Comics und das Web Was planen die deutschen Verlage?
Comics waren über Jahrzehnte das "Jugendmedium" schlechthin. Nun haben sie virtuelle Konkurrenz bekommen. Mit welchen Strategien reagieren Deutschlands Verlage darauf?
Klar sei es wichtig, meinen Kaps, Egenberger und Berling unisono, sich künftig mehr im Web zu engagieren. Doch ihre Strategien sehen anders aus. Carlsen, im Web bisher eher schüchtern, plant eine neue Website für den Januar. Der Shopping-Aspekt solle ausgebaut, an der Community gefeilt werden. Das tolle am Web, meint Lektor Joachim Kaps, sei doch, dass "der Verlag wieder näher an den Leser" heranrücke. Für ihn ist das Web ein Instrument der "Metakommunikation", ein Ort, an dem man mit Fans über Comics reden könne. "Mittelfristig", sagt Kaps, "kann ich mir eine Zweitverwertung von Comics im Web vorstellen".
Anna Berling von Dino hat die Erfahrung gemacht, dass das Web ein durchaus ideales Medium ist, um Comicfans anzusprechen. "Wir haben ja den direkten Vergleich. Der Prozentsatz der Comicleser, die uns über das Web Feedback geben, liegt weit über dem der Leser anderer Zeitschriftenangebote." Eine Korrelation sei das: Web-Surfer sind offenbar Comic-freundlich eingestellt - und umgekehrt? Dino leistet sich ab Januar einen Webmaster und eine neue Präsenz, plant Chats, Produktnews und E-Commerce. Am Web, das ist den Meistern der Medien-Cross-Promotion klar, geht kein Weg mehr vorbei.

Ehapa
Comicverlage wie Ehapa reagieren mit multimedialen Angeboten auf die Veränderung der Medienwelt
Und das wissen auch die Stuttgarter Nachbarn von Ehapa. Marion Egenberger beansprucht schon jetzt, mit der Ehapa-Präsenz über den "größten Treffpunkt für Kinder und Jugendliche" im deutschsprachigen Web zu verfügen.
"Fun Online" heisst das Zauberwort - eine "Portalseite", die ursprünglich einmal als geschlossener Onlinedienst für Kinder gedacht war. Damit fiel Ehapa auf die Nase - und lernte daraus. Jetzt setzt Ehapa auf werbende und kundenbindende Effekte: "Cross-Promotion" heißt auch hier das Zauberwort. An Direktverkauf oder Merchandising über das Web glaubt sie nicht, zumindest nicht im großen Maßstab: "Das Internet wird nicht so viel hergeben. Wir verkaufen über Grossisten, über den Kiosk und den Buchhandel."
Doch mittelfristig werde Ehapa, werden Comics generell vom Web profitieren: Im Joint Venture mit EM.TV gründete Ehapa in diesem Jahr das Unternehmen "Junior". Das Ziel: Produktion und Promotion von Charakteren für Kinder im Dreiklang der starken Medien Print, TV und Internet. Also ein klares "Jein" der deutschen Verlage zum Internet: Ja, man muss mehr tun, viel bieten; und nein: Man muss es zusätzlich zum Stammgeschäft tun - nicht stattdessen. Denn wie sollte man sonst sein Geld verdienen?

DINO
Anne Berling, Chefredakteurin der Dino-Comicredaktion
Stan Lee glaubt zu wissen, wie das funktionieren könnte. Dem Vorbild der florierenden Internet-Startups folgend sucht er die
Refinanzierung ausschließlich an der Börse, lockt Anleger mit Aussichten auf Umsätze aus Online-Abonnements, E-Commerce und Merchandising. Seit Anfang des Jahres ist er am OTC-Markt des Nasdaq notiert, seit Herbst auch an der Frankfurter Börse. Akienkurse sucht man jedoch vergeblich: Bisher wird Stan Lee Inc. nur im Telefonhandel, nicht jedoch auf dem Parkett gehandelt. Kein Wunder, denn noch ist das Unternehmen ohne Produkt und Umsatz. Das wird sich im Januar ändern - oder auch nicht: Die Frage, ob das Web nun Rettungsanker oder Sargnagel des Comics sein wird, könnte sich am Beispiel seiner Firma beantworten lassen.

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Marion Egenberger spricht für Ehapa
Die Deutschen setzen auf "Schuster, bleib bei deinen Leisten" - und darauf, nebenbei noch sehr web-aktiv zu sein. Wenn sie richtig liegen, wird das Web als Kontakt- und Werbemedium ihren Umsätzen Flügel verleihen. Wenn sie falsch liegen, könnte das fatal enden. "Noch nie", meint Joachim Kaps von Carlsen, "hat ein Medium ein anderes verdrängt. Web und Comic werden sich ergänzen." Klingt plausibel - und erinnert an die Meinung vieler Hollywood-Produzenten in den Zwanziger und Dreißiger Jahren des Jahrhunderts. Die hatten sich sowohl gegen den Farbfilm als auch gegen den Tonfilm gesträubt. Den technischen Wandel überstanden nur die, die sich auf die jeweils neueste Produktionsform einließen.
Frank Patalong
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