Neue Werbemails
Witzig, witziger, Spam
Von Konrad Lischka
"Gott übernimmt Verantwortung für Hurrikan": Weil Reize wie "Viagra umsonst" sich längst abgenutzt haben, bombardieren Spammer die Welt jetzt mit skurrilen Botschaften. Gute Gags gibt's nur auf Englisch - deutscher Werbemüll ist höchstens unfreiwillig komisch.
Alles super, alles sicher, alles so gut wie geschenkt - mit solchen extremen Werbebotschaften haben Spammer die Empfänger ihrer Nachrichten abgestumpft. Wer klickt heute noch auf Nachrichten mit Betreffzeilen wie "Mercedes CLK zu gewinnen", "Bankkonto mit 2.500 Euro kostenlos" oder "Mittel gegen Impotenz"?
Eben. Ein paar Unbelehrbare fixt das sicher noch an. Doch je länger Web-Nutzer online sind, desto eher erregen die klassischen Spam-Reize (billig, nackt, lukrativ, potenzfördernd) Misstrauen statt der von den Absendern beabsichtigten Neugier.
Da kann Humor helfen. Wie wäre es mit einer Betreffzeile wie "Gott zerstört US-Stadt, weil sie nicht schwul genug ist?" (im Englischen Original: "God Destroys Boise for Not Being Gay Enough"). E-Mails mit solchen Schlagzeilen schwappen derzeit in Massen in die E-Mail-Ordner argloser Empfänger.
Und obwohl viele Mail-Anwendungen diese Nachrichten zuverlässig als Spam markieren, macht die überraschende Betreffzeile Leser neugierig genug, um die Nachricht zu lesen. So zum Beispiel den "Wired"-Redakteur Ryan Singel, der anerkennend
bemerkt: "faszinierend."
Im eigentlichen Nachrichtentext der E-Mail steht dann nur noch, dass Barack Obama magersüchtig sei und man sich doch bitte ein Beweisvideo anschauen solle.
Wer auf den Link klickt, kommt auf Seiten, die versuchen, dem Computer den Pandex-Trojaner unterzuschieben. In jeder der derzeit kursierenden Mails verweist ein Link auf eine Seite, wo ein präpariertes Video zu finden ist. Statt abzulaufen und die bizarre Mail zu erklären, drängt der Clip zur Installation eines vermeintlichen Video-Codes, der aber tatsächlich den Trojaner enthält (siehe Kasten unten).
Schad- und Spähsoftware
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Wie das
Trojanische Pferd
in der griechischen Mythologie verbergen
Computer-Trojaner
ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten
Backdoor
, einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere
Schadprogramme
nachgeladen werden.
Computerviren
befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in
Tauschbörsen
einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen:
"Root"
ist bei
Unix-Systemen
der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein
Rootkit
ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte
Shell
auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um
Trojaner
,
Viren
und andere zusätzliche
Schadsoftware
über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren
Kompromittierungen
eines Rechners.
Computerwürmer
sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein
Schadprogramm
, das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats,
AIMs
,
P2P-Börsen
und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Unter einem
Drive-by
versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von
Scripten
nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter
Schadcode
Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potentiell so gut wie jeder.
Botnets
sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die
Zombiearmeen
werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen
Web-Seiten in die Knie zu zwingen
oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei
SPIEGEL ONLINE)
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um
"falsche Software"
. Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als
Adware-Programme
belästigen sie den Nutzer mit Werbung.
Die perfideste Form aber ist
Ransomware
: Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Ein
Zero-Day-Exploit
nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von
Schadprogrammen
ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
Sogenannte distribuierte
Denial-of-Service-Attacken
(DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.
Die Schad-Software klaut sich zwecks Verbreitung geschickt Inhalte aus dem Web zusammen. Die Schlagzeile von der Gottesstrafe für die zu wenig schwule Stadt im amerikanischen Hinterland zum Beispiel haben die Spammer bei
der Satireseite "The Specious Report" abgekupfert.
Dort zitierten die Autoren nach einer Überschwemmung im mittleren Westen der USA einen erfundenen Prediger aus San Francisco, der argumentiert habe, dies sei Gottes Strafe für Menschen, die "im Alltag viel zu konservativ" seien.
