Um mit einem verbreiteten Missverständnis gleich zu Anfang aufzuräumen: Es war gar nicht Hamlet. Shakespeare ja, Hamlet nein. Lord Polonius war's, zu Hamlets Mutter sagt er: "Brevity is the soul of wit". Im Deutschen sagen wir: "In der Kürze liegt die Würze". Das angenehm kurze Zitat wird heuer 405 Jahre alt. Der Vorteil von Shakespeare: Er war nie so aktuell wie heute (und das schon immer).
So viel Kürze wie heute war nie.
Zu keiner Zeit war knapp kommunizieren so modern wie jetzt - von den mutmaßlich eher kurz gehaltenen Grunzlautkonversationen aus der Frühzeit menschlicher Gesellschaften einmal abgesehen.
In bestimmten kommunikativen Situationen ist zwar das Einsparen von Worten und Zeichen schon länger Tugend (CB-Funk: "Over", Telegramm: "Stop", Zettelchen unter der Schulbank: "Boah, Sabrinas T-Shirt!!!"). Aber so richtig Mainstream ist die totale kommunikative Verknappung erst seit Ende der Neunziger.
Mit dem Siegeszug des Handys ist die SMS zum Geschlechtsverkehrsanbahnungsinstrument No. 1 geworden - die Social Networks holen erst langsam auf, auch wieder mit sparsamen Kommunikationsformen wie "Gruscheln" und "Poken". Nie wurde knapper, nie präziser geflirtet. Damit tritt die digitale Kurznachricht gewissermaßen das Erbe des Grunzlautes an.
Der Unterschied: Letzterer kam eher spontan aus der Urmenschenkehle, erstere ist nicht selten ein Produkt ausführlicher Überlegungen und Erwägungen. Manche behaupten sogar, SMS stünde in Wirklichkeit für "Sinnieren, Modifizieren, Senden". Schließlich können sehr wenige Worte sehr viel bedeuten. Zum Beispiel: "Ich habe dich gern, aber ich habe es mir noch mal überlegt. Es geht nicht. Ich wünsche dir alles Gute." Fragen Sie mal Ralph Siegel.
Nach "entgegnet ihm finster" wäre Schluss
Längst ist die Kurznachricht über die minderjährigen Early Adopter hinausgewachsen. Gestandene B-Prominente beenden ihre Beziehungen damit, und sogar die Kanzlerin ist begeisterte Simserin. Kürze gilt heute als universell erstrebenswert. Gut so. Wenn schon Informationsüberflutung, dann wenigstens in mund-, pardon, hirngerechten Häppchen. Lange E-Mails stehlen einem bloß Lebenszeit.
Eine SMS umfasst maximal 160 Zeichen. Das reicht zwar nicht für Schillers "Bürgschaft" (nach "entgegnet ihm finster" wäre Schluss, "der Wüterich" müsste schon in die nächste SMS), genügt aber zum Beispiel für die meisten Aphorismen von Lichtenberg. "Ich vergesse das meiste, was ich gelesen habe; nichtsdestoweniger aber trägt es zur Erhaltung meines Geistes bei." (112 Zeichen)
Eine Internet-Suche nach "160 Zeichen" wirft heute fast 160.000 Treffer aus. "160 Zeichen" ist ein kultureller Topos: Es gibt SMS-Literatur, SMS-Haikus - und natürlich Mahner, die vor der 160-Zeichen-isierung der Sprache warnen. Was der Jugend egal ist, die auf Kulturpessimismus in der Regel in der gebotenen Kürze reagiert: mit " lol" zum Beispiel. Oder mit: " O rly?"
Laut der Anthropologin Jan English-Lueck von der San José State University betrachten Jugendliche die SMS als "Form, in der sie sich authentisch ausdrücken können". Will sagen: Wer sich so kurz fasst, hat kaum Platz für Posen und Lügen. Glaubt jedenfalls die Jugend, womit sie selbstverständlich irrt. Schließlich bestehen die kürzesten Lügen immer aus zwei ("Liebst du mich wirklich?" - "Ja") oder vier Buchstaben ("Hast du Sabrinas T-Shirt bemerkt?" - "Nein"). Aber der Glaube an kurze Wahrheiten ist nun mal das Vorrecht Heranwachsender.
