Von Stefan Krempl
Obwohl das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie gerade in der Ausstellung Net_Condition den digitalen Kunstraum beleuchtet und auch das New Yorker Whitney Museum of American Art im Frühjahr erstmals netzbasierte Kunstwerke ausstellen will, tut sich der offizielle Kunstbetrieb noch schwer mit dem Geschäft rund um die Exponate aus Bits und Bytes. Denn die Netzkunststücke sind genauso flüchtig und leicht kopierbar wie alle Daten in Digitalien und somit denkbar schlecht für den Verkauf sowie die Besitzgier der Sammler geeignet. Einzelerfolge wie der Verkauf des Werkes Longitude 38° des französischen Netzkünstlers Valéry Grancher für 5000 Dollar an die Stiftung von Cartier sind die Ausnahme. Die meisten seiner Kollegen verscherbeln ihre Stücke höchstens bei eBay für eine Hand voll Dollars.
Was genau da ist oder war, ist den Beteiligten allerdings selbst nicht so richtig klar. Noch streiten sich Künstler und Kritiker, ob das nicht das ganze Netz Kunst ist - "net = art" lautet das Credo des bereits in den Ruhestand getretenen Pioniers Heath Bunting. Umstritten ist auch, ob erst das Web die Netzkunst hervorgebracht hat oder schon die Mailbox und ob man Online-Kunstwerke, die offline oder auf CD-Rom genauso funktionieren, wirklich als Netzkunst bezeichnen kann. Baumgärtel jedenfalls betont, dass er keine Bibel der Netzkunst erstellen oder "irgendwelche Klassiker" eines jungen Genres küren wolle. Wer den dogmatischen Pfadführer durch die verschlungen Archive der Netzkunst sucht, kann sich zwar an Baumgärtels sechs Prinzipien von Netzkunstwerken fest halten. Doch andererseits treffen "Konnektivität, Globalität, Multimedialität, Immaterialität, Interaktivität und Egalität" auf so ziemlich jede Website zu.
Im Mittelpunkt von "net.art" stehen die Künstler selbst, durch deren Gedankenkosmos sich Baumgärtel in den vergangenen zwei Jahren geplaudert hat. So erfährt man, das Netzkunst oft ganz einfach ist: Vuk Cosic etwa kopierte nur die Website der documenta X, die zum Ende der Ausstellung im Herbst 1997 aus dem Netz verschwinden sollte, auf seine private Homepage und wurde durch den "Kunstdiebstahl" berühmt. Mit der Aktion wollte er "das Computerhacken zu einem Teil der Kunstgeschichte machen. Den Diebstahl auch." Die Vorstellung, dass Netzkunst subversiv, dem Hacken verwandt ist und die tradierten Vorstellungen von der Kunstproduktion und dem -betrieb unterläuft, zieht sich durch viele der Gespräche: Man müsse alle, die kreativ mit Computersystemen umgehen, in die Definition des Künstlers aufnehmen, fordert etwa der Vater der "Telekommunikationskunst", Robert Adrian X.
Dass die einen spielerischen Umgang mit der Technologie pflegenden "Hacker Künstler sind und manche Künstler eben Hacker", findet auch die Hamburger Cyberaktionistin Cornelia Sollfrank. Ganz in diesem Sinne "hackte" sie 1997 den Netzkunst-Wettbewerb "Extension" der Hamburger Kunsthalle, indem sie von über hundert E-Mail-Adressen mit Frauennamen "Kunstwerke" an die gutgläubige Jury schickte, die ihr automatischer, Versatzstücke von Websites zusammenklauender "Netzkunstgenerator" erstellt hatte.
Andere Künstler schauen dem Netz unter die blinkend-bunte Fassade. Die Londoner Künstlergruppe I/O/D etwa bastelte mit dem "Web Stalker" einen Browser, der die besuchten Seiten in Ausschnitte aus dem HTML-Code und Linkstrukturen zerlegt. "Wir wollten ein Stück Software produzieren, das das Netz mit seinen spezifischen Eigenschaften ernst nimmt", erklärt Matthew Fuller von I/O/D. Alexei Shulgin, das russische "Enfant terrible" der Szene, entwickelte mit Form Art eine parodistische Kunstform, die letztlich nur mit CGI-Formularen spielt. Joan Heemskerk und Dirk Paesmans, die das Künstlerduo Jodi bilden, wollen mit ihrer Dekonstruktions-Site, die den Browser in ein beunruhigendes Eigenleben stürzt, gegen die blinde Übernahme von High-Tech in alle Lebensbereich demonstrieren. "Wir erforschen den Computer von innen, und reflektieren das im Netz."
Fasziniert scheint Baumgärtel vom "Business Model" zu sein, mit dem die "brotlosen" Netzkünstler sich und ihre Arbeit finanzieren. Schnell wird in den Antworten auf die in kaum einem Interview fehlende Frage klar, dass die Modelle noch ausbaufähig sind: Letztlich ernähren sich die Künstler bisher allein durch die Aufmerksamkeit, die sie bei den Machern von Kongressen erregen. Das "Anti-Establishment" scheint dabei eine von fast allen akzeptierte Methode gefunden zu haben, das System zu hacken: "In einem Artikel nach dem anderen, bei einer Konferenz nach der anderen", so die russische Netzkünstlerin Olia Lialina, würden Künstler und Aktivisten nur "erzählen, dass Netzkunst keinen finanziellen Wert hat" - und gerade damit "Geld und Karriere" machen.
Die nicht minder geschäftstüchtige Lialina, die ihren Netzfilm "My boyfriend came back from the war" von 1996 an das Webmagazin "Telepolis" verkauft hat, will bei der Tränendrüse-Masche nicht mitmachen. Im Sommer 1998 eröffnete sie eine eigene Netzkunstgalerie, den ersten Handelsplatz für die bei Lialina nicht unter 1000 Dollar erhältliche Kunstform. Eine Abhilfe gegen die Flüchtigkeit des Mediums will die Galeristin auch gefunden haben: "Originale" werden durch ein Zertifikat ausgewiesen. Man könne zwar den Code und die Bilder eines Netzkunstwerks kopieren, nicht aber die URL. Wenn Lialinas Beispiel Schule macht, dürfte die "implizite Absage an ein produktorientiertes Kunstverständnis" der meisten Netzartisten, die Baumgärtel beschreibt, bald der Vergangenheit angehören.
Tilman Baumgärtel: "net.art", Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 180 Seiten, 58 Mark
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