entsprechende Anträge stimmen, denn: "Provider sollten nicht zu Hilfspolizisten gemacht werden. Eine aktive und generelle Überwachung ist etwas anderes als die anlassbezogene, von einem Richter wegen Verdachtsmomenten angeordnete Überprüfung von Verbindungsdaten."
Ob die umstrittenen Vorschläge Gesetzeskraft bekommen, hängt noch von vielen Gremien ab:
Die heute Abend im Industrieausschuss beschlossenen Änderungen können in dem Verfahren überarbeitet, abgeschwächt oder verschärft werden. Allerdings, so EU-Abgeordnete Mann: "Wenn das EU-Parlament sich einmal für eine generelle Richtung, also zum Beispiel die Verschärfung der Internet-Kontrolle entscheidet, ist ein Richtungswechsel unwahrscheinlich."
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