140 Zeichen - zu wenig für Geschlechtsverkehr?
Nur folgerichtig, dass die Verknappung nun weiter vorangetrieben wird. Eine Suchanfrage nach "140 Zeichen" wirft heute bereits fast 50.000 Googletreffer aus. Warum? Nicht etwa, weil 20 Zeichen weniger besser, ehrlicher und, glaubt man Polonius, auch witziger sind. Sondern wegen Twitter. Das Microblogging-System setzt dem Mitteilungsdrang seiner Nutzer eine Grenze von 140 Zeichen pro Botschaft.
Twitter wird allerdings eher von Präsidentschaftskandidaten, pummeligen Silicon-Valley-Nerds Ende dreißig und um Hipness bemühten Technikjournalisten benutzt als von der Jugend. Vielleicht sind 140 Zeichen zur Geschlechtsverkehrsanbahnung einfach gerade 20 zu wenig? Oder die Jugend benutzt, wenn schon am Rechner, lieber Instant Messenger wie ICQ? Weil man da dann unter sich ist - und nicht noch 23 um Hipness bemühte Technikjournalisten mitlesen?
Wie auch immer - der Verknappungstrend ist eh längst eine Runde weiter. Diesmal geht es nicht nur um Liebesbotschaften, sondern um etwas, was gängiger Feuilletonistenmeinung zufolge kaum unter 10.000 Zeichen geht: Rezensionen. Ein von drei US-Studenten gegründetes StartUp namens " PhrazIt" setzt dafür eine neue Zeichenzahl-Obergrenze von 30. 30 Zeichen, um ein Urteil abzugeben. Die am häufigsten eingegebenen oder angeklickten Begriffe erscheinen in einer Wortwolke am größten, die weniger häufig vertretenen kleiner.
Die Queen: "alt"
Alles lässt sich so bewerten: Der neue Batman-Film (momentan führend: "phänomenal"), George Bush (führend: "Hat den IQ eines Stückes Treibholz"), oder die Queen (führend: "alt"). Die Gründer sind der Meinung, PhrazIt fülle eine Lücke, indem es "die Schnelligkeit von Punkt-Wertungen mit dem Informationsgehalt geschriebener Besprechungen verbindet".
10.000-Zeichen Feuilletonisten werden da gequält aufstöhnen. Shakespeares Polonius allerdings müsste sich bestätigt fühlen, wenn es ihn wirklich gäbe.
Der berühmte Satz über die Kürze geht übrigens noch weiter. Im Grunde ist er auch so eine Art Kurzkritik: an Hamlet, also gewissermaßen der damaligen Jugend von heute, die man auch damals schon als ein bisschen irre betrachtete. Polonius, in der Schlegel-Übersetzung, zur Königin:
"Weil Kürze denn des Witzes Seele ist, Weitschweifigkeit der Leib und äußre Zierat: Faß ich mich kurz. Eur edler Sohn ist toll."(126 Zeichen)
Auf anderen Social Networks posten:
Hallo Papene, Ok geb mich geschlagen, einsichtig und geläutert! Dennoch denke ich dass die wenigsten Zeitgenossen das Wort Witz in dem dort gemeinten, tiefgründigeren Sinne wahrnehmen. Und sowieso wollte ich eh nur dem hippen [...] mehr...
@ aug apfel Hab nix gegen Schlauberger, bin ja selbst gern mal einer. Und wenn schon über Schlegel meckern, dann dort wo's sich gehört. Aber sicher nicht bei "wit" als "Witz". SchlagnachbeiGrimm (Leipzig: [...] mehr...
..."brevity is the soul of wit".... übersetzt der Schlegel das allen Ernstes mit " des Witzes Seele"? Wit oder wits steht in diesem Zusammenhang( und auch sonst) für geistige Gewieftheit, Verstand oder [...] mehr...
sommerloch im internet. respekt! ist neu. wäre vielleicht ein artikel wert? nix für ungut A aus M mehr...
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