Abgedrehter Spam klingt wie Spam-Satire
Und so zaubert die Spam-Software der Kriminellen hinter dem Trojaner-Spam bizarre Maschinenprosa. Das Programm kombiniert immer zwei Überschriften aus Online-Quellen wie dem Satiremagazin "The Specious Report": eine kommt in die Betreffzeile, die andere in den E-Mail-Textkörper vor den Link zum Trojaner-Video. So entstehen dann ebenso absurde wie amüsante Kombinantionen. Zum Beispiel:
- Hulk zermatscht (Video) - Paris Hilton referiert über Dickens und Dostojewski
- Präsident Bushs iPod: die gesamte Playlist - Gott übernimmt Verantwortung für Hurrikan "Katrina"
- Pferd tritt Harrison Ford in den Bauch - Mörderhaus schließt endlich
- Angelina Jolie gebiert Drillinge - Was jeder über Obamas fiese Methoden wissen sollte
An die Absurdität dieser automatisch gedichteten Nachrichten kommen die vermutlich von den Spam-Versendern selbst geschriebenen Botschaften nicht heran - aber auch die werden bemüht alberner, wie
IT-Sicherheitsanalyst Christopher Boyd bilanziert. Sein Kommentar: "So viel toller Spam zur Auswahl". In der Tat:
- "iPhone explodiert beim Aufladen"
- "Jesus zerstört Madonnas ehemaliges Anwesen"
Das ist so überdreht, dass es fast schon als Spam-Satire durchgeht. An dieses Niveau reichen deutschsprachige Spam-Botschaften meist nicht heran. Das war schon vor zwei Jahren so,
als SPIEGEL ONLINE die bizarrste Werbelyrik kürte (siehe Kasten unten).
Deutschsprachiger Spam ist inzwischen immerhin unfreiwillig komisch. Es gibt noch immer die Klassiker der Babelfish-Dichtung - schiefe Computer-Übersetzungen wie diese:
- "Hallo, ich bin der Manager 'Euro Software' und mich froh, dir anzubieten"
- "Es sind die Programme notig? Drucke hierher"
Neu sind die biederen Botschaften von offensichtlich halbwegs engagierten Muttersprachlern. Die formulieren ihre Spam-Prosa so ausführlich, so bemüht seriös und dabei unfassbar dilettantisch, dass sie auf eine ganz eigene Art unterhalten. Zum Beispiel die E-Mail-Werbung für den "Profi-Alkohol-Test".
"Blut und Alkohol, in der Tiefe der Lunge"
Fast 4000 Zeichen Text hat die Werbemail - beinahe so viel wie dieser Artikel. Die Betreffzeile erklärt väterlich: "Ein Betrieb kann mit zu viel Alkohol oder überhaupt Alkohol nicht profitabel arbeiten." Die schönsten Stellen der ungelenken Werbenachricht:
- Die Spammer können sich nicht entscheiden, wie ihr Produkt heißt. Mal ist es der "Profi-Alkohol-Test", dann wieder der "TEST 2007" (ein Jahr zu spät dran?). Werbeslogan: "TEST 2007 - Der Profi-Alkohol-Tester für alle Gelegenheiten." Und gemeint sind wirklich alle Gelegenheiten: "Sozialstationen, Industrie, Verkehrsbetriebe und Wachunternehmen oder wo auch immer."
- Wie das 98 Euro billige (statt 1000 Euro!) Gerät funktioniert, versucht die Spam-Botschaft mit vielen Worten zu erklären und verliert sich dabei in herrlichen Sätzen wie: "Blut- und Atemalkohol stehen in einem engen Verhältnis zueinander. In der Tiefe der Lunge."
- Schulterklopfsätze wie dieser klingen nach "7. Sinn"-Parodie: "Oftmals wurden sicher die Risiken nach dem Genuss von Alkohol verdrängt. Vielleicht war auch nicht bekannt, dass es handliche Geräte für den privaten Gebrauch gibt."
"Nationalstolz macht immer einen guten Eindruck"
Ein Alkohol-Tester erscheint ja zumindest vom Prinzip her sinnvoll - doch richtig schwer haben es die Superflaggen-Spammer: Bei einem 6,20 Meter hohen Flaggenmast (mit Nationalflagge "A, CH oder andere auf Wunsch") muss der Absender sich schon viel Mühe geben, um einen Nutzen für sein Produkt zu finden. Die Superflaggen-Verkäufer versuchen es mit dieser Betreffzeile: "Nationalstolz macht immer einen guten Eindruck."
Und dann geht es in der E-Mail im Großbuchstaben-Kommandoton weiter: "FLAGGE HISSEN!".
Wo? Wo auch immer: "In Ihrer Firma, Bei Festen, Beim Sport, Camping, Beim Jubiläum, Im Club, Im Garten, Zu Hause".
Moment, ein 6,20 Meter hoher Flaggenmast "Zu Hause" oder "im Club"? Egal: Wer 6,20 Meter hohe Decken hat, bekommt bei den Superflaggen das volle Programm: "Alle Nationen jetzt lieferbar!", jubeln die Spammer.
Das Flaggengeschäft scheint recht gut zu laufen, denn auf der beworbenen Flaggenseite sucht das Unternehmen neue Mitarbeiter. Einsatzort: "Belgien (10 km zur deutschen Grenze)."
Welche Flagge dort wohl gehisst wird?
Aufruf: Schicken Sie uns ihre liebste Spam-Lyrik, ihre schönsten E-Mail-Bizarrheiten, möglichst in kurzen Häppchen, gern mit knapp gehaltener eigener Interpretation. Scheuen Sie sich nicht, nur einen einzigen Satz (oder irgendetwas, das typografisch als solcher betrachtet werden könnte)
zu schicken, wenn er Ihnen aus der Seele spricht. Komplette E-Mails dagegen bitte nicht schicken. Betreffzeilen-Stichwort: Spamlyrik.
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